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Kurze Geschichte der pfälzischen Flüchtlinge

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Ein Zeitzeugnis ohnegleichen

Am 11. August 1709 erscheint in England ein Text, der die unbedingte Aufnahme deutscher Flüchtlinge fordert. Das Argument: Die Aufnahme werde England zu nationaler Ehre gereichen und einen beträchtlichen wirtschaftlichen Gewinn mit sich bringen. Der Autor: Daniel Defoe. Zu Zehntausenden kommen die Menschen aus der Pfalz, um Armut und religiöser Verfolgung zu entgehen. Rufe nach Obergrenzen, Kontingenten und Flüchtlingskolonien werden laut, und auch damals gibt es gute Gründe dagegen. Defoe verschafft sich Zugang zu offiziellen Dokumenten und Statistiken, führt zahlreiche Interviews. Was er in Erfahrung bringt, ist erschütternd, aber nicht aussichtslos. Er berichtet von fremdenfeindlicher Hetze gegen die Deutschen ebenso wie von der Zivilcourage vieler Privatleute, die versuchen, den Heimatlosen neue Hoffnung zu geben.

89 pages, Kindle Edition

First published January 1, 1709

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About the author

Daniel Defoe

5,991 books2,159 followers
Daniel Defoe was an English novelist, journalist, merchant, pamphleteer and spy. He is most famous for his novel Robinson Crusoe, published in 1719, which is claimed to be second only to the Bible in its number of translations. He has been seen as one of the earliest proponents of the English novel, and helped to popularise the form in Britain with others such as Aphra Behn and Samuel Richardson. Defoe wrote many political tracts, was often in trouble with the authorities, and spent a period in prison. Intellectuals and political leaders paid attention to his fresh ideas and sometimes consulted him.
Defoe was a prolific and versatile writer, producing more than three hundred works—books, pamphlets, and journals—on diverse topics, including politics, crime, religion, marriage, psychology and the supernatural. He was also a pioneer of business journalism and economic journalism.

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Profile Image for nettebuecherkiste.
755 reviews196 followers
June 3, 2021
Im frühen 18. Jahrhundert flüchteten Tausende Menschen aus der Pfalz aufgrund von Armut und Krieg sowie religiöser Verfolgung nach England. Dort erging es ihnen, wie es auch heute noch vielen Flüchtlingen erging: Wie John Robert Moore in seinem Vorwort schreibt, waren

„nur wenige Sprengel bereit, den Fremden ohne Garantie, sich nicht aufzuhalten, den Durchgang zu erlauben; jeder Konflikt mit den Einheimischen wurde aufgebauscht und den Auswanderern angelastet.“ (Seite 10)

In dem Schriftsteller Daniel Defoe fanden die pfälzischen Flüchtlinge einen prominenten Fürsprecher – 1709 erschien der vorliegende Text, in dem Defoe sich leidenschaftlich für deren Aufnahme und Integration in die englische Gesellschaft ausspricht.

Er beklagt die Vorurteile, denen die Flüchtlinge häufig begegneten, die Scheinheiligkeit der Christen, die sich „ganz im Gegensatz zu der Religion, zu der sie sich bekennen…“ (Seite 29) unbarmherzig und lautstark gegen die Flüchtlinge wandten, und betont, wie nützlich und wichtig die fleißigen Einwanderer auch aus wirtschaftlichen Gründen für das Königreich seien.

Das klingt sehr modern und vorbildlich und lässt unsere heutige Gesellschaft, die sich immer noch eher abweisend gegenüber Flüchtlingen verhält, in einem schlechten Licht dastehen. So ist Defoes Essay immer noch brandaktuell und eine lohnende Lektüre.

Es soll jedoch nicht verschwiegen werden, dass Defoe nicht mit allen Menschen so milde umgeht. Er betont die Arbeitsamkeit der Flüchtlinge im Gegensatz zur mittellosen Bevölkerung Englands, die nach Defoes Ansicht, gar nicht arbeiten wollten:

„…, wir haben eine große Zahl von Landstreichern und handfesten Bettlern, die nicht arbeiten, solange sie vom Betteln leben können.“ (Seite 31)

Das erinnert nun eher an polemische Aussagen über Hartz IV-Empfänger.

Was die Beschäftigung der Flüchtlinge angeht, ist Defoe ein Kind seiner Zeit, verweist er doch darauf, dass „ein Kind von sechs Jahren oder jünger“ (Seite 74) sich seinen Lebensunterhalt in zwei Monaten verdienen könne…

Sprachlich ist der Text schließlich erwartungsgemäß von seiner Entstehungszeit geprägt, sehr förmlich und teilweise umständlich formuliert, was aber seinen eigenen Reiz hat oder gar belustigend wirkt („in dem letzten Brief, den von Ihnen zu erhalten Sie mich auszeichneten…“ (Seite 19)).

Kurz gefasst, es handelt sich um eine empfehlenswerte Lektüre vor dem Hintergrund der Flüchtlingsthematik.
Profile Image for Semjon.
796 reviews528 followers
June 4, 2021
Im Jahr 1709 flüchten nach einem verheerenden Winter und geplagt durch permanente Kriegshandlungen am Ende des 17. Jahrhunderts rund 13.000 Pfälzer nach England. Sie erhoffen sich eine Weiterfahrt in die Kolonien nach Amerika, da dort angeblich Arbeitskräfte gesucht wurden. Gegen Zuwanderung hatte England ja nichts, aber dann gleich so viele? Da gab es schnell Antipathien gegen die in Zelten und Hütten nächtigten Pfälzer vor den Toren Londons. Und da ergreift der Daniel Defoe als Journalist das Wort und plädiert für eine Einbürgerung dieser Poor Palatinates.

Ich gebe zu, da spielte bei meiner Begeisterung schon eine gehörige Portion Heimatliebe als Pfälzer eine Rolle, als dieses kleine Pamphlet in unserer Leserunde zum Monatsbuch gewählt wurde. Der Verlag bewirbt es mit „erschreckender Aktualität“ des Themas. Soweit würde ich nicht gehen, um aus der Flüchtlingskrise vor 300 Jahren Lehren für heutige Zeit zu ziehen. Interessant ist es aber allemal, wie rational es Defoe vorrechnet, dass eine Einbürgerung der Menschen eine Win-Win-Situation für Staat, Einheimische und Flüchtlinge haben kann. Unter Beachtung der mittlerweile anerkannten volkswirtschaftlichen Theorien hinken da zwar manche Beispielsrechnungen, aber hier steht auch der moralische Aspekt der Hilfeleistung vor den materiellen Auswirkungen. Wie würde doch die Großzügigkeit einer Integration dem englischen Königshaus zum Wohl gereichen. Schon allein sprachlich sehr amüsant.

Viel gebracht haben seine Worte aber nichts, denn nur ein sehr geringer Teil blieb tatsächlich auf der Insel und wurde britische Staatsbürger. Ein Viertel ging nach Irland, einige tatsächlich nach Pennsylvania, doch viele Flüchtlinge starben oder kehrten zurück. Eine spannende, kleine Lektüre.
Profile Image for Steffi.
1,156 reviews286 followers
June 5, 2021
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wanderten Zehntausende Pfälzer nach England aus. Defoe, nicht nur erfolgreicher Romanautor, sondern engagierter Journalist, hat darüber einen kurzen Text geschrieben, der sich mit Fluchtmotiven, Vorurteilen gegen die Fremden, wirtschaftlichen Erwägungen und Verteidigern der Flüchtlinge auseindersetzt. Vieles kommt einem bekannt vor, manches ist sicher auch anders. Insbesondere der veraltete Schreibstil kann den Lesefluss aber durchaus bremsen, auch wenn das Thema hochinteressant ist. So wurde mir selbst dieser kurze Text gelegentlich ein klein wenig zu lang.

Der eigentliche Mehrwert dieses Buches ist, dass es zu Recherchen und Diskussionen anregt. In einer Lesegruppe gelesen, führte mich die Lektüre so zu den pfälzischen Auswanderern in den USA (Stichwort: Pennsylvania Dutch), dem Dialekt der Pfälzer, zur historischen Situation in Europa um 1700 und gar zu unserem heutigen Wirtschaftssystem.

Vor diesem Hintergrund gibt es einen zusätzlichen Stern, denn wenn eine Lektüre dermaßen anregend ist, spricht das für das Buch.
Profile Image for Babette Ernst.
376 reviews91 followers
June 8, 2021
Robinson Crusoe war bei mir Schullektüre und der erste Klassiker, den ich las. Aber dass Defoe sich so vehement für politische Belange einsetzte, war mir völlig neu, ebenso wie die historische Grundlage dieses Buches, die Flucht von über 10.000 Pfälzern nach England.

Ich fand es erstaunlich, wie auch vor über 300 Jahren die Meinungen zu Flüchtlingen auseinandergingen. Manche Argumente und Ansichten haben sich nicht geändert. Defoe setzt sich mit seiner ganzen Argumentationskraft für die Geflüchteten, die er immer „the poor Palatines“ (die armen Pfälzer) nennt, ein. Da es sich um Protestanten handelte, gab es zumindest keine religiösen Konflikte, aber es gab jede Menge Gerüchte von Straftaten, Hinweise auf die eigenen Armen, die schwere eigene wirtschaftliche Situation usw. Gegen alle Einwände richtet sich Defoes Pamphlet zunächst mit den Geboten der christlichen Nächstenliebe, aber dann mit handfesten wirtschaftlichen Überlegungen und Vergleichen z. B. mit der Aufnahme der Hugenotten in Preußen.

Es war sehr interessant, eine bisher unbekannte Seite der Geschichte kennenzulernen, die Lage der Pfälzer, die Hintergründe ihrer Flucht, die Situation in England und die Abwägung verschiedener anderer Vorschläge, wie mit den Deutschen umgegangen werden sollte, mit Defoes Augen zu betrachten. Auch wenn es ein sehr subjektives Buch ist, das die Aufnahme von Menschen in Not unbedingt befürwortet, so lassen sich die Gegenargumente aus dem Geschriebenen ablesen und werden im Vorwort noch konkreter erläutert. Manche Meinung zeigt zwar viel Mitgefühl für die armen Pfälzer, die Defoe grundsätzlich für besonders fleißig hält, aber keinerlei Mitgefühl für die Ärmsten im eigenen Land: „...könnten drei Viertel der Armen in England für sich selbst aufkommen, und bis sie das tun, werden sie, da lange schon an Müßiggang und ans Bettelgewerbe gewöhnt, nie arbeiten, bis Strafe sie dazu zwingt...“

Um die Situation 1709 und den damaligen Umgang damit kennenzulernen, ist es ein empfehlenswertes Buch.
Profile Image for Antje.
695 reviews62 followers
June 2, 2021
Mr. Defoe hat mich mit dieser seiner Schriften überrascht und vereinzelt Bildungslücken gefüllt.
Zwar quälte mich mitunter seine antiquierte Sprache mit schier endlosen Schachtelsätzen. Doch war mir bislang nie bekannt gewesen, dass zu Beginn des 18. Jahrhunderts schätzungsweise 10.000 Flüchtlinge aus der Pfalz auf der Britischen Insel eine neue Heimat suchten.
Defoe war bemüht, um Aufklärung zu sorgen und mit Vorurteilen aufzuräumen. Außerdem wurden mehrere Alternativen durchgespielt, wie die Pfälzer unterstützt werden könnten.

Was letztlich aus den Flüchtlingen geworden ist, bleibt leider unausgesprochen. Aus soziologischer Sicht bleiben somit bei mir etliche Fragen offen. - Nichtsdestotrotz sehe ich das Lesen dieser Schrift als Impuls, mich tiefer in diese Materie einzuarbeiten.
Profile Image for uk.
250 reviews38 followers
May 16, 2021
Ein ebenso bemerkenswertes wie großartiges Plädoyer für kluge Menschenfreundlichkeit.
Bemerkenswert, weil 300 Jahre alt.
Großartig, weil kompromisslos.

Und: Erschreckend. Weil aktuell.

[Ungenügend allerdings hat die Literaturwissenschaft bislang herausgearbeitet, was für ein hemmungslos linksversiffter Hallodri der Defoe Daniel gewesen zu sein scheint ...]
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