"Selten ist so viel über so wenige geschrieben worden", hieß es schon vor dreißig Jahren über die Rote Armee Fraktion. Petra Terhoeven legt nicht eine weitere Chronik der Ereignisse vor, sondern erklärt auf der Hohe der aktuellen Forschung, wie und warum aus den Stadtguerilla-Experimenten einer kleinen Minderheit radikalisierter '68er' eine terroristische Gruppe hervorging. Die RAF löste nicht nur eine tiefgreifende Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte aus, sondern konnte lange über ihr politisches Scheitern hinaus eine morbide Faszination entfalten.
Petra Terhoeven (geboren 1969 in Düren) ist eine deutsche Historikerin. Sie ist Professorin für Zeitgeschichte in Göttingen. Ihr Schwerpunkt ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts in Italien und Deutschland, insbesondere die Geschichte politischer Gewalt und des Terrorismus.
From our contemporary perspective of mass terrorism for various bizarre reasons, the question that arises while reading this comprehensive summary of the RAF in the 1970s and beyond is: how on Earth did they manage to get that much attention with that amateurish and incoherent action?
Why is there such myth-making involved in the history of Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Andreas Baader and their likes?
As Heinrich Böll put it: they were in a war of approximately 6 against 60,000,000! Their victims deserve respect and compassion, of course, but viewed in a wider perspective, the RAF was not particularly successful or even effective?
Why the hype then? Why the feeling of terror that gripped a whole state? Why?
Part of the answer lies in the fact that they themselves lived to feed the media, to create an impression of omnipresence and importance. Baader at least showed all signs of a narcissist, and his cult status certainly derives partly from the fact that he staged the terror act as an auto-da-fé of a religious cult - with him as a god at the centre. Ensslin's role seems to have been that of the fanatic follower, while Meinhof's eloquence made her the perfect chronicler. And then there were the martyrs...
The main role was given to the media though. Both the Springer hostility and the ambiguous approach of the intellectual leftwing media to the robber band posing as a political group gave the RAF a media presence that they could never have acquired on their own - based on the criminal behaviour alone. A joint venture between a public need for fear, panic and scandal on the one hand and an equally needy, self-absorbed group of confused rebels on the other.
The question remains: what made these individuals choose the path of violence after starting out as demonstrators against the Nazi past and its continued presence in state functions? I doubt there will ever be any straight-forward answers. The line between fanatic belief and violent action is thin. If there was a simple equation, one could apply it to nationalist or religious terror today and work on more effective prevention. But nothing in the early bourgeouis lives of the RAF terrorists shows a straight line towards random murder and self-aggrandisement. And the political movement they chose as their starting point created thousands and thousands of peaceful demonstrators against nuclear weapons, colonialism, gender inequality, the Vietnam war, and so on. The 1968 movement is hardly best represented by the deviation of the members of the RAF. RAF wasn't a NECESSARY product of 1968, if the vast majority of the demonstrators did not approve of or choose the path of violence. So what produced the RAF?
What makes a group turn into murderers for the sake of their ideas? I still don't know, even though the book offers a good summary of events and characters, from the very beginnings of the terror to the last statements in the 1990s.
Jedes Opfer wird mit Namen genannt, gerade Fahre, Polizisten Passanten, das ist Programm. Ein Hauptanliegen der Autorin ist mit der meist hagiografischen Fixierung auf die Täter zu brechen.
Ansonsten behandelt das Buch im wesentlichen chronologisch die interne Entwicklung der RAF im Zusammenspiel mit dem deutschen Staat. Im Gegensatz zu anderen Werken legt Terhoeven jedoch großes Gewicht auf den internationalen Zusammenhang, vor allem die Verbindung zum italienischen Linksterrorismus. Sie betont die intensiven Kontakte zwischen Ulrike Meinhof und Giangiacomo Feltrinelli, und zeigt auf, mit welcher Bewunderung die RAF die Entwicklung in Italien verfolgte, wo die Aktionen der BR von der "Arbeiterklasse" unterstürzt zu werden schienen, wåahrend sie in Deutschland auf Distanz blieb, ja feindlich gesinnt war. In Übereinstimmung mit den meisten Autoren sieht Terhoeven die Ursache für die Herausbildung der RAF in der Verdrängung des Nationalsozialismus in den 1950er und frühen 1960er Jahren, die auf der radikalen Linken zu einer Identifikation von Staat und Gesellschaft der Bundesrepublik mit dem Nationalsozialismus führte. Dabei weist sie zugleich daraufhin, dass viele der führende Köpfe (Ausnahme Ensslin) aus tief in den Nationalsozialismus verstrickten Elternhäusern kamen und antisemitische Einstellungen übernommen hatten. Die weiterreichende Frage, inwieweit generelle Tendenzen im deutschen Bildungsbürgertum (Stichwort "Gesinnungsethik"), der Entsehung und der spezifischen Vorgehensweise der RAF förderlich waren stellt sie jedoch nicht. Terhoeven schildert, wie es der RAF erfolgreich gelang ein Märtyrerimage der Inhaftierten aufzubauen, mit dem neue Anhänger rekrutiert wurden. In einigen Fällen lieferte der Staat hierzu Steilvorlagen, in anderen, und wohl den meisten Fällen handelte es sich jedoch um eine groteske Verzeichnung, da den Gefangenen eher Privilegien eingeräumt wurden. Von daher führt sie das Ende der RAF auf die "Normalisierung" des Umgangs mit den Strafgefangen in den 1990er Jahren zurück. Im Rahmen der "Kinkel-Initiative" wurde von ihnen nicht mehr und nicht weniger erwartet als von anderen Straftätern.
In einem Exkurs behandelt Terhoeven die (pop)kulturelle Rezeption der RAF und die Reaktionen der Hinterbliebenen der Opfer.
Zunächst ganz spannend, dann wird man überhäuft mit Namen und Zusammenhängen, die hätten erklärt werden müssen. Es liest sich mehr als ein Buch für Menschen, die schon zu Zeiten der ersten RAF-Generation gelebt haben und nun noch einmal das Geschehene Revue passieren lassen wollen und in einen Kontext einordnen lassen wollen. Politische Meinung der Autorin kommt an einigen Stellen recht stark zum Vorschein.
fand's spannend & interessant. um alles zu verstehen braucht man aber schon ne menge an vorwissen über die raf, vieles wird nicht nochmal erklärt sondern vorausgesetzt
„Selten wurde so viel über so wenig geschrieben“- mit diesem Einstieg fasst sich das Buch selbst zusammen. Abseits von einigen objektiven Fehlern (z.B. in der Deutung der Ikonographie des RAF-Logos) kreist jeder Text um die gleiche zentrale Erkenntnis, das der Schatten des Nationalsozialismus auch direkte Einflüsse auf Gedanken und Handlungen der einzelnen Täter hatte. Das mag schon stimmen, bereichert aber den Diskurs nicht und schafft auch keine neue Perspektive, die nicht schon in zig Werken davor durchexerziert wurde.