Die Novelle von Cixin Liu hat fünf Sterne verdient, den Abzug muss ich aufgrund der fragwürdigen, man könnte fast schon sagen aufgeplustert daherkommenden Ausgabe aus dem Heyne Verlag machen, aber mehr dazu später.
Wer noch nie etwas von Cixin Liu oder einem anderen chinesischen Science-Fiction-Autor gelesen hat, ist mit dieser Novelle als Einstieg sehr gut beraten. Die Novelle geht über 108 Seiten und ist in einer sehr klaren, flüssig zu lesenden Sprache verfasst, man ist also sehr schnell durch. Trotzdem schafft es der Autor auf diesen wenigen Seiten eine unglaublich vielschichtige und interessante Geschichte zu erzählen, über die man noch lange nachdenken kann. Die Geschichte lässt sich aus einem philosophischen, aber auch technisch-wissenschaftlichen oder gesellschaftspolitischen Blickwinkel betrachten (um nur einige Aspekte zu nennen), lässt also sehr viele Zugangs- und Betrachtungsweisen zu. Inhaltlich möchte ich gar nichts verraten, die Geschichte ist ja an sich schon kurz.
Im Anschluss an die Geschichte werden auf einigen Seiten wissenschaftliche Begriffe erklärt, sowie Sachverhalte, die sich auf das chinesische Umfeld beziehen, in dem die Novelle spielt. Finde ich grundsätzlich positiv, hätte es für mich aber nicht gebraucht (teilweise werden Dinge erklärt, die für das Verständnis der Geschichte nicht zwingend erheblich sind oder sich ohnehin aus dem Zusammenhang erschließen.)
Dabei wären wir auch schon bei meinen Kommentaren zu dieser Ausgabe: Das Buch hat 189 Seiten. Die Novelle nimmt davon lediglich 108 Seiten ein. Auf den restlichen Seiten findet man die oben erwähnten Erläuterungen, 2 Leseproben von "Die drei Sonnen" und "Der dunkle Wald": also Teil 1 + 2, der Trisolaris Trilogie des Autors. Die erste davon ist absolut gerechtfertigt, aber warum sollte man im Anschluss daran eine Leseprobe von Teil 2 lesen wollen. Das könnte glatt den Eindruck erwecken, dass man hier ein wenig Seiten schinden wollte. (Ich persönlich hätte das Buch auch mit weniger Seiten gekauft.)
Des weiteren findet sich im Anschluss an die Novelle ein Aufsatz (Nachwort) von Sebastian Pirling mit dem vielversprechenden Titel "Die Kosmogonie des Cixin Liu". Ich habe mir vorgestellt dadurch mehr über Cixin Lius Werk und vielleicht die chinesische Science Fiction zu lernen, aber da hatte ich wohl die falschen Erwartungen. Für mich war das eher geisteswissenschaftliches Geschwurbel über alles und nichts, und bezieht sich nur oberflächlich auf Cixin Liu, ich konnte darus kaum Erkenntnissgewinn ziehen. Ich hätte mir da mehr Fokus auf das Werk von Cixin Liu gewünscht. Besser hätte es mir gefallen an dieser Stelle z. B. den Essay des Autors zur chinesischen Science Fiction zu bringen, der ja existiert (z. B. in der englischsprachigen Anthologie "Invisible Planets" (Hrsg. Ken Liu) The Worst of All Possible Universes and The Best of All Possible Earths, der in diesem Zusammenhang sicher mehr Kontext hergestellt hätte.
Es bleibt trotzdem zu hoffen, dass der deutsche Markt sich in Zukunft sich an mehr chinesische Science-Fiction Autoren heranwagt, da es hier wir mir scheint allerhand Aufregendes zu entdecken gibt.