Mit welch unsäglicher Freude und Vergnügen habe ich mich durch Chamfort's Maximen und Aphorismen durchgelesen, es läßt sich kaum in Worte fassen. Hier trübt freilich keiner seine Gewässer, um tief zu scheinen; alle Sätze sind klar verständlich. Unser Geist erhebt sich gleichsam - sofern dazu fähig - und naturgemäß auf die Höhe der großen Gedanken, die ihm das Genie vorstellt. Wer, der kein Stümper ist, hat nicht schon gefühlt, dass sich seine Seele emporschwang, wenn ein schönes Gefühl oder eine ihm bekannte Beobachtung von einem Seelenverwandten ausgedrückt wurde, ebenso wie beim Anblick eines weiten Meeres, eines unendlich fernen Horizonts oder eines Bergs, dessen Gipfel in der Luft entschwindet?
Nicolas Chamfort ist unter den heutigen Lesern längst der Vergessenheit anheim gefallen, wofür er selbst, der die Menschenkenntnis des großen La Rochefoucold teilte, sicherlich froh wäre. Welch ein Privileg seine Gedanken mit einem selbst ganz allein in einer Wohnstube teilen zu dürfen. Bei all seinen kritischen, beißenden Reflexionen gesellt sich ein höchst unterhaltsamer Witz, der den Lach-Reiz stark anregt. Chamfort verbindet alle großen Charakteristiken eines trefflichen Mannes: er verbindet Geist, Witz, Biss, Ehrlichkeit, Eigensinn und Stärke, was man alles in seinen humorvollen Dialogen und Aphorismen erkennen kann. Gerne teile ich einige scharfsinnige Reflexionen hier:
"Es gibt wenige Laster, die jemanden so sehr daran hindern, viele Freunde zu haben, wie das, allzu große Charaktervorzüge zu besitzen.
Manche anspruchsvolle Überlegenheit wird zunichte, wenn man sie nicht anerkennt, manche wird schon wirkungslos, wenn man sie lediglich nicht bemerkt.
Man wäre im Studium der Moral sehr weit fortgeschritten, wenn man alle Merkmale zu erkennen verstünde, die Stolz von Eitelkeit unterscheiden. Stolz ist überlegen, ruhig, selbstbewusst, still, unerschütterlich. Eitelkeit ist niederträchtig, unsicher, unbeständig, unruhig, schwankend. Stolz macht den Menschen groß, Eitelkeit bläht ihn auf. Stolz ist die Quelle von tausend Tugenden, Eitelkeit die fast aller Laster und Fehler. Es gibt eine Art Stolz, die alle Gebote Gottes einschließt, und eine gewisse Eitelkeit, die alle sieben Todsünden umfasst.
Man fragte M... >>Was macht am liebenswürdigsten in der Gesellschaft? Er antwortete: »Zu gefallen.<"
Der gängige Kurzsichtige, wie etwa Albert Camus, der diesem Werk sein naives Vorwort widmete, sieht hier kaum mehr als Misanthropie und Blasiertheit, der Lebenserfahrene erkennt eine Stärke die das Alltägliche übersteigt. Der Einfältige sieht hier Reflexionen aus einer Zeit, mit der unsere heutige wenig gemeinsam hat, der Seelenvermesser sieht tausend allzu-menschliche Eigenheiten, die vollkommen zeitenunabhängig sind, weil sie zu allen Zeiten gleich waren.
Wir werden hier gleichfalls in Maximen unterrichtet die den Alltag unter Menschen durchaus erträglich machen, wenn einem beispielsweise geraten wird sein stolzes Gemüt und seinen Geist auf Höhen schwingen zu lassen, aus denen man von den Kleingeistereien und Niederträchtigkeiten denen man täglich und überall Zeuge zu werden droht, niemals persönlich getroffen werden kann. Eine fundamentale Wahrheit. Man erkennt, wieso Nietzsche Chamfort verehrte. Ein erheitertes und besonnenes Gemüt kann gleichfalls sehr hilfreich sein, keine voreiligen Urteile und falsche Entscheidungen zu fällen, indem man die allzeit herrschende, oftmals tragische, Komödie überall wahrnimmt, mit der die meisten Menschen ihre für sie wichtigen Handlungen ausführen.
Es gibt wenige Schriftsteller die vermögen Geist mit Witz so zu paren, dass man dabei nicht wie ein heute typischer Hanswurst wirkt, der einfach ein gescheiter Narr sein will, sondern wie jemand, der die Absonderlichkeiten, Narrheiten, Eitelkeiten, usw. im richtigen, oft witzigem Licht darzustellen versteht. Es bedarf dafür eines gewissen Scharfsinns, einer edleren Seele. Chamfort war so ein Mensch, der uns auch heute noch, aufgrund seiner philosophischen Tiefsinnigkeit, viel zu sagen hat, gesetzt, man ist noch nicht unheilbar von den Glaubensansätzen der Jetztzeit dahingehend verdorben, dass man meint, der Zeitunterschied mache etwas aus. Der Philosoph erkennt das, was zu allen Zeiten gleich war, wie Schopenhauer das richtig erkannt hat.
Wir können hier schließlich eine Lebenskraft fühlen, welche die Zeiten überdauert und im beständigem Wechsel der Vorurteile und Meinungen, Standhaftigkeit beweist. Von einem Chamfort läßt sich tausendmal mehr lernen, als von einem zwar zeitgenössischen, dafür aber geistig mittelmäßigen Schriftsteller, der sich meist großer Beliebtheit erfreut. Mit Chamfort lassen sich geistige Berge erklimmen, das Blaue vom Himmel näher betrachten und die Wüsten des Mittelmäßigen lustiger wahrnehmen.