Zwei Jahre lang arbeitet Ilan Stephani in einem Berliner Bordell als Prostituierte. Sie erschafft sich ein Alter Ego, mit dem sie diesen tabuisierten Randbereich der Gesellschaft erforscht. Neugierig begegnet die junge Frau dieser für sie bis dahin völlig unbekannten Welt und macht erstaunliche Statt Huren und Freiern im Zwielicht erlebt sie den Puff als Spiegel der Gesellschaft. Die Menschen hier haben mit denselben Ängsten, Mechanismen und Zuschreibungen zu kämpfen wie überall sonst, nur, dass sie offener damit umgehen. Sehr ehrlich und nachdenklich beschreibt die Autorin einen Mikrokosmos, in dem sie viel über die menschlichen Besonderheiten lernen konnte. Solidarität und Offenheit sind Werte, die überall gelebt werden können – dann ginge es allen besser, nicht nur im Bett.
Ich wollte mich ein bisschen entspannen und ein leichtes Buch zu einem Thema lesen, das wohl jede/n interessiert, obwohl ich dachte, schon viel und gründlich darüber nachgedacht zu haben und auch zu einigen haltbaren Schlüssen gekommen zu sein. Eine Kolumne in der BZ hatte mich auf die Autorin neugierig gemacht, die - das sei vorausgeschickt - sich noch als weit klüger erwiesen hat, als es der erste Eindruck vermuten ließ.
Im Ganzen habe ich nichts Neues gelernt, aber meine eigenen Überlegungen sind durch eine durchaus erstaunliche Perspektive bestätigt worden, die ich so nicht hätte einnehmen können und deren Erfahrungshintergrund mich beeindruckt hat. Nun, nicht wirklich das Prostitutionsgeschäft, aber die Art, wie Ilan Stephani damit umgeht.
Das Buch beginnt harmlos mit der Beschreibung der Begeisterung einer jungen Frau, die einen Puff voller herzlicher Kolleginnen viel unspektakulärer erlebt, als sie es sich gedacht hatte. Das "Abenteuer Sex" verliert schnell seinen Glanz und das Abenteuer der Selbst- und Fremdbeobachtung tritt an diese Stelle. Zunächst stellt die Autorin fest, dass es zwischen Prostituierten und anderen Frauen - bis auf die sexuelle Frequenz - keinen prinzipiellen Unterschied gäbe: In unserer Kultur, und das Buch ist - im Ganzen gesehen - ein gutes Stück Kritik daran, gibt es eigentlich keinen Sex, der nicht irgendwie gegen Geld oder etwas anderes getauscht wird. Im Puff wechselt das Geld direkt für eine Dienstleistung den Besitzer, im Alltag "verwöhnen" Männer ihre Freundinnen und Frauen mit Geschenken, versprechen Sorge und Auskommen, und die Frauen finden darin Liebe und geben sich solange einer Selbsttäuschung hin, bis sie das erste Mal die Beine breit machen, um ihre Ruhe zu haben oder einen Streit zu schlichten oder aus anderen nicht wirklich erotisch- emotionalen Gründen. Provokant? Ich meine- Alltag! Wir leben in einer Tauschgesellschaft, in der - oft von den meisten unbemerkt - mehr und mehr Dinge zu reinen Tauschwerten werden.
Was Stephani hier beobachtet, ist also prinzipiell: Sie erläutert überzeugend, wie unsere ganze Konsumgesellschaft um den Sex herum zentriert ist, einerseits, weil sie den Trieb der Männer, sich sexuelle Befriedigung zu verschaffen, schamlos anheizt, um ihn in fiskalische Transaktionen (für die Familie, also zuerst für die Frau) der verschiedensten Art (Haus, Auto, Klamotten, Urlaubsreise) umzumünzen. Andererseits, weil sie den Frauen das Gefühl vermittelt, zur Entgegennahme dieser Liebesdienste nur dann berechtigt zu sein, wenn sie a) am Konsumreigen durch Beauty-Konsum mittut, um ihren Attraktivitätswert zu erhöhen, und b), wenn sie dafür den von ihr selbst und dem Partner erwarteten Sex gibt. Wie im Puff geben Frauen Sex, weil Werbebilder, das erstrebenswerte Image als Sexbombe, sexuelle Fantasien (Prostituierte) und Kopfkino sie ganz allgemein zum Objekt des Sex- Konsums gemacht haben, noch ehe sie darüber nachgedacht hat. Harter Tobak? Nun, man muss sich schon auf den Befund einlassen, dass Sex im Kapitalismus - wie so vieles andere - nichts mit "interessenlosem Wohlgefallen" an Schönheit oder Geschlechtsorganen zu tun hat, sondern dem allgemeinen Tauschhandel unterworfen ist, der nun mal den Namen "Kapitalismus" trägt und sein Wesen ausmacht.
In einem zweiten Schritt beleuchtet die Autorin dann den "Typ Freier" und wie die Männer ihr begegnet sind. Dabei relativiert sie das Elend der Sexsklaverei nicht, spricht aber aus der Erfahrung der Edelhure, deren Liebhaber oft Dozenten, Professoren und Geschäftsleute waren. Aber das ist für den Befund, alle diese Männer verhielten sich bei ihr nicht anders, als sie sich bei anderen Frauen verhalten hätten, unerheblich. Über die Frage, ob alle Männer Freier sind (oder es sein könnten), nähert sie sich der Einsicht, wie gequält und verkümmert männliche Sexualität heute daher kommt und dass frau die Männer bedauern müsste. Sie beobachtet Freier, die genauso frustriert von ihr gingen, wie sie gekommen waren- höchstens etwas entspannter. Ihre Diagnose: Der allgegenwärtige Leistungsgedanke und das Gefühl, immer und überall "Sieger" sein zu müssen (selbstverständlich auch Sieger über die Frau im Bett), ließe die Männer zu Rammböcken verkommen, die Ejakulation mit Orgasmus verwechseln. So ähnlich hat man das auch anderswo schon gelesen, aber hier kommt es viel origineller rüber, als ich es hier wiedergeben kann, und vor allem kommt es als treffende Kritik eines Weltbildes à la Alice Schwarzer daher.
Die Conclusio ist damit klar: Eine Gesellschaft, die nicht nur durch und durch verlogen ihre kulturell-negativen religiösen Prägungen im Verein mit einer daraus entspringenden Konsum- (=Sehnsuchts-) Industrie pflegt, sondern dadurch auch noch bis ins letzte Schlafzimmer hinein lustfeindlich daherkommt, ist keine glückliche Gesellschaft. Mitten aus dem Bordell heraus kommt so ein überraschendes Moment kultureller Kapitalismuskritik, die es ähnlich zwar bei W. Reich und anderen auch gibt, an die hier aber subjektiv eindrücklich und überzeugend erinnert wird.
Wenig überraschend verlässt die Autorin nach zwei Jahren ihren Job, denn sie hat verstanden, aus anderen als den üblichen Gründen, dass der Puff Symptom einer tiefen Krise unseres Menschseins und sonst gar nichts Besonderes ist. Die Art, in der Stephani die Entdeckung ihrer eigenen Lust beschreibt, sollte vor allem für Frauen interessant sein. Ich habe gelernt, dass das wissenschaftliche Verdikt, es könne wegen des Fehlens entsprechender Nerven keine vaginale Lust resp. keinen vaginalen Orgasmus geben (Schwarzer), wohl etwas platt ist. Stephani beschreibt das Phänomen als real, aber für sie ist es eine Verkümmerung und eine Folge des negativ konditionierten "vaginalen Gedächtnisses", das sich gegenüber dem schnellen klitoralen Orgasmus geschlagen gibt. Frau könne diesen Zustand jedoch durch Sensibilisierungsübungen wieder überwinden und - so der Mann mitspielt (klar, aus den "11 Minuten" bei Coelho müssten schon die 45 Minuten reines Vorspiel asiatischer Liebeskünste werden) - zu einem extatischen und überwältigenden neuen Körpererlebnis kommen. Davon, so ist die Autorin überzeugt, würden die Männer profitieren, die sich im Angesicht der wirklich glücklichen Frau nicht mehr als die "ewigen Täter" vorkommen müssten, zu denen sie unsere Kultur stilisiert (triebgesteuert), und die sich endlich auch Zeit für ihre eigenen erotischen Bedürfnisse am eigenen und fremden Körper nehmen könnten. Wäre dem so, würde es keinen Puff mehr geben. Da müsste man nichts verbieten oder verteufeln - er würde von allein eingehen, weil das Bedürfnis nach ihm schwinden würde.
Mit alledem kann ich mühelos mitgehen. Zu erwähnen ist noch, dass der Leser eine wirklich fundierte Kritik am Prostituiertenschutzgesetz mit auf den Weg bekommt (davon waren mir einige Aspekte echt neu, obwohl ich in den frühen 90-igern mal mit der Formulierung von Ideen zu einem solchen Gesetz befasst war - ja, die seinerzeit PDS war die erste Partei, die diese Forderung in ihren Wahlkampf aufgenommen hatte). Darüber hinaus gibt es auch viel statistisches Material und einige originelle Interpretationen der Zahlen.
Rundum gelungen? Nicht ganz. Stephani arbeitet heute als Körpertherapeutin oder so was und da gehört es wahrscheinlich zu Geschäft, ein bisschen esoterisches Gedöns um Tantra, Slow Sex usw. mit zu verbreiten. Mag sein, sie hat es so erlebt, aber ich fand es am Ende ein wenig langatmig und nicht wirklich wichtig für die Beantwortung der Frage, was man vom Puff über das Leben lernen kann. Aber das ist auch der einzige Kritikpunkt. Ilian Stephani erweist sich als eine gute und darüber hinaus analytisch scharfe Beobachterin, was das Buch deutlich über alle anderen heraushebt, die ich bisher zu diesem Themenfeld gelesen habe. Ihre Unverklemmtheit kommt genau daher, also aus der Analyse, die von ihrem Körper und der Art, wie sie ihn für Geld eingesetzt hat, weit hinaus ins gesellschaftliche Feld weist, auf dem sich die meisten Leser, wenn sie ehrlich sind, wiedererkennen werden.
Da man für gute Gedanken oder auch nur dazu, eigene dumpfe Gefühle formulierungsfähig zu machen, gelegentlich eine intelligente Anregung braucht, sei das Buch allen empfohlen, die über den Zusammenhang von Sexualität und Gesellschaft nachdenken wollen. Es sei jungen Mädchen empfohlen, die vor ihrer eigenen Lust und dem pornografischen Blick auf ihre Körper erschrecken, und jungen (oder nicht mehr so jungen) Männern ebenso, wenn sie wissen wollen, was frau da so fühlt und wie frau (insonderheit als Prostituierte) "männliche Performance" bewertet. Die Einsichten aus dem Buch können hilfreich sein, denn sie sind geeignet den ganzen Quatsch in Frage zu stellen, den uns unsere Gesellschaft über das (sexuelle) Geschlechterverhältnis einzureden, bewusst oder unbewusst, immer wieder und immer noch bestrebt ist. Ein wichtiges Buch also, das viele Leser/innen finden sollte.
Die Idee des Buchs ist toll, viele persönliche Einblicke sind interessant. Überwiegend ein Plädoyer dafür, dass Sexworker normale Menschen sind - das wusste ich schon. Es werden viele Thesen über Männer und Frauen aufgestellt, die nicht überzeugen, weil sie pauschalisierend, binär und einseitig sind. Sophia Fritz benennt in ihrem Buch Toxische Weiblichkeit die Tendenz, Männer-Psychen zu analysieren und sezieren. Das macht die Autorin, indem sie beispielsweise von ihren Arbeitserfahrungen Rückschlüsse auf den Zustand männlicher Sexualität im Allgemeinen zieht. Dabei kommen weniger die Männer selbst zu Wort und viel mehr das (Küchen-)psychologische Urteil der Autorin. Interessanter und überzeugender wäre es für mich gewesen, bei der Autorin selbst zu bleiben.
Ein sehr spannendes Buches mit einer tiefergreifenden Einsicht über Gesellschaft und Sexualität.
In meiner Büchersammlung mittlerweile. Innerhalb einer Nacht habe ich es verschlugen.
@ Ilan Stephani: Mein Dank geht an dir. Danke für die lebhaftesten Schilderungen. Die Fragen die du im Buch stellst, sind enorm reflektierend bzw. bewegend. Sie erlösen und hinterfägen viele Extremen in den Schwarz-Weiß-Denkmustern, die durch gesellschaftliche Konditionierungen entstehen.
Vor allem finde ich einen Punkt sehr wichtig. Männer sind nicht nur gefühllose Täter, die ihre Macht ausüben wollen. Dieses Stigma ist leider allgegewärtig in femistischen Diskursen.
Noch zutreffender finde ich die Grundaussage, dass wir ALLE in einem Patriarchat verlieren würden.
Dein Podcast/YouTube-Channel gehört ab jetzt zu meiner wöchentlichen Routine. So wie das Podcast von Mike Tyson. :)
Man kann so viel lernen über seine eigenen Vorurteile über Sexarbeit, über menschliche Sexualität und Körper und darüber Mensch zu sein. Ich kann es jedem nur empfehlen zu lesen!
Schockierend relevant und brilliant zu Ende gedacht.
Mit Ilan Stephani begegnet mir eine Verbündete. Eine Intellektuelle, die sich aus der puren Not heraus aus dem Korsett unserer gesellschaftlichen Normen zwängt und hineingeht in die Erfahrung ihres Körpers.
Ihre Erfahrungen und vor Allem ihre Reflexionen spiegeln wieder und drücken auf drastische Weise etwas aus, das ich an meiner eigenen Sexualität bisher nicht identifizieren oder formulieren konnte. Indem ich ihre Ansichten über Sexualität für mich bejahe, gestehe ich ihr zu, einer gesellschaftlichen Wahrheit über die tiefsten Beweggründe eines kollektiven sexuellen Verhaltens auf die Spur gekommen zu sein. Ich war nicht nur ein gefesselter Zuhörer des Hörbuches, sondern auch sofort beseelt von dem Wunsch, anders mit meinem Körper umzugehen. In diesem Sinne hat Ilan Stephanis Weg für mich eine direkte und instruktive Vorbildfunktion.
Ilan Stephani lernt „die Freier“ kennen und argumentiert, warum man an derer statt eigentlich immer von „den Männern“ reden müsse. Ich glaube, dass dieses Argument heute etwas zu kurz gegriffen ist. In einer Welt, in der seit mindestens 15 Jahren jedes Schulkind auf jede Form von Pornographie im Internet Zugriff hat. Ich glaube, dass die im Buch beschriebenen Vorgänge allerdings auch auf das kollektive Konsumverhalten von Pornographie übertragbar sind und auch übertragen werden sollten.
Ich empfehle dieses Buch jedem Menschen, der mit den Phänomenen unkontrollierter sexueller Impulsivität, Unlust und/oder körperlicher Insensibilität zu tun hat oder sich noch nie Gedanken darüber gemacht hat.
Ilan bietet dem Leser einen ehrlichen Einblick in ihr Leben und ihre Gedanken. Die Zerlegt die üblichen Vorurteile ohne Werbung für die Prostitution zu machen. Spricht offenen darüber wie viele Frauen mit dem Gedanken spielen sich zu prostituieren und wie viele Männer diese Dienste in Anspruch nehmen. dabei bleiben auch die gesellschaftlichen Rollen der Prostituierten und des Freiers nicht außen vor. Ein Buch, welcher Anfang 20 zur Pflichtlektüre gehören sollte. Besonders der Kontrast zwischen dem "Leistungsdruck" der Frau immer sexy zu sein und ihrer Erfahrung als Durchschnittsfrau im Bordell begehrt zu werden, gefiel mir. Das Thema Slow Sex kannte ich vorher noch garnicht.
Crazy book. Starts with a philosophy student who becomes voluntarily a prostitute and speaks about sex in our society, female and male pleasure and how society suffers from the own created system
Bereichernde Perspektive, die mit persönliche Note die Rolle von Sexualität von Mann und Frau Gesamtgesellschaftlich betrachtet und spannende Einblicke in die Prostituierten-Szene gewährt.