Die "erzählerische Kraft", die im Klappentext angekündigt wurde, habe ich vermisst. Eher handelt es sich um einen autobiografischen Bericht, der alle Züge des vom Autor selbst hervorgehobenen "leichten Autismus" trägt. Nicht nur, dass P.N. alle im zugänglichen Details seines und des Lebens seiner Verwandten zusammengetragen und rekonstruiert hat, er musste sie auch alle (!) vor dem Leser ausbreiten, was mich eher an das Vorgehen eines Ethnografen als an das eines Schriftstellers erinnert hat. In der Ethnografie nennt man so etwas seit Clifford Geertz "dichte Beschreibung".
Der Vorteil des Verfahrens ist das wirklich "dichte" und auch atmosphärisch stimmige Zeitbild, das sich wesentlich um die Zeit zwischen 1944 und 1956 herum dreht- mit Exkursen ins 19. Jahrhundert - und das zwei Schwerpunkte hat: Erstens die Judenfrage in Ungarn und zweitens die Rolle der Kommunisten im antifaschistischen Kampf und dann beim Aufbau der neuen Gesellschaft. Hier seziert P.N. als Betroffener (Jude) wie als Gegner (Antikommunist) der geschilderten Tatsachen mit unbestechlichem, z.T. unerbittlichem Auge das Vorgefallene wie das Selbsterlebte. Auch insofern trifft die Selbstzuschreibung, das Buch sei eine "Lebensbeichte", nicht zu. Eher schon ist es wirklich der Versuch, alles zu erinnern und als Vermächtnis, "wie es wirklich war" (inklusive heute eher "politisch unkorrekter Berichte über innerjüdische Auseinandersetzungen und unangenehme Seiten vor allem des Ostjudentums), zu hinterlassen.
Der Nachteil des Verfahrens sind einzelne Längen und Abschweifungen (zum ungarischen Textilhandwerk, zur Architektur, zur Inneneinrichtung von Wohnungen etc.), auf die ich gerne verzichtet hätte.
Literarisch ist das Verfahren allerdings innovativ, insofern die eher nichtssagenden Passagen jeweils "Vorspiel" zu "aufleuchtenden Details" sind, die manchmal wirklich nur "Details" (einzelne Beobachtungen, Sentenzen von Wert) bleiben, manchmal aber zu ganzen Passagen voller glänzender Überlegungen oder auch emotional bewegender, weil ganz "hart" beschriebener Ereignisse, ausgebaut werden. Dazu gehören z.B. die recherchierten Vorgänge rund um den Tag der Geburt von P.N. herum. Man erfährt einerseits etwas über die Erlebnisse der Mutter und der Verwandtschaft, andererseits werden die Massenerschießungen von Juden durch das Polizei- Bataillon 101 beschrieben. Hier gibt es sogar erzählerische Momente, insofern die Erlebnisse und Gedanken des Kommandeurs der Einheit wie die seiner Braut beschrieben werden, für die die Erschießungen ein echtes "Erlebnis" waren. Eher erzählerisch kommen auch die weniger reflektiert als in ihrem konkreten Ablauf beschriebenen Erlebnisse bei der Suche nach einem Internierungs-Lager in Frankreich daher, die in Selbsterlebtem wie dem Schock über die Zustände in Migrationsgesellschaften gipfeln.
Was kann man sonst zu 1275 Seiten noch sagen, ohne sich im Detail zu verlieren? Das literarische Verfahren, dass nicht nur von Detail zu Detail springt, sondern dabei auch die Zeitebenen ineinander übergehen lässt, weshalb sich Anlässe zu immer mehr Reflexionen finden (das Buch ist ein Musterbeispiel für Schillers bald 250 Jahre alte Diagnose, die Literatur würde sich von der naiven zur sentimentalischen- meint: höhepunkt- und spannungslosen "Reflexion" (rück)entwickeln), legt die Frage nahe, wie der Autor aus seinem Gedankenstrom wieder ausbrechen und den Text zu Ende bringen will. In der Tat gelingt ihm das nur mittels eines radikalen Bruchs: Ähnlich dem "Traktat vom Steppenwolf", in dem Hesse quasi "theoretisch" niederlegt, was er nicht beschreiben konnte, endet auch Nadas seinen Text mit theoretisch anmutenden Thesen zur "Revolution" von 1956, die sein Lebensereignis gewesen sei, um das herum sich sein Denken gedreht hätte. Das merkt man den Sätzen an, die absolut durchdachte, interessante und provozierende Thesen enthalten. So markiere diese Revolution das Ende des 19. Jahrhunderts insofern erst sie das "Zeitalter der Revolutionen" wirklich beende. Dem Inhalt nach sei es eher ein kleinbürgerlicher Aufstand gewesen, der wesentliche antifeudale Forderungen von 1848 (nationale Unabhängigkeit, Landreform) vertreten habe und trotz (oder wegen) der Anstiftung durch Reform- Kommunisten auch antikapitalistisch insofern gewesen sei, als er sich in Übereinstimmung mit dem Kleinbürgertum gegen großkapitalistische Monopolbildung richtete und eine Marktwirtschaft befürwortet hätte. Überhaupt sind die Ausführungen zur Rolle der reformkommunistischen Intellektuellen, die den Kontakt zum "Volk" verloren bzw. nie besessen hätten, erhellend, traf doch auch auf die Bürgerrechtsbewegung z.B. der DDR zu, dass sie 1989 tragisch unterschätzte, dass dem "Volk" Freiheit und menschlicher Sozialismus ziemlich egal waren: Es wollte die D-Mark, um endlich konsumieren, und es wollte Reisefreiheit, um endlich aus der Enge des kleinen Landes ausbrechen zu können. Wie in Ungarn schritt die "Revolution" über ihre Initiatoren hinweg und diese konnten froh sein, dieses Mal nicht "gefressen" worden zu sein. Aber beide Ereignisse zeigen die Niederlage der "Idee" im Angesicht praktischer Bedürfnisse. Man könnte auch sagen: Beide Ereignisse zeigten, wie weit die Eliten sich von ihrer "Basis" entfernt hatten, so weit nämlich, dass sie die durch Brecht auf eine einfach Formel gebrachte marxistisch- materialistische Wahrheit jeder Revolution nicht mehr verstanden, die da lautet: Erst kommt das Fressen, dann die Moral!
Für mich hat der Autor überzeugender als andere und damit einsichtig die Gründe dafür vorgeführt, warum das kommunistische Ideal zum Stalinismus entarten musste (Machtfrage) und warum idealistische Anhänger der "reinen Lehre" (Nadas Eltern) unfähig waren, sich dagegen zur Wehr zu setzen: Die aus bürgerlichen Verhältnissen stammenden Kommunisten gehörten nicht zu dem von ihnen verehrten Proletariat, weshalb sie deren Vertreter nie wirklich verstanden und über ein patriarchalisches Verhältnis zu ihnen nicht hinauskamen. Aber sie konnten, als die Enttäuschung über die Methoden, die logisch aus dem Versuch, GEGEN das Volk eine neue Gesellschaft aufzubauen, entsprangen, überhand nahm, auch nicht mehr in eine anderes "Klassenbewusstsein" zurück. Die Tragik der kommunistischen Intellektuellen, die ehrlich bestrebt waren, das Beste FÜR die Ausgebeuteten und Unterdrückten zu erreichen, besteht darin, nirgendwo wirklich dazu zu gehören in dem Sinne, dass diese Zugehörigkeit ihr Denken hätte "erden" können. Damit blieben ihre Ideen Utopien, die wegen der fehlenden Kompatibilität des gesellschaftlichen Ist- Zustands und seinem Sollen zum Voluntarismus neigen, woraus endlich die Katastrophen der kommunistischen Weltbewegung im 20. Jahrhundert wesentlich entsprangen. Angelegt war das Ganze im Leninschen Konzept der "Partei neuen Typus", in der die Elite das Volk zu seinem Glück führen sollte, verkennend, dass das Volk (bildlich gesprochen) aus "Eseln" besteht, die mehr bocken können, als seine Führer dachten. Für mich ein weiterer Grund, immer wieder die Verbindung zu materialistisch- marxistischen Überlegungen zu suchen. Ohne "Erdung" in den letztlich ökonomischen Verhältnissen haben auch heute weder ökologische noch woke oder postkolonialistische Bestrebungen eine Chance, etwas anderes als Voluntarismus hervorzubringen. Und wie früher die kommunistische, versteht auch heute die studierende, meist links- grüne oder links-liberale Jugend nicht, was die Stunde geschlagen hat. Insofern ist Nadas sogar aktuell, weshalb ich mich trotz einiger Längen zu einer im ganzen positiven Bewertung durchgerungen habe und die Lektüre denjenigen empfehlen, die viel Zeit haben (oder sich viel Zeit nehmen wollen). Wem die Zeit fehlt, der oder die sollte es besser lassen.