Ich bin durch Instagram auf April Nierose und ihre "Verfall"-Reihe aufmerksam geworden. Im Vorfeld konnte ich das Buch nicht richtig einordnen, und auch nach der Lektüre fällt mir das schwer. Ich habe zwar erwartet, dass es düster wird, aber mit solch krassen Charakteren habe ich nicht gerechnet. Das Buch ist definitiv keine leichte Kost und hat bei mir phasenweise richtige Beklemmungsgefühle ausgelöst -- vermutlich klingt es komisch, wenn ich sage, dass das positiv ist, aber es spricht in diesem Fall tatsächlich für den Schreibstil und die Charaktere.
Die Autorin hat ein wahnsinniges Talent dafür, ihre Leser*innen in die Psyche der Figuren hineinzuziehen; und diese Figuren sind nunmal größtenteils psychisch krank. Sympathisch war mir keiner von ihnen (mit Ausnahme von Sonja vielleicht), aber darum geht es auch überhaupt nicht; darauf sind die Charaktere nicht angelegt. Was ich toll fand, war, dass man selbst ihre abartigsten Gedanken irgendwie nachvollziehen konnte, weil man so tief in der jeweiligen Psyche drinsteckte. Der Schreibstil unterstützt das, er ist sehr gelungen und bringt die Gedanken der Figuren auf den Punkt. Hier und da habe ich zwar ein paar stilistische Mängel entdeckt, aber das tut dem Buch als Ganzes keinen Abbruch.
Insgesamt würde ich "Verfall" als eine sehr intensive Charakterstudie beschreiben. Es geht im Wesentlichen um die zwischenmenschlichen Beziehungen und darum, diese nach und nach zu entschlüsseln. Die Handlung springt zwischen drei Zeitebenen hin und her, wobei zwei davon in der Vergangenheit liegen und sich mit der Vorgeschichte beschäftigen. Ein Spannungslevel ist nur insofern vorhanden, als man wissen will, was damals passiert ist. So richtig dahinter kommt man allerdings nicht, aber es ist ja auch erst der Auftakt einer Reihe. Es gibt also viele Anknüpfungspunkte für die Folgebände.
Die Präsenshandlung hat mich dagegen leider weniger überzeugen können, was in erster Linie daran lag, dass mir die Figuren hier zu distanziert waren und mir oft die emotionalen Reaktionen fehlten -- zum Beispiel, ganz zentral, Hannas Reaktion auf Davids Rückkehr und die Tatsache, dass sie "vergessen" hat, dass die beiden sich ja offiziell nie getrennt haben, bevor er verschwunden ist. Die Beziehung der beiden finde ich nicht greifbar. Zum anderen waren mir manche Sachen fast schon zu krass, und zwar auf eine Art, die das Ganze nicht mehr glaubwürdig gemacht hat. Hier geht es mir primär um Leonie und die "schlimmen Dinge", die sie in den letzten Monaten erlebt hat. Mir fehlte da ganz klar die emotionale Reaktion der anderen Figuren und dass irgendjemand tatsächlich mal Fragen stellt. Die Authentizität hat hier leider ein bisschen gelitten.
Insgesamt hat mir das Buch aber gut gefallen, es ist sehr kunstvoll, unkonventionell und gleicht nichts, was ich je gelesen habe. 3.5 Sterne.