Gesellschaftstheorie reloaded.
Hatten wir doch alles schon und die letzte wirklich "schicke" und "coole" Gesellschaftstheorie kam doch von Marx. Und trotzdem gelingt es Reckwitz über die Gesellschaft der Spätmoderne zu schreiben, ohne zu langweilen. Dabei schließt er Kulturwissenschaft, Soziologie, Geschichts- und andere Geisteswissenschaften ein und der Leser bekommt mehr und mehr den Eindruck, das große Ganze zu verstehen - die Strukturen und Sinnhaftigkeiten dahinter.
Dabei wirft er mit vielen Begriffen um sich: Kulturalisierung, Valorisierung, Singularisierung. Und was soll das? Für ihn stehen im Fokus der Gesellschaft nicht mehr die Arbeit des Menschen (wie vielleicht in der Moderne), sondern seine kulturellen Leistungen, gerade zu sein "Alleinstellungsmerkmal", mit dem er sich eben bewusst singularisiert, individualisiert, was auch immer. Reckwitz zeichnet ein Bild von einer Gesellschaft, in der Kultur, Kreativität und Individualität immer wichtiger werden, besonders bedingt durch den Aufschwung des Computers. Schließlich ist so eine Plattform wie Instagram ja der Selbstdarstellung dienlich wie nichts Gutes ;).
Er bildet oft Exkurse zu Wirtschaft und Politik, wie hier die Singularisierung greift, und seine Beispiele sind dabei recht anschaulich. Besonders interessant fand ich seine Darstellung über bestimmte communities, das jetzt jeder einer kleinen Gemeinschaft zugehören will, wie zB dem empowerment-Movement oder LGBT+-Gruppen. Müsste man aber selbst lesen, weil ich es nicht so cool erklären kann wie er. Auch Amokläufe und Terror scheinen für ihn eine Antwort auf die Singularisierungsprozesse der Spätmoderne zu sein: Wer ausgeschlossen ist von der positivistischen Anerkennung, greift zu demonstrativer Gewalt.
Der Leseprozess an sich war leider mehr als quälend, besonders, weil ich manche Absätze doppelt und dreifach lesen musste, um sie zu begreifen. Daher eine Wertung, die genau im Mittelfeld liegt: Fremdwortnutzung war manchmal gar unerträglich, aber Argumentation und Struktur so wunderbar, dass sich jeder, der einen wissenschaftlichen Text schreibt, was von Reckwitz abschauen kann.