Was. Für. Ein. Schnarchbuch.
Ich kann es nicht fassen, dass dieses Buch den Deutschen Buchpreis 2016 gewonnen hat. Was gelten da für Kriterien? War der Bob Dylan Schock zu groß?
Wie hatte ich zwischenzeitlich bemerkt >Kirchhoff macht auf Kerouac und schreibt einen Roadtrip für Rentner<. Den ganze Roman empfand ich als absurd und unfreiwillig komisch. Protagonist ist Reither, eine alter Mann, der so ziemlich alles in seinem Leben in den Sand gesetzt hat. Das ist es jedenfalls, was uns der Autor wissen lassen will. Und dieser Reither greint vor sich hin. Ihm ist aufgegangen, dass in seinem Leben so einige Züge schon vor langer Zeit abgefahren sind. Dazu ist er ein so unglaublich nervender alter, engstirniger Mann, stur, bieder, langweilig, voller Klischees und weltfremd.
Ich habe einmal gelesen, dass ein Autor keine Bücher schreiben kann, ohne nicht von sich selber etwas preis zu geben. Hier hatte ich es zu 100% gespürt. Reither wurde vor meinem inneren Auge zu Kirchhoff. Darum war diese Figur so authentisch, doch damit hörte es auch auf. Der gesamte Roman hatte so ein geriatrisches Odeur und der Protagonist ist so im Gestern festgefahren, dass ich bei dem, was da alles passierte, nur lachen konnte.
Ich sage nur, Schuster bleib bei deinen Leisten. Wenn man über etwas berichtet, sollte man sich im Vorfeld klug machen, Wissen anlesen, recherchieren, es selber ausprobieren. Sonst werden Situationen schnell unglaubwürdig oder sogar lächerlich. Diese Geschichte handelt von einem spontanen Roadtrip zweier Menschen, die sich nicht wirklich kennen. Eventuell hatte Kirchhoff zwecks Recherche oben erwähnten Kerouac mit seinem Roman "On the Road" aus den 50ern (auf Deutsch "Unterwegs") gelesen. Aber die Handlung aus dem Roman darf man nicht als Leitfaden nehmen und dann ein Buch wie dieses schreiben. Was dabei heraus kommt, klingt wie eine Parodie.
Jeweils hat man Leute, die sich spontan zu einer Fahrt ins Nirgendwo entschließen. Nur! sind bei Kerouac die Leute jung, da ist das glaubwürdig. Es ist das Privileg der Jugend, unbesonnen zu sein und wild, frech, verrückt. Aber Rentner? Sal Paradise ist Schriftsteller, Reither Verleger. Sal Paradis und seine Kumpan Dean Moriarty treibt es durch Amerika. Sie trampen, fahren auf Güterzügen mit, haben keine Geld. Ihr Lebensmotto sind Sex, Drugs ’n’ Jazz.
Bei Kirchhoff gibt es eine Cabrio! Kreditkarten! Rotwein! Und es geht nach Italien ans Meer. Da kauft sich Reither dann helle Segeltuchschuhe! Gibt es dieses Wort eigentlich noch. Das wurde doch offiziell in den 70ern aus dem Duden gelöscht.
Ab und an lässt der Autor Reither das Cabrio im 1. Gang durch die Gegend tuckern. Nur für diejenigen, die kein Auto fahren können. Der 1. Gang ist nur zum Starten da. Ich hatte ohnehin den Verdacht, dass nicht nur Reither von Gott und der Welt, sonder auch Kirchhoff von seinem Lektorat verlassen waren. Da gab es den einen oder anderen Rechtschreib- oder Grammatikfehler.
Was mich z.B. amüsiert hat, war ein Fauxpas auf S. 42:
Zitat S.42 Widerfahrnis "...dann kam schon Bewegung in den Wagen, Meter für Meter mehr, knirschend unter den Reifen, bis ein abschüssiger Weg zur Straße erreicht war, die Gravitation das Ihre tat, und das vereinbarte Jetzt ertönte."
Ich fühle mich ja geschmeichelt, dass die Gravitation so um mich bemüht ist. Trotzdem und nicht zuletzt wegen eventueller Eifersüchteleien, immerhin müsste sich so jeder Leser angesprochen fühlen, würde ich >das Ihre< hier eher klein schreiben, vor allem da es nach der neuen Rechtschreibreform freigestellt ist. Aber vielleicht ist es ja auch ein Stilmittel des Autors so wie das Fehlen der Anführungszeichen, um die direkte Rede anzuzeigen. Da bin ich grammatikalisch liberal. Schlimmer empfand ich all die Worthülsen und die gestelzte Sprache, in der der Roman ertrank. So spricht er von feinem Geström in der Nase. Also bitte. Bin ich sein HNO-Arzt? Ich will nichts zu tun haben mit der Nase eines alten Mannes! Und danach, nach dem Geströme, gab es Sex. Gnadenbrot-Sex. Und wieder war Raum zum Lachen. In dem Alter haben Männer doch eher Probleme mit der Prostata. Der Platzhirsch existiert doch nur noch im Kopf.
Muss ich noch erwähnen, dass viele Aktionen in diesem Buch Unfug waren, bis hin zu der Sache mit dem Kind? Auf solche Ideen können nur Männer kommen. Ich meine hier Kirchhoff und nicht Reither. Der war nur sein Opferlamm.
Gibt es eine Charakterentwicklung seitens des Protagonisten? Nein. Diese Art Männer ändert sich nie. Wenn sie auf ihr Leben zurück blicken, tuen sie es nur, um zu nörgeln. Die Schuld für das, was mit und um sie herum passiert, liegt nie bei ihnen. Umso mehr sind sie auf die Hilfe andere, oft Frauen, angewiesen, die für sie gottgegeben ist. Da dieser Roman in der Retrospektive durch den Protagonisten geschrieben wurde, hätte man doch Einsichten erwarten können. Aber statt z.B. an seiner Empathie zu arbeiten, feilt er nur am Schreibstil. Das war so krass und so typisch. Muss man dieses Buch lesen. Ich denke nein. Solche Männer findet man im Alltag zuhauf. Gibt man ihnen nur Gelegenheit, werden sie einem schon, mehr oder weniger rhetorisch ausgebaut, erzählen, warum das Leben explizit zu ihnen so schlecht war.
Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass dies der Gewinner des Deutschen Buchpreisen ist, bei dem das Preisgeld 25.000€ betrug.