Wie üblich haben die Herausgeber es mal wieder geschafft, mit dem Text auf der Rückseite des Einbandes die Leser neugierig gemacht und auf originelle Weise einen essentiellen Bestandteil guter SF anzusprechen, das Infragestellen konventioneller Vorstellungen. Und im Vorwort wird aus einer digitalen Übersetzung der ungarischen Besprechung des Vorgängerbandes fast schon wieder ein SF-Text. Das nennt man eine gelungene Einstimmung. „Emotio“ von Nadine Boos entwirft eine wahres Alptraumszenario: Durch die sattsam bekannten direkten Gehrin-Computer-Inferfaces sind auch die Gedanken und Erinnerung dem Zugriff von außen ausgesetzt. Warum noch kein anderer Autor auf diese Idee gekommen ist, wundert mich schon, das ist doch die Konsequenz aus der Verbindung zwischen Hirn und Computer. Eine spannende Geschichte mit einer faszinierend schrecklichen Vision von der Bibliothek von Morgen; ein starker Beginn Weniger greifbar ist der Plot von "Routine" eine Kriminalgeschichte, in der die Quantenphysik und die Viele-Welten-Theorie eine Rolle spielen. Ein schwacher Plot, der starke Leidenschaften wie Liebe und Haus zur Geschmacksaufbereitung nötig hatte.. Christian Günthers Story „Einhundert Worte für Tod“ passt zur gegenwärtigen apokalyptischen SF-Landschaft, ist sozusagen eine Vorstudie dazu. Ein Paar, das einen verheerenden Anschlag auf Hamburg verübt hat, bei dem auch gefährliche Nano-Viren freigesetzt wurden, ist einem Luxushotel untergetaucht. Der Mann fühlt sich bald schlecht. Die untergründige Spannung ist geschickt konstruiert, sorgfältig erzählt, der Ausgang dann ist der Eintritt in eine postapokalyptische Welt. Ein Schwachpunkt bleibt jedoch, die Motivation für diese Tat bleibt eine Leerstelle im Erzählgebäude. „Zeitlupenwiederholung“. Diese Geschichte von Ernst-Eberhardt Manski fängt ganz harmlos an. Ein gerade arbeitsloser Gitarrist wil herausfinden, weswegen die Zeitlupenwiederholungen einer Fußballspielübertragung sich von den Realen unterscheiden. Mit einem Kollegen, der auch mal als Frau in Erscheinung fragt er sich durch, bis er bei der Ombudsfrau für Verstöße gegen die Verfassung landen. Dann ist der Leser langsam und ohne es richtig zu merken in einer Antiutopie hineingeraten. Beiläufig und fast heiter erzählt Manski, dafür ist die Welt umso verstörender. Dann weiß man nicht, ob man lachen oder erschrecken soll, wenn auf dem Meldebogen des Verfassungsbehörde nach der Folter gefragt wird "War die Folter zu brutal / zu lasch (Nichtzutreffendes bitte streichen)". Wie die Welt des Ich-Erzählers immer wieder seinen Erwartungen und denen des Lesers entgleitet, das macht die Geschichte noch interessanter. „Gute Hoffnung“ von Frank Haubold besteht aus der dem Kontrast zwischen der beschaulichen italienischen Gemeinschaft und dem Generationsraumschiff-Ambiente. Aber leider erschöpft sich darin die Geschichte, es bleibt an der Oberfläche, auch wenn Haubold die Menschen der Gemeinschaft so intensiv nahebringt, dass man sie lieb gewinnt. Es gibt keine Synthese, allein die Hoffnung darauf bleibt. „Nanne kommt auf den Hund“ ist eine humorvolle Satire. HighTech-Hundefutter hat auch auf Menschen positive Auswirkungen, natürlich mit Nebeneffekten. Das merkt die Promoterin Nanne, die einen tranigen Bummelstudenten zum Mann hat. Von Niklas Peinecke kennt man ernste, eher düstere Geschichten, hier zeigt er sich von seiner heiteren Seite. Karsten Kruschel erschafft gerne fremde exotische Welten, so auch in „Violets Verlies“. Violet ist mit Wasser bedeckt, aber das ist seicht, und aus dem Untergrund erhebt sich das "Artefakt", das eine terranischen Beobachtungsplattform aus erforscht wird. Das kaum zu beschreibende, polymorphe Gebilde generiert die Lebensformen aus sich heraus. Was für die Menschen einen eher unangenehmen mitunter obszönen Eindruck macht, was Kruschel dem Leser durchaus anschaulich vermitteln kann. Ein Techniker sorgt sich um seine Frau, als er erfährt, dass ihr Team, das ins Zentrum des biologische Artefakts vorgestoßen in Schwierigkeiten geraten ist. Dann bricht er zu einer Einmannrettungsaktion auf. Eine spannende Geschichte, mit einer besonderen Pointe. Arno Endler Erzählung "Fremde Augen" beginnt stark. Blinde werden von einer Software-Firma wieder sehend gemacht. Sie werden in ein Camp gebracht, wo sie operiert werden. Das schildert der Autor recht anschaulich aus der Perspektive eines der Blinden. Und auch die Technik, Bilder der von der Firma überall aufgestellten Überwachungskameras werden digital bearbeitet und an die Perspektive der menschlichen Augen angepasst, ist sehr faszinierend. Leider hat der Autor die Möglichkeiten, die diese „fremden Augen“ bergen, nicht voll ausgeschöpft und die Geschichte in Richtung einer Polit-Verschwörung gewendet. Gerd Frey ist ein Experte für SF-Computerspiele, nun hat er diese Welt des digitalen Zeitvertreibs in seiner Geschichte „Handlungsreisende“ thematisiert. Ziemlich irrwitzige Geschichte. Jaspar Nicolaisen "Der vorletzte Mensch auf Proteia" bringt einen surreal poetischen Note in die Anthologie ein, ein Planet wie „Solaris“von Stanislaw Lem, ein Spiegel der Wünsche der Menschheit, deswegen muss auch ein Mensch mit guter geistiger Gesundheit zu diesem Planeten reisen, damit der Planet die Güter hervorbringt. Ein interessanter Text, der einem seltsam berührt. Uwe Post und Uwe Herrmann "Der Valentino-Exploit". Ein Robot-Hund namens Valentino wird fremdgesteuert, die Stimme befiehlt ihm, im Haus des Herrchens Chaos anzurichten. Bald stehen alle Haustiere unter dem Einfluss und versuchen. Der herbeigerufene Kammerjäger fühlt sich bald fehl am Platze. Eine turbulente actionreiche Geschichte mit einigen interessanten Wendungen. Und garantiertem Schmunzelfaktor, dafür stehen die Namen der beiden Autoren. Carina Cajo "Tagebuch einer Göttin" Die Grundidee von einem Planeten, der die Erde mit Nahrungsmittel versorgt, ist nicht sonderlich realistisch. Die „Kolonisten“ leben auf einer eher primitiven, fast mittelalterlichen Kulturstufe, sie Verwalter und Wissenschaftler von der Erde zeigen sich als Götter, um Macht auszuüben. Die Geschichte ist sehr einfühlsam erzählt, aber letztendlich mangelt es ihr an Originalität. Kai Riedemanns Story "Gib dem Affen Zucker" ist eine groteske Vignette über die Herrschaft der Zuckerlobby. Ganz nett, aber auch etwas belanglos. In Thomas Templs "Die Farbe der Naniten" kann der Leser den Sense of Wonder zu spüren. Das Mädchen muss in der Wildnis lernen, ihre Naniten zu beherrschen als eine Art Reifeprüfung. Sie erlebt Abenteuer mit den „Eingeborenen“. Auch wenn es eine Geschichte ist, die einen ganzen Weltentwurf anschaulich machen muss, so hat sie mir doch gefallen. Heidrun Jänchen "In der Freihandelszone" ist eine köstliche Satire. Leiwal ist ein Planet, der gerne von männlichen Sex-Touristen aufgesucht wird. Geschildert werden die Erlebnisse des Arbeiters Joey. Zur gleichen Zeit handelt eine Regierungsdelegation einen Vertrag aus, mit der Leiwal in die Freihandelszone eintritt. Der beinhaltet unter anderem auch, dass man Gene zum Patent anmelden kann. Man glaubt auf der Erde, dass man eine gutes Geschäft gemacht hat , doch die Leiwalis sind nicht auf den Kopf gefallen. Das hat unerwartet Folgen für die Sex-Touristen… Armin Rößler hat mit "Das Versprechen" wieder eine Geschichte aus dem Argona-Universum geschrieben. Ein Soldat begegnet auf einem Vergnügungsort einem Kameraden, der auf einem anderen Planeten im Kampf gegen archaische „Eingeborene“ von den umgedreht wurde. Damals hat der Soldat seinem Kameraden verraten, da er ihn auf eigenen Wunsch nicht getötet hat. Nun ist dieser Kamerad da, um ihn auf seine Seite zu holen. Sehr ökonomisch erzählt. Bei den drei letzten Geschichten ist mir aufgefallen, dass Außerirdische eine Rolle spielen, aber gar nicht beschrieben werden. Sie haben eine Funktion, aber ihre Gestalt ist unwichtig, und die Rolle bezieht sich auf terrestrische Vorbilder. Das ist mir letztendlich zu wenig. Eine Tendenz ist zu erkennen, Aliens können schnell ein selbstverständlicher Teil eines SF-Kosmos werden, da ist die Rolle als Staffage nicht weit. Der Wurdack-Verlag entwickelt sich weiter. „Emotio“ ist nun Klappbroschur und hat ein großzügigeres Layout und ein Cover von einem professionellen Künstler. Das macht sich gut. Inhaltlich kann die Anthologie das Niveau halten. Und man merkt, dass sich manche Autoren und Autorinnen weiterentwickeln.