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256 pages, Paperback
Published November 23, 2017
Politisch korrekter Sprachgebrauch ist - ebenso wie Charity, ethical Fashion, ökologisches Einkaufen und veganes Kochen - vor allem und zu allererst ein Distinktionskapital; eine Waffe, mit deren Hilfe man mehr oder weniger Gleichgestellte wirksam zu Ungleichen machen kann. Auch daher kommt es, dass die Bemühungen um Korrektheit nie ein angemessenes Ende finden: Denn das kostbare Gut des angemessenen Benennens muss immer weiter verknappt werden, damit man weitere Konkurrenten deklassieren kann.Studenten werden vor "traumatisierender" Literatur gewarnt, negativ konnotierte Begriffe dürfen höchstens noch als Umschreibung benutzt werden (siehe N-Wort, I-Wort oder Z-Wort), uneigentliche Formen des Sprechens werden nicht mehr verstanden – um nur einige Beispiele aus jüngster Zeit zu nennen. Pfaller sieht darin einen Prozess der zunehmenden Infantilisierung der Gesellschaft. Eine allgemeine Ermunterung zur Empfindlichkeit, die eine Kultur des Ressentiments hervorbringt, in der das unmittelbare subjektive Empfinden als nicht relativierbare absolute Wahrheit gilt und der andere als böse dämonisiert wird. Der Gegenentwurf dazu ist das Prinzip der mündigen Bürgerlichkeit (citoyenneté), das ursprüngliche Ideal und Versprechen der Moderne. Gekennzeichnet durch Gleichheit im öffentlichen Raum, der Geltung von Argumenten ohne Ansehung der Person, sowie der Unterscheidung zwischen öffentlicher (= Zivilisiertheit, Distanz im Umgang) und privater Rolle (= Eigentlichkeit, Authentizität).
Der kulturelle Narzissmus in seiner durch das puritanische Christentum gespeisten Radikalisierung duldet nur Gut und Böse, aber keine Zwischenstufen oder -zonen. Darum empört er sich auf das Rabiateste gegen alles, was nicht sofort und unmittelbar ichkonform ist, wie zum Beispiel ein theoretische Argument, die grundsätzliche Trianguliertheit von Sprache und Bedeutung, das erotische Begehren einer anderen Person (ebenso übrigens wie das eigene), oder auch nur ein mittelmäßiges sexuelles Erlebnis.Kurz gesagt, persönliche Befindlichkeiten können kein Maßstab für die Allgemeinheit sein. Zu eine Haltung des Erwachsenseins gehört eben auch, "gewisse Unannehmlichkeiten oder Übel als notwendige Begleiterscheinungen des Lebens zu erkennen, wie die eigenen Möglichkeiten sie zu ertragen oder zu überwinden." Andernfalls landet man in einer entsolidarisierten Gesellschaft voller Narzissten, in der keiner mehr in der Lage ist mit dem anderen zu sprechen. Eigentlich alles Selbstverständlichkeiten würde man meinen. Was Pfallers Zugang zum Thema über die bloße Polemik hinaushebt, ist sein psychoanalytischer Erklärungsansatz. Er liefert einige interessante Deutungen zu den oben genannten Phänomenen. Unter anderem geht er der Frage nach, warum wir anderen ihre Freude oder ihren Genuss missgönnen.