In "Medea" von Lyudmila Ulitskaya geht es nicht um den antiken Mythos, sondern eher um den Bruch mit dessen Essenz, wie sie vielleicht im sog. "Medea- Syndrom" ihren Ausdruck findet. Die Tötung der eigenen Kinder, um den Partner zu strafen, kann symbolisch (oder allegorisch- wie man will) ausgelegt werden: Wir sind alle Kinder der Mutter Erde, die uns gleichwohl den Launen der Götter von Vater Zeus bis hin zum Kriegsgott Mars ausliefert, was regelmäßig auch die Trauer der Väter - meist um die verlorenen Söhne - nach sich zieht.
Die betonte Heimatverbundenheit und Sesshaftigkeit der Medea in Ulitskayas Buch steht ebenfalls im Kontrast zur Schuld der antiken Medea, die darin bestand, Heimat und Vaterhaus verraten und verlassen zu haben. Das meint, dass die multiethnisch angelegte Viel- Völker- Metaphorik bei Ulitskaya, Medeas Verwandtschaft kommt aus allen Teilen der ehemaligen Sowjetunion und in persona einer schwarzen angeheirateten Frau noch von weit darüber hinaus, konsequent zur symbolischen "Völkerfamilie" führt. Eine solche Familie braucht notwendig eine Mutterfigur im Zentrum, zumal bei den slawischen Völkern die Mutter auch "Heimat" bedeutet. Aber es braucht eben nicht die Figur der antiken Medea, sondern eine ihr radikal entgegengesetzte.
Warum also trotzdem "Medea" als Titelfigur? Gibt es nur negative Bezüge auf das Griechentum als "Wiege der (modernen) Menschheit" im Guten wie im Schlechten? Vielleicht kann man sich über die Bedeutung des Namens dem Problem nähern. "Medea" bedeutet auf altgriechisch Μήδεια "die Ratwissende". In dieser Funktion hilft sie dem Iason mit dem Heimatverlust und später mit der Eingliederung in der Fremde klar zu kommen. Das ist auch eine Funktion der Krim- Medea, die den Ausgezogenen in ihrem einfachen Haus auf der Krim einen (Sommer-)Rückzugsraum und damit einen festen Punkt als Heimatbezug gibt. Und wenn jemand nicht kommen kann, fährt sie eben nach Taschkent oder Moskau, um das Heimatliche in die Fremde zu tragen und dort sogar dann noch zu trösten, wenn sie selbst am meisten des Trostes bedürftig ist.
Darüber hinaus eröffnet die geschilderte Religiosität der pontischen Griechin einen noch anderen Griechenland- Bezug: Erbe der Antike ist ja zunächst Byzanz, das zugleich zur Wiege des orthodox- griechischen Christentums wird, das hier seines Vielvölkerbezugs wegen für Medea zur gleichzeitig toleranten wie einigenden Kraft wird. In diesem Sinne ist sie ortho - dox und erscheint im Epilog als die einzig wahre Gerechte. Orthodoxie und Toleranz, wie Medea sie lebt, scheinen einander zunächst auszuschließen. Aber liest man Medea als Symbol für die "reine Magd", sie ist immerhin kinderlos, muss man sich fragen, wessen Gegenbild sie eigentlich ist. Und ich meine, es ist nicht ganz abwegig, den Katalog der sieben christlichen Todsünden als Folie dafür zu nehmen: Halte dich fern von der Macht, ist ein Motto der Familie, was meint, halte dich fern von der superbia, dem Hochmut, dem Stolz und der Eitelkeit und sei stattdessen einfach, schicksalsergeben wie Medea. Auch die avaritia hat im Leben Medeas nichts zu suchen. Wie ihre Freundin Lena ist sie sparsam, ohne je geizig zu sein. Wenn Gäste kommen, gibt sie bereitwillig. Während um sie herum die luxuria als ungebundene sexuelle Freizügigkeit grassiert, betrachtet Medea das gleich- und eben nicht überlegen hochmütig. Doch hat keinen Anteil daran und billigt es auch nicht. Zur ira, dem Zorn, lässt sie sich nicht einmal angesichts des Verrats ihres geliebten Ehemannes und der "Kuckuckskinder" in der Familie hinreißen. Selbst die Enttäuschung darüber kann sie überwinden. Die gula, also die Völlerei, ist der Entbehrungen wie Hunger gewöhnten Medea völlig fremd. Wie ihre Freundin Lena tischt sie auf, bedient sich selbst aber nur mäßig an Speisen und Getränken, ohne beidem abhold zu sein. Sie ist also mäßig und trifft in allem das antike Ideal der "goldenen Mitte" (Aristoteles). Völlig ab geht ihr die invidia; Medea ist wirklich auf niemanden und nichts neidisch. Und natürlich ist ihr die acedia, die Faulheit, gänzlich fremd. Nicht nur, dass sie rastlos tätig ist, accedia meint im christlichen Verständnis auch die geistige Faulheit, sich mit dem Sinn des Daseins und der Frage nach dem richtigen (gottgefälligen) Leben auseinanderzusetzen. In dieser Hinsicht ist Medeas Leben eine immerwährende Reflexion, die darin ihren Höhepunkt findet, nicht zu zweifeln, sondern Ungeklärtes als Frage an Gott zu richten. Nicht sie, nicht der Mensch, entscheidet über Wert oder Unwert der Lebensentwürfe oder Taten der anderen, richten kann nur der Herr allein.
Man sieht Ulitzkajas Idee, die etwas Märchenhaftes hat, aber doch über das bloß Märchenhafte hinaus geht: Medea ist IN ALLEM der aus der Vergangenheit aufscheinende und dabei in die Zukunft weisende GEGENENTWURF ZUR MODERNE! Das Archaische der Figur ist gleichsam der Poesie gewordene Antikapitalismus, dessen Romantik beim Lesen rührt und angenehm unterhält. Ein bisschen Wehmut steigt auf, weil wir lesen, was uns alles verloren gegangen ist. Wer wäre nicht gerne, wie die Autorin im Epilog bekennt, Mitglied dieser Familie? Wer wäre nicht gerne Mitglied einer Völkerfamilie voller Toleranz und ohne Neid, Missgunst, Karrieren und Konkurrenz? Freilich zeigt der Roman keinen Ausweg. Aber die Tragik am Ende regt doch zum Nachdenken an. Maschas Scheitern zeigt, dass sich die luxuria, oberflächlich praktiziert und dem modernen kapitalistischen Hedonismus in der Struktur nicht unähnlich, nicht ins Ernsthafte wenden lässt. Mit den Butonows dieser Welt, die sich nur für sich selbst interessieren und sonst wenig begreifen, kann frau nicht leben. Mit karrierebewussten Aliks, die sich für die Gesellschaft (Samisdat!), die sie verbessern und für die sie sich einsetzen müssten, nicht interessieren, und die sie einfach verlassen, auch nicht. Mascha scheint mit Alik ein Herz und eine Seele zu sein, aber der Schein trügt. Das kommt wie nebenbei am Schicksal des kleinen Alik, beider Sohn, zum Ausdruck, der, zunächst nicht gläubig, sich ausgerechnet in den USA und also im Zusammenleben mit dem nobelpreisverdächtigen Vater zum gläubig- traditionellen Juden wandelt.
Nun ja: Der Weg zurück zu den Traditionen ist kein Weg für mich. Nachdenklich stimmt Ulitskayas Vision trotzdem. Und so ist ein gut lesbares Buch, das mich am Ende nachdenklich zurück lässt, für mich ein gutes Buch, das ich gerne gelesen habe.