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Wittgensteins "Tractatus": Ein Kommentar

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Rare Book

Perfect Paperback

Published March 1, 2009

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Holm Tetens

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Author 1 book113 followers
November 6, 2024
Tetens beginnt mit der nicht unvernünftigen Behauptung, dass sich die Sätze des Tractatus in drei Klassen aufteilen, in solche, die der Leser versteht und als wahr erachtet, in die, die er nach den Voraussetzungen Wittgensteins nachvollziehen kann, aber nicht richtig findet und schließlich in die weiterhin rätselhaften.

Leider glaubt er Sätze zu verstehen, die er in Wirklichkeit keineswegs versteht. Zu der logischen Unabhängigkeit von Tatsachen fällt ihm folgende Interpretation ein: Wenn uns alle basalen Tatsachen (ein von ihm erfundener Begriff), d.h. logisch unabhängigen Tatsachen, gegeben wären, so würden alle anderen Tatsachen daraus folgen. Wenn wir zum Beispiel die Tatsachen 'Sokrates ist ein Grieche' und 'Alle Griechen sind sterblich' kennen, so können wir daraus die nicht-basale Tatsache 'Sokrates ist sterblich' erschließen. „Will man wissen, of p der Fall ist oder nicht, muss man nur prüfen, ob die Aussage, dass p in dem logischen Raum der Aussagen vorkommt, bzw. ob sie aus Aussagen im logischen Raum folgt oder beides nicht zutrifft. Im ersten Fall ist p der Fall, im zweiten stellt p keine Tatsache dar.“ (34 f.) Das hat nichts mit Wittgenstein zu tun.

Dass Sachverhalte (und nicht Tatsachen, die das Bestehen von Sachverhalten sind) unabhängig voneinander sind, bedeutet, dass aus der internen Struktur des Sachverhalts kein Schluss auf die interne Struktur eines anderen gezogen werden kann. Das hat nichts mit syllogistischen Schlüssen zu tun. Aus 'a ist b' (wenn das einen Sachverhalt abbildet) kann nicht auf den Wahrheitsgehalt von 'a ist c' geschlossen werden. Darum können in Elementarsätzen keine logischen Konstanten auftauchen (so wie in Tetens Beispiel: alle). Dass Wittgenstein diese Art von Unabhängigkeit meinte, wird zum Beispiel an seiner Selbstkritik in Some Remarks on Logical Form klar. Tetens widmet zwar Wittgensteins Selbstkritik ein Kapitel, berücksichtigt diesen Artikel aber nicht.

Dass Tetens dem Tractatus nicht besonders viel Respekt entgegenbringt, erkennt man schon daran, dass er fast durchgehend von Sinnlosigkeit spricht, wo Unsinnigkeit gemeint ist (erstmals auf Seite 9). Und auch die Interpretationen von anderen Autoren interessieren ihn herzlich wenig. Der einzige Autor, der über den Tractatus geschrieben hat (wenn man von Carnap und Russell absieht), den er zur Kenntnis genommen haben will, ist Stenius. Viel wichtiger im Zusammenhang mit dem Tractatus, wenn man sich den Index ansieht, scheinen Tolstoi und Heidegger zu sein.

Sich nicht von der Ansicht anderer leiten zu lassen, ist natürlich an sich kein Fehler, aber Tetens geht nach meiner Meinung allzu sorglos mit seinen Behauptungen vor. Bewegt wird Wittgenstein im Tractaus, meint er, „von dem Bedürfnis, die Logik und seine eigene religiös fundierte Ethik in eine geklärtes Verhältnis zu setzen.“ (S. 15) „Kritikwürdig ist besonders die Behauptung [...] dass nur deskriptive Sätze sinnvoll sind.“ (S. 27)

Es versteht sich beinahe von selbst, dass Tetens mit Wittgensteins Behauptung, die Sätze des Tractatus seien unsinnig, nichts anfangen kann. „Insofern überspannt Wittgenstein bei weitem den Bogen, stuft er pauschal seine eigenen Sätze im Tractatus als unsinnig ein.” (S. 97) „Freilich erscheint es abwegig, die normativen Sätze aus der Klasse der sinnvollen Sätze auszuschließen.” (S. 107) Und dann fügt er einen ethischen Satz an und fragt rhetorisch, ob Wittgenstein den „tatsächlich” unsinnig finden würde. Und die Antwort ist, ja, würde er!

Tetens zitiert Wittgenstein mit den Worten: „Ich bin zwar kein religiöser Mensch, aber ich kann nicht anders: ich sehe jedes Problem von einem religiösen Standpunkt.” (S. 115) Ich vermute, dass Tetens darum in Wittgenstein einen Geistesverwandten sieht, und das bringt ihn dazu, das Werk Wittgensteins so umzubiegen, wie es ihm passt.
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