Aus irgendwelchen Gründen pflegen in unserer Familie zwei Mitglieder den Brauch, andere (vornehmlich jüngere) Familienmitglieder an Weihnachten und Geburtstagen mit Ratgebern zu beglücken. Auf diese Art hat sich in meinem Bücherregal eine mittlere Anzahl Ratgeber angesammelt. Manche habe ich sogar zu lesen versucht, aber in den meisten Fällen endete der Lektüreversuch nach wenigen Seiten. Es interessiert mich nicht, wie ich „zu mir selbst finden“ kann oder wie „mein inneres Kind Heimat finden“ kann – ich wusste weder, dass ich mir selbst abhandengekommen bin, noch dass mein „inneres Kind“ Heimweh hat. Entsprechend „begeistert“ war ich, als ich an Weihnachten Tommy Jauds Ratgeber-Parodie “Einen Scheiß muss ich“ aus dem Geschenkpapier zog.
Trotzdem habe ich auch bei diesem Buch einen Versuch gestartet, es zu lesen. Erst war der Versuch halbherzig, aber ehe ich mich versah, hatte ich das Buch auch schon durchgelesen. Es ist ganz anders, als ich erwartet hatte.
Tommy Jaud erzählt in „Einen Scheiß muss ich“ die Geschichte des fiktiven US-amerikanischen Durchschnittstypen Sean Brummel im „Genre“ eines Ratgebers. Sean ist der fiktive Autor des Ratgebers und führt ein ganz normales Leben. Er ist weder besonders schön noch besonders hässlich, weder besonders gut trainiert noch besonders faul, er ist nicht politisch oder sozial engagiert und kein Anhänger einer Ideologie (weder religiöser noch alimentärer Art). Er hat einen langweiligen Job, in seiner Freizeit trifft er sich mit seinen Kumpels und ab und zu geht er ins Fitnessstudio. Das ist alles wie bei sehr vielen anderen Menschen auch. Und wie ebenfalls bei sehr vielen anderen Menschen nörgelt seine Ehefrau Trisha gerne an ihm herum, genauso wie sein Chef und einige Bekannte. Sean soll sich mehr anstrengen im Job, sich in den Haushalt mehr einbringen, mehr an seiner Fitness arbeiten, sich gesünder ernähren…und wie bei allen anderen Menschen nagt das auch an Sean. Er bemüht sich und stellt fest: Es ist nie genug.
Zum Ratgeber-Autor wird Sean, wie sooo viele andere Ratgeber-Autoren, als sich nach einem Schlüsselerlebnis sein Leben radikal ändert und er „zu sich selbst findet“. Sean muss eine Nacht im Gefängnis verbringen (natürlich nur wegen einer kleinen Dummheit), weil ihm 16 Cent für die volle Kaution fehlen und sich seine Gattin weigert, die fehlenden 16 Cent zu berappen. Diese Nacht im Gefängnis wird sein Schlüsselerlebnis, denn er schläft endlich mal wieder eine Nacht durch, ohne von seiner Ehefrau geweckt zu werden, und ohne am Abend noch die Arbeitskleidung zu waschen. Er beschließt, in Zukunft mehr auf sich selbst zu hören und sich weniger Stress zu machen. In Seans Fall bedeutet das, einen kleinen Braukessel für den Heim-Brauer zu kaufen, was Trisha ihrerseits zum Anlass nimmt, um Sean zu verlassen. Für Sean der Start in sein neues, entspannteres Leben und der Anlass, einen „Ratgeber“ zu schreiben.
Dementsprechend liest sich auch das Inhaltsverzeichnis von „Einen Scheiß muss ich“ wie das vieler anderer Ratgeber. Erst wird Seans Schlüsselerlebnis geschildert und dann nimmt er sich nacheinander die großen Themen des Alltags vor. In einzelnen Kapiteln in kurzen Abschnitten erzählt er mit sehr viel Augenzwinkern, wie sich sein Leben geändert hat und wie ihm jeder auf dem Weg zu weniger schlechtem Gewissen nachfolgen kann. Die Themen sind Gesundheit, Ernährung, Erfolg, Freizeit, Gesellschaft und (besonders in US-amerikanischen Ratgebern nicht wegzudenken) Sinn des Lebens.
Nicht nur beim Inhaltsverzeichnis, sondern auch bei der Erzählweise und dem Aufbau der Kapitel wird das Ratgeber-Genre durchgezogen. Bereits auf der Umschlag-Innenseite findet sich ein Foto von Tommy Jaud…ääääh…von Sean Brummel natürlich (also von Tommy Jaud mit Schnauzbart und Perücke), wie er sich selbstbewusst im Glanz seines neuen Lebens sonnt.
Schon in der Einleitung führt Sean das „Muss-Monster“ ein (inklusive putziger Zeichnungen von Attik Kargar). Die These seines Ratgebers ist, dass jeder von uns sein eigenes „Muss-Monster“ hat, das sich von unserem schlechten Gewissen ernährt, sobald man auch nur einen Gedanken zulässt, der mit „Ich müsste mal wieder…“ beginnt.
In den einzelnen Kapiteln „entlarvt“ Sean dann, teils belegt durch mehr oder weniger geschönte Statistiken und mehr oder weniger verbogene Nachweise, warum man eigentlich gar nichts muss und guten Gewissens das Leben genießen kann. Es gibt sogar ein Mantra mit einer coolen Abkürzung – ESMI natürlich! Und am Ende jedes Kapitels gibt es eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte, teils mit Feld zum Unterschreiben.
Eben alles wie bei einem „richtigen“ Ratgeber. Nur dass dieser natürlich nie aus dem Amerikanischen übersetzt wurde.
So richtig ernst gemeint ist diese „Ratgeber-Parodie“ nicht, vielmehr ist „Einen Scheiß muss ich“ ein Anti-Ratgeber mit der tiefen Wahrheit, dass man sich weder von Chefs noch von Ehepartnern, Bekannten oder gar Ratgebern vorschreiben lassen kann, was man tun muss, um ein glückliches, zufriedenes Leben zu führen. In meinen Augen eine leichte, unterhaltsame Sommerlektüre ohne viel Tiefgang, aber mit viel Augenzwinkern.