Die rechtliche Aufarbeitung der NS-Verbrechen hat die öffentliche Wahrnehmung des Holocaust bis heute entscheidend geprägt und die Deutschen mit der Frage nach ihrer moralischen Mitschuld konfrontiert. Von den Nürnberger Militärtribunalen (1945–49) bis zu den Verfahren gegen John Demjanjuk und Oskar Gröning gab es verschiedene Phasen der Aufarbeitung, die in engem Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Entwicklung in beiden deutschen Teilstaaten und in deren Beziehung zueinander stehen. Anhand bekannter und unbekannter Prozesse zeigen die Autoren Defizite und Fehlentwicklungen, aber auch die Leistung der Justiz bei der Ermittlung und Ahndung der beispiellosen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Das Buch ist gut geschrieben und bietet einen umfassenden und gut recherchierten Überblick über die juristische Aufarbeitung des Holocaust sowohl vor west- als auch vor ostdeutschen Gerichten. Das Ergebnios dieser Aufarbeitung muss jeden Deutschen nachdenklich machen: "Zwar gab es über 36.000 Ermittlungsverfahren gegen mehr als 170.000 Beschuldigte. Diese führten jedoch nur zu 6.656 Verurteilungen, darunter 1.147 wegen Tötungsdelikten; 172 Angeklagte wurden wegen Mordes mit dem Tod oder lebenslanger Haft bestraft." Die Gründe für dieses Ergebnis sind vielschichtig und werden im Buch detailliert aufgearbeitet, wobei der Autor sich an manchen Stellen einer gewissen Wertung nicht entziehen kann (was aber angesichts der Thematik mehr als verständlich ist). Ein besonders pikantes Detail ist der Umstand, das die Definition des Tötungsdeliktes, die in der Bundesrepublik dazu beitrug, dass Tatbeteiligte nur als Gehilfen verurteilt und milde bestraft werden konnten, von niemand anderem als Roland Freisler 1941 definiert worden war und tatsächlich sogar bis heute weiterhin als § 211 StGB Bestand hat. (Roland Freisler war bis zu seinem Tod bei einem Luftangriff 1945 Präsident des Volksgerichtshofes und verantwortlich für 2.600 Todesurteile gegen "politische" Straftäter, unter anderem der Mitglieder der "Weißen Rose".) Als Einstieg in die Materie ein sehr geeignetes Buch, das einen fundierten Überblick über die Thematik bietet.