70. Geburtstag von Günter Wallraff am 1. Oktober 2012 Dieses Buch schrieb Presse- und Verlagsgeschichte. Und es war bis heute nur in einer zensierten Version zu lesen. Günter Wallraffs legendärer Bericht aus dem Innern der Bild-Zeitung, 1977 zum ersten Mal erschienen, schlug wie eine Bombe ein. Wallraff beschreibt darin, was er als Bild-Reporter Hans Esser erlebte. Und der Springer-Konzern schlug zurück, setzte Spitzel und Detektive auf ihn an, verleumdete Wallraff als "Lügner", "Psychopathen" und "Untergrundkommunisten" – und klagte in mehr als einem Dutzend Verfahren gegen den "Aufmacher". Obwohl Bundesgerichtshof und Bundesverfassungsgericht Wallraff am Ende in entscheidenden Punkten recht gaben, blieben viele Passagen in dem Buch verboten. Erstmals ist Günter Wallraffs Glanzstück des investigativen Journalismus nun wieder unzensiert zu lesen.
Günter Wallraff is a German writer and journalist. He came to prominence thanks to his striking journalistic research methods and several major books on lower class working conditions and tabloid journalism. This style of research is based on what the reporter experiences personally after covertly becoming part of the subgroup under investigation. Wallraff would construct a fictional identity so that he was not recognisable as a journalist. In this way, he created books which denounce what he considers to be social injustices and which try to provide readers with new insights into the way in which society works.
Die Geschichte von Günter Wallraff, der sich bei der BILD einschlich und dadurch nicht nur berichten konnte, wie der Maschinenraum des größten Hetzers gegen Arbeiter:innenrechte und Menschen mit Migrationshintergrund aussieht, sondern auch durch seine Arbeit ein eigenes Gesetz für die Pressefreiheit erzwang hat mich sehr beeindruckt und unterhalten.
Besonders spannend war für mich, wie das System BILD funktioniert - die ganzen Lügen und Fälschungen zwar selbstverständlich sind, aber in den Redaktionen nie als solche bezeichnet werden. Es wird aktualisiert, zugespitzt, dramatisiert. Aber lügen? Das würden BILD-Redakteur:innen nie tun. Darauf haben wir ihr Wort.
Nach 200 Seiten ist die eigentlich Geschichte vorbei und es beginnt ein vielleicht sogar noch interessanterer Aspekt: Der Anhang. Hier wird die Geschichte nach der Veröffentlichung des Buches im Jahr 1977 erzählt und an dieser Stelle versagt das Buch. Es kommt zu Abhörskandalen, Gerichtsprozessen und Drohungen. Aber das Buch berichtet davon in oft zusammenhangslosen und springenden Zeitungsberichten oder Telefonaten. Es fehlt eine Einordnung. Das Geschehen wird für alle Personen, die nicht 1977 schon gelebt haben wenig nachvollzieh- oder erlebbar. Dabei ist dies eine Neuauflage aus dem Jahr 2022, die genau diese Aufgabe erfüllen sollte.
Dennoch: der eigentliche "Aufmacher" - die Geschichte dieses Buches - ist ein beeindruckender und medienlandschaftsverändernder Investigativjournalismus, der sich zu jeder Sekunde spannend liest.
Ein wahnsinnig interessantes und auch nach rund 40 Jahren noch hochaktuelles Buch über die perfide Art und Weise, wie in der Springer-Redaktion Geschichten gemacht wurden (werden?). In Zeiten von Fake News kann ich die Dokumentation wirklich jedem nur ans Herz legen. Besonders beeindruckend fand ich den Aspekt, dass die jeweilige Schlagzeile, also der Kerninhalt eines Artikels, zu 100% bereits bestehen musste, bevor mit der Recherche begonnen wurde. Da die Gehälter nach geschriebenen Zeilen generiert wurden, musste eine Nachforschung IMMER ein Ergebnis haben. Gibt die Geschichte diesen Inhalt nicht her, so wird sie so lange umformuliert, verdreht und verändert, bis sie sich doch ins vorher definierte Thema hineinzwängen lässt. Die Wahrheit gerät in den Hintergrund. Zu Recht fragt man sich, weshalb ein Bild-Reporter denn überhaupt noch los zieht. Spannend ist allerdings auch der psychologische Aspekt des Günter Wallraff, der nach einigen Wochen im Dienst bemerkt, wie er selbst immer mehr in die Rolle des Bild-Journalisten hinein wächst, wie er sich auch im Privaten verändert und beispielsweise Freunden nicht mehr richtig zuhört, weil er erkennt, dass er die Erzählungen nicht für eine aufmerksamkeitsstarke Schlagzeile verwenden kann. Hans Esser geht ihm in Fleisch und Blut über, die Springer-Maschinerie droht ihn zu verschlingen.
Ich habe eine alte, zensierte Version (1977) von Kiepenheuer & Witsch gelesen. Dort sind einige Stellen (teils Worte, teils ganze Seiten) entfernt, die von Bild durch einstweilige Verfügungen erwirkt wurden - gerade das macht die Ausgabe so interessant. Wikileaks füllt die Lücken mit den Originaltexten.
Great book with a lot of insight. Definitely recommend it if you're interested in media - the goings-on in BILD back then are obviously an extreme form, but especially with things like "fake news" being a thing, this is clearly something that still exists.
This book caused a bit of a scandal when it appeared nearly fifty years ago. But it is hard to see why when you read it now.
So Wallraff, a left activist, managed to get hired by the Bild Zeitung and worked there for three months. And in this book he tells about his experiences. Nothing really that shocking. So BILD lies and makes up stories all the time and is leaning to the right. What else is new?
There is the story of a young woman, who is doing Taekwondo. Because of her love for philosophy. So when they do a feature about her they say she can beat any man coming close to her. What do you expect they would do? - I was the “victim” of bad journalism myself many years ago. Not by BILD but by a magazine of the Springer publishing house. They made a home story about me – and printed the exact opposite of what I said. I was not happy. But such is life.
There are a lot of parts left out in the book, censored, Wallraff says. Meaning judges had ordered to refrain from printing it. (Currently, I read, you can get the complete original again, I guess all the people who felt hurt have died in the meantime.)
I really do not understand what the fuss was about. And the book is not really very well written. (And apparently written by a ghost writer.) Not worth the time reading.
beängstigend und schockierend. die bild mag heute nicht mehr auf dem gleichen level wie in den 70ern sein, aber ich bin mir sicher das genügend dieser beschriebenen vorgänge auch heute noch genauso stattfinden. besonders krass fand ich, wie wallraff die art beschreibt, wie bild sich journalist*innen einverleibt. obwohl ich von meinen journalistik-dozent*innen immer und immer wieder höre, dass bei bild erschreckenderweise tatsächlich intelligente, talentierte leute sitzen, wollte man absolut nicht glauben, dass solche menschen tatsächlich bei dieser zeitung landen und bleiben können. wallraff zeigt die reihen von manipulativen vorgängen, die vermutlich immer noch in bild-redaktionen stattfinden. die rügen des presserats sind dabei nur eine fliege im auge des springer-verlags.
Ein interessantes, wichtiges Buch, das auch nach fast 40 Jahren nichts an Aktualität verloren hat. Das Menschenverachtende in der Arbeit der Redaktion wird zugespitzt und pointiert gezeigt, sodass man als Leser fast den Eindruck bekommt, das Buch selbst würde leicht nach Hundehaufen riechen. Warum dann nur drei Sterne? 1. Der Stil ist mir zu unlinear, ansammelnd, Personen kommen namentlich vor, die erst später eingeführt werden. 2. Der Gesamtskandal wird zusammenfassend eigentlich nur im Nachwort noch einmal richtig vorgeführt: Wallraff geht tatsächlich davon aus, dass Journalisten so etwas wie ein Berufsethos haben - aus heutiger Sicht hätte man das noch eindeutiger formulieren müssen. 3. Logischerweise sind die beschriebenen Personen nicht mehr tagesaktuell - dies macht den Inhalt etwas ungreifbarer. Fazit: Kann man immer noch gut lesen - aktualisiertes Nachwort wäre nicht schlecht, gerade, wo es immer mehr Skeptiker den Medien gegenüber zu geben scheint.
Es tut mir schon fast weh, dass so ausdrücken zu müssen, aber “Der Aufmacher” von Günter Wallraff ist ein zeitlos. An einigen Stellen musste ich mir selbst klar machen, dass diese Enthüllung fast 50 Jahre her ist. Mein Vater ist 2 Jahre nach Erst-Erscheinung geboren. Und doch ist die Bild bis heute an jeder Ecke in Deutschland zu kaufen.
Die ersten zweihundertzwanzig Seiten beschreiben Wallraffs Zeit bei der Bild, welche ein wenig so ist, wie man Sie sich auch heute noch vorstellen könnte (Patriarchat, Leistungsgesellschaft und Polarisierung). Für mich persönlich hat sich dieser Teil ein wenig gezogen, immer wieder habe ich nach Hinten geblättert, da mich die Auffassung der Öffentlichkeit und Gerichtsprozesse fast schon mehr interessiert haben. Ich werde höchstwahrscheinlich den ersten Teil (der Erfahrungsbericht) noch ein mal lesen, um die Gerichtsurteile und Reaktionen neu einteilen zu können.
Interessant fand ich die zwischendurch beigefügten Analysen der Bild von Springer selbst - die Wortwahl und von Springer selbstgestellten “Ziele” im direkten Vergleich mit Wallraffs Enthüllungen.
Gerne hätte ich mir einen längeren zweiten Teil gewünscht - dieser Wunsch kommt wahrscheinlich aber auch daher, dass ich in meinem Umfeld die Bild nie als seriöses Medium angesehen habe. Mit der Zeit und auch diesem Buch habe ich verstanden, dass dies bei weitem nicht auf die Allgemeinheit übertragbar ist. Gerade wie die Arbeiter:innenschicht bis heute gezielt von der Bild zu einem rechten Meinungsbild gedrängt wird. Hass wird auf unsere Mitmenschen gerichtet, es wird schön von denen abgelenkt, dank denen wir weiter in dieser Klassengesellschaft existieren. Nicht nur das, sondern auch das Patriarchat wird auch noch mal deutlich gemacht (die Inhalte, die Dynamiken und Rollenverteilungen innerhalb der Redaktion). Hier rauf wird nur teils eingegangen, darum gehts natürlich nicht hauptsächlich, soll es auch nicht, aber ein neuer differenzierter Ansatz der Intersektionalität wäre als Kommentar am Schluss auch spannend gewesen (für mich persönlich).
Alles in allem: ein Buch, was man gelesen haben sollte. Egal, ob man die Bild bereits hasst oder nicht. Verbreitet, auch heute noch, die Nachricht, dass die Bild scheisse ist und mehr Instrument des Staates, als Journalismus ist.
Eins vorneweg: Der Aufmacher ist und bleibt ein wichtiges Buch. Ein Standardwerk über die BILD-Zeitung im Speziellen und über Populismus im Allgemeinen. Dabei ist es erstaunlich, wie wenig sich geändert hat. Alle wissen, wie BILD agiert, aber ein Großteil der Bevölkerung hat sich dazu entschlossen, das Ganze zu ignorieren, weil es einfach zu gut in ihr WeltBILD passt.
Nun gut. Insgesamt muss man allerdings sagen, dass dieses Buch wirklich sehr trockener Stoff ist, dessen Aufbau und Schreibstil weniger als zweckgebunden ist. Viele Wiederholungen und ein fehlender roter Faden lassen den Leser ziemlich schnell ermüden.
Positiv stechen bei der mir vorliegenden Ausgabe die Anhänge heraus, welche sich wesentlich moderner präsentieren.
Wer auf der Suche nach einem wesentlich aktuelleren Buch zum Thema ist, dem kann das Buch "Ohne Rücksicht auf Verluste" von Mats Schönauer und Moritz Tschermak wärmstens ans Herz gelegt werden.
Der Autor beschreibt im wesentlichen seine eigene Tätigkeit und die seiner unmittelbaren Kollegen in seiner Zeit als freier Mitarbeiter bei der Bild. Ein umfassender Blick auf den gesamten Verlag und die größeren Zusammenhänge wird bewusst ausgelassen. Ich denke das Buch ist immer noch relevant, obwohl es schon älter ist, und ich gehe davon aus, dass sich seit dessen Veröffentlichung wenig an den Arbeitsmethoden dieser Zeitung geändert hat. Es empfiehlt sich eine sehr frühere Ausgabe zu lesen, da spätere Ausgaben, aufgrund von Gerichtsbeschlüssen, teilweise zensiert werden mussten und stellenweise enttäuschende Alternativtexte enthalten.
This book can only deserve five stars. What Wallraff delivers is a great achievement and at the same time it's hard to believe. Surely it's common knowledge that "blood drips out of BILD". But it's really frightening, how facts in stories are turned upside down; how people that are suffering from great misfortune are exposed to public without any scruples. To me it was really shocking to read the quote of former chancellor Helmut Schmidt, who said that "messing with Springer would be political suicide". What tells us this? Read more books and less newspapers, because wisdom lies in books.
Günter Wallraff bietet gesellschaftlich wichtige Einblicke in die Tageszeitung BILD. Selbst heute ist die BILD die Tageszeitung mit der höchsten Auflage in Deutschland. Am Ende des Buches geht es auch kurz darum, inwiefern Wallraffs Recherchemethoden (er arbeitete unter dem Decknamen Hans Esser bei der BILD Redaktion Hannover) gerechtfertigt werden können, wenn dabei Informationen über Misstände, die das allgemeine öffentliche Interesse betreffen, ans Licht gebracht werden.
Wichtige Einblicke, die sicher in Zeiten von salonfähigen Fake News noch sehr relevant sind. Trotzdem wäre es einmal wieder Zeit für eine aktuelle Beurteilung im Anhang. Da finden sich auch in der Ausgabe 2012 nur Besprechungen maximal aus den 90ern. Man darf doch hoffen, dass der Journalismus sich inzwischen weiterentwickelt hat - auch bei „Bild“.
Das Buch habe ich bei meinem Dad im Regal gefunden und finde es erschreckend wie wenig sich seit 1977 bei der Bild (und in der deutschen Gesellschaft) geändert hat. Wirklich empfehlenswert, auch zwecks der Zeitgeschichte. Es hat sich auch um die ungekürzte Originalausgabe gehandelt. Ich werde ab jetzt Weihnachten mehr Bücher aus der "Papa-Bibliothek" lesen.
Aufdeckungsjournalismus. Sehr packend geschrieben. Vielleicht etwas gar moralisch, aber dennoch notwendig gewesen (damals). Wer schreibt heute ein Buch über diese "Machenschaften"?
Günter Wallraffs "Aufmacher" ist schon lange legendär. Aber vielleicht haben viele Menschen nie Kenntnis davon erlangt. Es lohnt, diese investigative Recherche zu lesen. Man erhält Einblick in das Innere einer Publikation, die sich in der Geschichte der Bundesrepublik leider als sehr wirkmächtig erwiesen hat, weil sie die einzige bundesweit erscheinende Boulevardzeitung war zu einer Zeit, als es das Internet noch nicht gab. Auch heute noch wird sie vielfach gelesen, leider nicht nur von Leuten, die gerne mal großformatiges Papier in der Hand halten wollen, sondern inzwischen auch online.
Die Redaktion dieser mächtigen Meinungsmaschine kennzeichnet sich erstens dadurch, dass sie total skrupellos ist. Man erfährt, was es mit dem Wort "Witwenschütteln" auf sich hat. Zweitens ist die eigentliche Aufgabe und Arbeit der Mitarbeiter*innen oft nicht journalistischer Art, sondern im Rahmen von Aktionen wie "Sorgentelefon" müssen auch Callcenter-Aufgaben übernommen werden. Drittens befindet sich die Redaktion in Konkurrenz zu den anderen im Konzern. Wer es schafft, Texte möglichst weit vorn im Blatt zu platzieren, hat den Vorteil.
Das alles ist höchst interessant und vieles davon verachtenswert. Günter Wallraff bemüht sich redlich, den Eindruck zu erwecken, er habe bei all dem nur so getan, als hätte er mitgewirkt. Tatsächlich jedoch hat die Arbeit in diesem Beruf Spuren in seinem Privatleben hinterlassen. Er sei härter geworden, weniger empathisch. Ich glaube das sofort. Mir würde es genauso gehen. Ich würde bei jeder Begegnung, bei jedem neuen Erlebnis, zunächst mal überlegen, ob ich es als Story verhackstücken kann.
Leute, lest das. Und macht euch eure eigenen Gedanken zu dieser Form der Meinungsmanipulation.
ein sehr wertvolles buch, das einblick gibt in die machenschaften eines mächtigen medieninstruments. die im buch gebrachten beispiele für lüge, manipulation und herzlosigkeit geben einen eindruck von all dem, über das er aus platzgründen nicht schreiben konnte. man kann diese art der "berichterstattung" in vielen anderen medien auch erkennen und als mündiger, sehender leser es durchschauen. wallraff ist zu verdanken, dass die mechanismen im hintergrund einmal aus nächster nähe transparent wurden. leider ist dieses buch ein zeitloses dokument, welches auch heute noch ungebrochen aktuell ist. was dem buch fehlt, ist kontinuität in der berichterstattung: mir hätte noch besser gefallen, wenn wallraff seine zeit bei BILD chronologischer erzählt hätte, also als durchgängig lesbare tatsachengeschichte mit noch mehr einblick in die redaktionswirklichkeit; das hätte das buch noch um einiges spannender lesbar gemacht. so bleibt es eine reihe von fallstudien, die faszinierend zu lesen sind, aber ein wenig "auseinanderfallend".