Leipzig. Sommer. Universität, Fußball-WM und Volksküche. Gute Freunde. Eine Geburtstagsfeier. Anna sagt, sie wurde vergewaltigt. Jonas sagt, es war einvernehmlicher Geschlechtsverkehr. Aussage steht gegen Aussage. Nach zwei Monaten nah an der Verzweiflung zeigt Anna Jonas schließlich an, doch im Freundeskreis hängt bald das Wort "Falschbeschuldigung" in der Luft. Jonas’ und Annas Glaubwürdigkeit und ihre Freundschaften werden aufs Spiel gesetzt. Der Roman »nichts, was uns passiert« thematisiert, welchen Einfluss eine Vergewaltigung auf Opfer, Täter und das Umfeld hat und wie eine Gesellschaft mit sexueller Gewalt umgeht.
BETTINA WILPERT, geboren 1989, aufgewachsen bei Altötting. Sie studierte Kulturwissenschaft, Anglistik und Literarisches Schreiben in Potsdam, Berlin und Leipzig. Sie war u.a. Finalistin des 23.Open Mike, Stipendiatin des 20. Klagenfurter Literaturkurses, Artist in Residence auf dem PROSANOVA 2017 und Stipendiatin der Autorenwerkstatt Prosa 2017 des Literarischen Colloquiums Berlin. Veröffentlichungen u. a. in Bella Triste, Metamorphosen, Outside the Box, P.S. Politisch Schreiben und testcard. Sie arbeitet als Trainerin für Deutsch als Fremdsprache und lebt in Leipzig.
»nichts, was uns passiert« ist ihr Debütroman, für den sie mit dem Förderpreis zum Lessing-Preis des Freistaates Sachsen ausgezeichnet wird und mit dem sie auf der Hotlist 2018, durch die alljährlich die 10 besten Bücher aus unabhängigen Verlagen gekürt werden, gelandet ist. Im Rahmen dessen gewann sie den Melusine-Huss-Preis. Außerdem erhielt Bettina Wilpert für das Buch den ZDF-„aspekte”-Literaturpreis für das beste literarische Debüt des Jahres 2018. Zudem wurde sie mit Das Debüt 2018 - dem Bloggerpreis für Literatur ausgezeichnet und »nichts, was uns passiert« als bester Titel aus 69 eingereichten Debüts ausgewählt. Der Roman wurde darüber hinaus mit dem Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium 2019 ausgezeichnet. Desweiteren ist Bettina Wilpert derzeit für den Clemens-Bretano-Preis 2019 nominiert.
Kurzmeinung Nichts, was uns passiert von Bettina Wilpert hat mich sehr beeindruckt. Die Autorin nimmt sich des sensiblen Themas Vergewaltigung an und macht daraus einen spannenden, reflektierten und bewegenden Roman.
CN: Vergewaltigung
Meine Meinung: Dieses Buch hat mich sehr bewegt und noch lange in mir nachgehallt. Immer wieder musste ich beim Lesen Pausen machen und über den Inhalt nachdenken. Gleichzeit hat es mich aber auch so gefesselt, dass ich es sehr schnell durchgelesen hatte.
Zunächst möchte ich die vielen interessanten Perspektiven betonen, in denen diese Geschichte erzählt wird. Zunächst wird abwechselnd die Sicht von Anna und Jonas geschildert, später kommen auch weitere Zeugen zu Wort, Freunde, Familie und Bekannte. Aber Erzähler ist eine unbekannte dritte Person. Das ist zunächst etwas ungewöhnlich zu lesen, dann habe ich mich aber daran gewöhnt und fand diesen Stil sehr interessant. Es macht diesen Text besonders und passt auch zum Thema. Es schafft unweigerlich eine größere Distanz zu den Personen und dem Geschehen, und das ist bei so einem sensiblen Thema vielleicht auch ganz gut so.
Sehr gelungen sind auch die unterschiedlichen Sichtweisen und Interpretationen dargestellt. Wenn man nur die Perspektive einer Figur kennt, ist man schnell „auf deren Seite“, nimmt die Schilderungen als gegeben hin. Durch die zweite (und mehrere andere) Perspektiven führt die Autorin den Leser:innen vor Augen, wie vielschichtig soziale Interaktionen sind und wie viele Sichtweisen und Interpretationen es für die selbe Situation geben kann.
Das Thema an sich ist natürlich sehr sensibel. Man sollte sich vorher darüber im Klaren sein und wissen, worauf man sich einlässt. Allerdings finde ich den Umgang damit in diesem Roman sehr gelungen.
"Vergewaltigung? Die hatte sie sich anders vorgestellt: Ein Mann, der einen nachts auf dem Nachhauseweg überfällt, oder der Onkel, der die Nichte als Kleinkind missbraucht. Oder der Nachbar. Aber kein Doktorand, den man kennt, zu dem man Vertrauen aufgebaut hat. Ein Geliebter. Ein Freund." (Aus: Nichts, was uns passiert. S. 65)
Die Autorin lässt uns an den Gefühlen der Protagonistin teilhaben. Zweifel, Angst, Schuld. Hätte sie es verhindern können? Sich mehr wehren müssen? Die Zweifel, ob sie eine Anzeige machen soll. Und schließlich die Wut. Die Wut, die sie doch zur Anzeige bringt. Die Wut über den Polizisten, der fragt, was sie anhatte, mit wie vielen Männern sie schon geschlafen habe. Sie mit den Worten verabschiedet, sie solle doch nicht so viel Alkohol trinken. Klar ist nicht jeder Polizist so. Aber allein zu wissen, dass so etwas vorkommt macht mich so unfassbar wütend. Frauen, die sowieso schon vulnerabler sind, dann auch noch mit so einem unangemessenem Verhalten zu konfrontieren. Victim Blaming, als würde sich die Protagonistin nicht schon schuldig genug fühlen. Gleichzeitig wird auch die Rolle der gesellschaftlichen Strukturen, in denen wir leben, betont.
"Dass wir in einer Rape Culture leben. Vergewaltigung war ein strukturelles Problem – kein persönliches. Die Gesellschaft ist patriarchal. (...) Nie wurde als Erstes gefragt: Ist er schuldig? Sonder: Hat sie gelogen?" (Aus: Nichts, was uns passiert. S. 137)
Daneben kommt aber auch der vermeintliche Täter zu Wort. Wie er mit den Anschuldigen umgeht, wie die Anzeige und die Gerüchte sein Leben verändern, seinen Alltag, seine Freundschaften, seine Hobbys und seinen Arbeitsplatz.
Fazit: Nichts, was uns passiert von Bettina Wilpert war ein großes Highlight für mich. Ein Buch, das mich bewegt hat. Das mich zum Nachdenken gebracht hat. Das es mir nicht leicht gemacht hat. Es gibt dort kein schwarz-weiß, keine einfachen Entscheidungen. Kein "Sie hat recht", kein "Er ist der Böse". Das Thema Vergewaltigung wird von vielen Seiten betrachtet und, wie ich finde, sehr gelungen dargestellt. Mit all den Konsequenzen für das vermeintliche Opfer, den vermeintlichen Täter und den Einfluss der Gesellschaft.
Lesenswert, aber schwere Kost, Wer sich fragt, warum nur so wenige Vergewaltigungen überhaupt angezeigt werden, die_er sollte definitiv mal "Nicht, was uns passiert" lesen.
Der Roman "Nichts, was uns passiert" schildert eine Vergewaltigung und vor allem das, was danach passiert - was die Tat mit dem Umfeld des Opfers und des Beschuldigten und mit ihnen selber macht. Und wie die Gesellschaft mit sexueller Gewalt umgeht. Bettina Wilpert hat es geschafft, ein sehr realistisches Szenario in der Leipziger linken Szene zu erschaffen, in das ich mich sofort hineinversetzen kann. Das Buch ist sprachlich toll geschrieben und die Charaktere sind interessant und manchmal auch genau dort sympathisch, wo man sie lieber unsympathisch fände. Das ist aber gerade gut - denn es dekonstruiert den Mythos des bösen Vergewaltigungs-Monsters, das hinter der Ecke lauert und fremde Frauen angreift. Insgesamt kann ich das Buch nur zu 100% weiterempfehlen. Es geht dieses Thema, über das nur wenig geschrieben wird, genau richtig an, ist gut recherchiert, sprachlich toll, realistisch und einfach wichtig. 5 Sterne!
Vielleicht nicht eines der besten Bücher aus letzter Zeit, aber ziemlich sicher eines der wichtigsten. Die Geschichte einer Nacht, die in betrunkenem Sex geendet hat und nun von beiden Seiten, von ihm wie auch von ihr, beleuchtet wird. Sie sagt, es war Vergewaltigung was in dieser Nacht passierte, er sagt, es war einvernehmlicher Geschlechtsverkehr. Der Leser weiss bis zuletzt nicht, auf wessen Seite er sich stellen soll und genau dies ist der grosse Beitrag dieses Buches in einer Zeit, in der alte Rollenbilder fallen und viel bisher übliches (männliches) Verhalten zum Glück nicht mehr toleriert wird: Es zeigt die Ambiguitäten auf, die in solchen Fällen lauern und zeigt auch, was aus zwei Leben werden kann, wenn so etwas passiert.
Anstatt Stellung zu beziehen und zu sagen so wars, sagt dieses Buch uns, dass es so oder so gewesen sein kann, genauso wie im echten Leben auch. Und gewinnen tut zum Schluss niemand.
Ich hab ein bisschen Zeit gebraucht um reinzukommen und der Schreibstil hat mich am Anfang nicht sehr doll gecatcht. Jedoch habe ich den Film und das Buch zeitgleich angefangen und bin dadurch etwas mehr in die Geschichte eingetaucht. Jetzt wo ich das Buch zu Ende gelesen habe ( den Film hab noch nicht zu Ende geschaut habe) kann ich sagen: Lest dieses Buch. Es macht aufmerksam wie eine Vergewaltigung heute gehandhabt wird beziehend auf Deutschland. Ich hab’s geliebt, dass das Buch so realitätsnah ist und das es in Leipzig spielt. Kann es nur jedem empfehlen, ist ein Must Read!
Auf mich wirkte es unglaublich realistisch wie das Umfeld von Anna und Jonas mit der Situation umgehen. Das wird dadurch verstärkt, dass die Erzählerin über Unterhaltungen mit dem Umfeld berichtet, ohne dabei selbst zu werten. Vom Stil her fand ich das erst gewöhnungsbedürftig, dann wirklich gut. Am Schluss ist mir erst aufgefallen, dass mich das an Gruppenbild mit Dame von Heinrich Böll erinnert. Soweit ich mich nicht falsch erinnere.
Thematisch hat mich das Buch abgeholt. Die Aussage gegen Aussage Situation ist interessant gelöst, der Stil aber so distanziert, dass das Buch 0 emotionen in mir auslöst und das macht mich traurig. Der Bezug zu Leipzig, die Orte zu kennen macht es zwar extra schmerzhaft und auch die Widersprüche zu lesen und das eigene Denken zu hinterfragen. Schade, dass zu Täterschutz seit 2018 gefühlt nichts neues hinzugekommen ist und sich viel in und um Leipzig abspielt. Lässt mich mit gemischten Gefühlen zurück
Vergewaltigung oder einvernehmlicher Geschlechtsverkehr? Es steht Aussage gegen Aussage und alle Seiten kommen zu Wort und schildern ihre Sicht. Was macht so eine Anzeige mit dem Opfer und dem Täter? Wie reagieren Familie, Freunde und das Umfeld? Wer glaubt wem?
Ist „Opfer“ überhaupt das richtige Wort? Was ist Rape Culture und was bedeutet Körpergedächtnis?
Das Buch ist schonungslos, realistisch, weckt Gefühle. Und vor allem ist es lesenswert.
Der Schreibstil war etwas gewöhnungsbedürftig, daher sind es nur 4 Sterne geworden.
nichts, was uns passiert von bettina wilpert und macht von heidi furre - zwei kurze romane die ich diesen sommer gelesen habe, zwei wichtige romane von dessen art wir sie mehr brauchen in zeiten von rape culture.
dieser kurze roman hat mich unfassbar wütend gemacht und nur dank nina wieder ein kleinen funken hoffnung entgegengebracht, um am ende dann doch wieder wutentbarannt das buch zuzuschlagen. (hannes und verena waren besonders enttäuschend. ach ja und die mutter von jonas, die "feministin")
super realistisch und mit simpler sprache erzählt bettina wilpert auf knapp 170 seiten die geschichte von anna, die vergewaltigt wurde und nach zwei monaten beschließt damit zur polizei zu gehen. sie muss sich mit allen erdenklichen hindernissen rumschlagen wie victim blaming, absurden ausreden von jonas' seite aus (zb dass es keine vergewaltigung sein konnte weil er ein kondom benutzt hat... achso🤡) und vermeintlichen freund*innen, die seinen worten mehr glauben schenken als ihren. alles was man auch im echten leben so mitbekommt, wenn es um geschehnisse wie diese geht, und das kann einen mal wieder nur zur verzwiflung bringen.
spätestens nach diesem buch sollte es niemanden mehr wundern, warum so wenige frauen* den mut haben, eine vergewaltigung oder andere sexualisierte gewalt anzuzeigen.
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Eher so 2 1/2. Das Thema einer Vergewaltigung wurde auf eine Art gut beleuchtet, da die Erzählweise sehr neutral war. Man hat die Gefühle und Probleme aller involvierten Personen nachvollziehen können. Dadurch war es aber für mich auch wirklich 0 emotional und ich hab mich keinem Charakter nah gefühlt. Es war fast schon eher eine sachliche Abhandlung eines solchen Themas, was es aber glaube ich nicht sein sollte? Zumindest wurde dann doch über Gefühlslagen und über private Beziehungen gesprochen aber es war nicht interessant für mich weil ich keine Verbindung zu diesen Charakteren aufbauen konnte. Schade
Mit einem "dass" wird hier jede Nacherzählung eingeleitet. Die fikitve (?) Erzählerin kennt nämlich die Protagonist*innen persönlich und ließ sich die Geschehnisse nacherzählen, als würde ein "X berichtet, dass..." davor nur fehlen. Aber wie stilsicher, dieses wegzulassen, stattdessen den Satz mit dem unvermittelten "Dass..." beginnen zu lassen! Stilsicher ist das ganze Buch. Noch viel beeindruckender: Wie genau und nachvollziehbar die Psychologie in diesem kurzen und schnell lesbaren Roman funktioniert: Jede einzelne Handlung, jedes Verhalten ist erschreckenderweise genau nachvollziehbar und real vorstellbar.
Erschreckenderweise, weil es hier um eine Vergewaltigung geht. Je nach Leser*innenperspektive qua Geschlechtszugehörigkeit könnte aber auch die Angst, auch Opfer oder Täter zu werden, dazukommen, oder Verteidiger*in. Die ganze Palette von Verhaltensweise in einer Welt, in der solche Dinge passieren, aber "uns" natürlich nicht, wird einem geboten: Das leipziger Studierendenmilieu zwischen Bibliothek in der Albertina und Fußball-WM-live-schauen-doof-finden-aber-es-doch-machen, Partys, Spätis, die morgens nicht früh genug öffnen, pseudointellektuellen Gesprächen und sinnlosem Studieren.
Die Protagonistin lernt über einen Freund dessen Kumpel kennen, sie schlafen miteinander, später im Jahr wird des Freundes Geburtstag gefeiert, sie sind beide sehr betrunken, der Freundeskumpel will mit ihr schlafen, sie will es nicht, wehrt sich (hat aber nicht sehr viel Körperkraft), er tut es trotzdem. Ihm kommt es nicht wie eine Vergewaltigung vor. Sie schreibt ihm paralysiert ein paar Mal unverfängliche Nachrichten und vergisst, dies der Polizei zu sagen, als sie sich außerdem erst drei Monate später die Anklage einreicht. Körperliche Spuren sind nicht nachweisbar, sagt zumindest die unsensible Polizei, wobei man Hämatome an den Handgelenken eventuell hätte feststellen können. Sie meldet sich überhaupt erst so spät, weil sie nach der Tat in ein Loch fällt, unglaublich leidet und gar nichts mehr tun kann, kaum noch ihr Zimmer verlassen. Auch hier, wie psychologisch genau, dass sich die Mitbewohnerin schon irgendwie Sorgen macht, aber dann auch nichts tut, weil man ja eben nur miteinander wohnt, und überhaupt. Der Freund ahnt die ganze Zeit Schlimmes, mehrmals wird impliziert, dass er ihr glaubt, und trotzdem rutscht ihm in dem Gespräch, als sie ihm von den Taten seines Kumpels erzählt, ein: Vielleicht hat er es nicht so gemeint. Bist Du Dir sicher, dass Du Dich genau erinnerst?, heraus - worauf sie den Kontakt abbricht, was ja für die Freundschaft sehr traurig ist. Andere - unter anderem die Eltern - können sich von dem netten Protagonisten eine solche Tat gar nicht vorstellen - es ist ja nichts, was uns passiert. Dieser selbst erlebt einen Schock, weil die Polizei die Vernehmung früh morgens stattfinden lässt. Er verliert seine Promovierendenstelle und darf nicht mehr in einer linken Initiative mitmachen, als die Vorwürfe bekannt werden. Er fühlt sich ungerecht behandelt. Die Protagonistin wollte natürlich nicht sein Leben zerstören, sie wollte vor allem juristische Folgen und, dass er es einfach zugibt, getan zu haben (sich vielleicht sogar entschuldigt). Genau das passiert aber verzweifelnderweise nicht, Beweise fehlen, und er gibt es (vor allem ihr gegenüber) gar nicht zu. Stattdessen meldet sich eine Gruppe von Studentinnen, die ihren Fall zum Politikum machen und ihr außerdem heuchlerisch Unterstützung feilbieten wollen.
Auch die in Leipzig wohnende Familie mit einer sie in dem Fall unglaublich stark stützenden Schwester (die ihr auch die Klage nahelegt) wird beschrieben, die eine Migrationsgeschichte aus der Ukraine hat. Er hingegen ist ein Literaturstudent, der sich mehr oder weniger auf ukrainische Literatur spezialisert hat. Beide mögen - leider - Katja Petrowskaja nicht, die einzige Autorin, die ich kenne, die einen Ukrainehintergrund hat, und diese Meinung kann ich nicht nachvollziehen.
Davon unabhängig ein sehr gutes Buch (sogar Debüt).
Dieses Buch ist spannend und realistisch; der Schreibstil kostet hier allerdings einen Stern. Alle Perspektiven werden hier durch Erzählungen der Beteiligten und der Zeugen wiedergegeben. Damit man das nicht vergisst, fangen unheimlich viele Absätze mit "Dass" an, oft bleibt es beim Nebensatz. Ja, so wird oft gesprochen, aber es gibt auch noch andere Wege, indirekte Rede deutlich zu machen. Diese ständige Wiederholung holte mich beim Lesen immer wieder auf die Metaebene, nervte mich. Es kann nicht im Sinne der Autorin sein, dass die Leser mehr auf dieses Stilmittel achten als auf den Inhalt. Außerdem hält sie die Form leider nicht konsequent durch; es tauchen Details auf, die an dieser Stelle in einem Gespräch unwahrscheinlich wären, so dass es doch wieder nach allwissendem Erzähler aussieht. Mir wurde das ganze Buch hindurch nicht klar, wer eigentlich diese Teile zusammenträgt. Die Person wirkt auch nicht sehr bewandert, wenn sie von Abwehr oder Verdrängung schreibt, als wäre Verdrängung keine Form der Abwehr.
Insgesamt regt das Buch zum Mit- und Nachdenken an.
Ein wirklich nicht einfach zu lesendes Buch - und das liegt nicht nur an der zermürbenden Thematik. Die Geschichte dieser Vergewaltingung wird nämlich in indirekter, protokollartiger Sprache erzählt und die verschiedenen Perspektiven in elliptischen, kurzen Sätzen von einer unbekannten, vagen Erzählinstanz präsentiert. Dies macht das Lesen holprig, man stolpert über die vielen Satzanfänge mit "Dass..." und muss genau hinschauen, um zu verstehen, wessen Perspektive gerade dargestellt wird. Genau diese Schreib- und Erzählweise machen das Buch aber zu einem großen Stück wichtiger Gegenwartsliteratur, wenn auch der Umfang recht klein ist. Denn die Unvoreingenommenheit des Interviews, die sachliche Darlegung der doch recht nahegehenden Ereignisse, zeigen alle möglichen Reaktionen auf und führen am Ende dazu, dass niemand sich auf irgendeine Seite schlagen kann. Die zurückhaltende Erzählinstanz präsentiert dabei nur, lässt wirken, bewertet nicht. ohne in die bloße Anneinanderreihung von Fakten und in einen "Sie sagt/er sagt"-Stil zu verfallen.
Es ist aber auch ein herausforderndes Buch, weil es niederschmetternd ist und konfrontierend. Es zeigt, was eine Vergewaltigung mit Menschen und ihrem Umfeld anrichtet. Es ist ein wichtiges Buch, weil es zeigt, dass der böse Mann, der frau nachts auf der Straße überfallen könnte, meistens von uns selbst ins Bett gelassen wurde und weil es zeigt, dass das nicht bedeutet, dass wir uns deswegen schuldig gemacht haben. Es zeigt aber auch, warum immer noch so wenige Vergewaltigungen angezeigt werden und wie wenig Wert ein Nein in Deutschland immer noch hat.
Die heftigste Szene: die, in der die Fragen des Polizisten einfach so aneinandergereiht sind, weil sie auf Anna einprasseln. Ich brauchte dazu keinen Kommentar über Annas Empfinden. Ich konnte es selbst fühlen.
Sonst: gemischte Gefühle über diesen Roman. Ich mochte ihn, ja, das klinische Auseinandernehmen der Story war gut und richtig für dieses wichtige, wichtige Thema, trotzdem. Trotzdem konnte ich es manchmal eben nicht fühlen. Dann aber auch oft wieder sehr, fast zu sehr. Was wiederum richtig und wichtig für dieses Thema ist.
Sehr kurzweiliges Buch. Die Perspektive hat mir gut gefallen, die ganzen Sichtweisen haben immer ein neues Licht auf alle Vorgänge geworfen und trotzdem konnte man nicht in die Köpfe reinschauen, weiß also nur, was die Menschen erzählen, aber nicht, was sie weglassen und ob sie vielleicht lügen. Obwohl meine Position von Anfang an ziemlich klar war, wurde sie immer wieder ins Wanken gebracht, einfach weil es die verschiedenen Erzählungen so schwierig machen, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden.
Prehiter zaključek...sicer zelo berljiva knjiga, s pomembnim poudarkom, pogledom in posledicah, tako (potencialne) žrtve, kot tudi (potencialnega) storilca
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INHALT: Anna und Jonas lernen sich in Leipzig über einen gemeinsamen Freund kennen. Zunächst begegnen sie sich eher zufällig und beginnen, über ihre politischen Ansichten und alles, was sich so in der Welt abspielt. Eines Abends treffen sie sich, beginnen zu trinken und landen im Bett. Das gleiche spielt sich nochmal ähnlich ab, beim dritten Mal sind Anna und Jonas sehr betrunken und Anna behauptet, sie wollte keine Sex mit ihm haben und hat "Nein" gesagt. Jonas hingegen behauptet, der Sex war einvernehmlich und er habe Anna sogar gefragt, ob es ihr gefällt, was sie bejahte. Zu Beginn frisst Anna alles in sich hinein, doch dann vertraut sie sich ihrer Schwester Daria an, welche Anna dazu bringt, Jonas anzuzeigen. Zunächst will Anna das nicht, doch als sie Jonas zufällig wieder begegnet, stürmt sie sofort zur nächsten Polizeiwache. Nun steht Aussagen gegen Aussage und immer mehr Menschen sympathisieren mit der einen oder anderen Partei.
MEINE MEINUNG: Die Thematik fand ich ja wirklich spannend. Generell finde ich Sexualverbrechen interessant, bin aber durch Fernsehsendungen etc. eher mit den klassischen in Kontakt gekommen (also mit Menschen, die geplant vergewaltigt werden oder bei denen die Vergewaltigung ganz klar ist). Diese Art der Vergewaltigung fand ich tatsächlich generell etwas schwer zugänglich, denn beide waren davon überzeugt, dass sie richtig gehandelt haben. Da Anna zum Zeitpunkt des Aktes so unfassbar betrunken war, dass sie lauter Blackouts hatte, wäre ich mir an ihrer Stelle tatsächlich auch nicht so sicher gewesen, ob ich wirklich "Nein" gesagt habe, eine Anzeige hätte ich dementsprechend auch nicht erstattet. Ohne die 100%ige Sicherheit wäre das mit meinem Gewissen einfach nicht zu vereinbaren. Anna fand ich leider während des gesamten Buches absolut unsympathisch und besserwisserisch, man hatte immer wieder das Gefühl, dass sie anderen ihre meist sehr feministische Meinung aufzwängen will und von Feminismus bin ich einfach allgemein kein Fan, weil mir solche Ansichten viel zu übertrieben sind. Jonas fand ich da tatsächlich deutlich sympathischer, wobei ich auch mit seinem Charakter wenig anfangen konnte. Er wurde von Anna als arrogant betitelt, tatsächlich wirkte auf mich aber das ganze Buch ziemlich arrogant, fast so, als ob die Autorin damit zeigen möchte, wie welt- und wortgewandt sie doch ist. Der Großteil des Buches bestand aber einfach nur aus leeren Worten, viel Inhalt zu vermitteln gab es nicht. Auch der unheimlich seltsame Schreibstil sollte wohl super modern und hipp wirken, war aber einfach nur nervig und langweilig zu lesen. Auch dass jeder Abschnitt (und manche waren nur 2-3 Sätze lang, sie wechselten also manchmal wirklich schnell) schon wieder aus der Sicht einer anderen Person geschrieben war und man jedes Mal herausfinden musste, um wen es denn jetzt schon wieder geht, fand ich nervig. Weshalb die Kapitel nicht in Zahlen, sondern in Buchstaben unterteilt sind, ist mir auch schleierhaft. Warum kompliziert, wenn's auch einfach geht? SPOILER: Das Ende war zudem absolut langweilig und nichtssagend, da fand ich sogar die knapp 160 Seiten schon zu viel.
FAZIT: Für mich deutlich zu pseudoliterarisch mit zu wenig Inhalt.
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Juli 2014: Hannes feiert bei Jonas im Garten seinen Geburtstag. Es herrscht gute Stimmung, wie so häufig wird viel zu viel getrunken. So viel, dass Anna nicht mehr richtig gehen kann und von Hannes und dem ebenfalls sehr betrunkenen Jonas in dessen Bett getragen wird, um dort ihren Rausch auszuschlafen. Als sie aufwacht, registriert sie, immer noch betrunken, dass Jonas ihr die Hose auszieht und trotz ihres Protestes in sie eindringt. Anna schläft danach wieder ein, verschwindet am Morgen lautlos aus der Wohnung und erstattet zwei Monate später gegen Jonas Anzeige wegen Vergewaltigung. Liest man Annas Geschichte aus ihrer Sicht, scheint die Sache klar zu sein. Doch so einfach macht es sich die Autorin nicht. Sie schiebt eine dritte, unbenannte Person zwischen die Lesenden und die jeweils erzählende Figur, die wie bei einer Reportage die Beteiligten befragt. Nicht nur Anna und Jonas, der eine völlig andere Erinnerung an diese Nacht hat, sondern auch Freunde und Freundinnen, Bekannte, Verwandte usw. Dadurch entwickelt sich aus dem scheinbar klaren Tatvorwurf der Vergewaltigung ein differenziertes Bild, das beim Lesen immer wieder aufs Neue die unterschiedlichsten Gefühle und Überlegungen entstehen lässt. Hier eine eindeutige Schuldzuweisung zu formulieren, gestaltet sich mit zunehmender Seitenzahl zusehends schwieriger. Auch das Gesetz, das wohl mehr einem Schwarz-Weiß-Denken geschuldet ist (Vergewaltigung = Einsatz von Gewalt und einvernehmlicher Geschlechtsverkehr), kommt bei einem solchen Sachverhalt an seine Grenzen. Die große Grauzone, zu der auch der hier erzählte Vorfall gehört, bleibt davon ausgespart. Eine einfache Lösung gibt es nicht, denn egal wie Gesetze formuliert werden, es steht Aussage gegen Aussage. Und das Grundproblem, dass Alkohol Schranken fallen lässt, von denen man vorher nicht einmal wusste, dass sie existieren, wäre damit immer noch nicht gelöst. Ein sachliches, gut zu lesendes Buch, das sehr zum Nachdenken anregt.
Es hat mir sehr gefallen, dass beide Seiten parallel erzählt werden, also dass Aussage gegen Aussage als Perspektiven auch gegenübergestellt werden. Leider wirkte für mich Anna deutlich ausgearbeiteter und plastischer als Jonas, der immer schemenhaft blieb. Gerade in der zweiten Hälfte rückte Jonas' Perspektive immer mehr in den Hintergrund und wird dann eher schnell abgehandelt, wie es mit ihm weiterging. Irgendwie verlor sich der Fokus dann doch zu sehr auf Annas Interpretation (?) der Ereignisse. Was schade ist, da gerade die Parallelität das Interessante am Text war. Die verschiedenen Perspektiven und Interviewfetzen von Freunden und Bekannten waren sehr gut eingebaut, auch weil sie nicht immer chronologisch mit Anna und Jonas übereinstimmten. Gerade die auch die Reaktionen der M16, der Selbsthilfegruppe und die Mensa-Szene von Jonas mit den beiden Mädchen waren interessant als Beispiele.
Vielleicht hätte ich es höher bewertet, wenn gegen Ende nicht das Gewicht zu sehr in Richtung von Anna gegangen wäre (so habe ich es zumindest gelesen). Gerade die Offenheit der beiden Aussagen und dass man sowohl ihr wie Jonas nicht glauben konnte, hat die Prämisse zu Beginn interessant(er) gemacht.
Leipzig 2014. Durch einen gemeinsamen Freund lernen sich Anna und Jonas kennen. Anna hat ihr Studium so gut wie beendet, Jonas promoviert. Sie verstehen sich gut, aus ihrer Bekanntschaft wird aber nichts Festes, eher sowas wie „ein mal Sex und danach ist es irgendwie komisch“. Bei der Geburtstagsfeier von Hannes, ihrem gemeinsamen Freund trinken sowohl Anna als auch Jonas zu viel. Sie schlafen wieder miteinander. Anna sagt danach, dass Jonas sie vergewaltigt hat. Für Jonas war es einvernehmlich. Ein Buch über sexuellen Missbrauch und wie die Gesellschaft mit Opfer und Täter umgeht. • Uff, sehr schwere Kost. Das Buch ist sehr nüchtern geschrieben. Die Autorin sorgt dafür, dass man zu beiden Parteien Sympathie aufbaut um danach genau so im Zwiespalt zu stecken. Die Geschichte ist krass, leider viel zu oft Realität und zeigt die Hürden auf, die durch das Stellen einer Anzeige auf einen zukommen. Das Buch kritisiert deutlich den Umgang mit Opfern von sexualisierter Gewalt, das System hat unendlich viele Schwachstellen. Von mir gibt es dennoch eine Empfehlung. Themen wie diese müssen einfach ein Gesprächsthema bleiben, damit mehr gehandelt werden kann und es nicht tabuisiert wird.
Inhaltlich und formal ist der Roman überzeugend. Wer ihn auf die gesellschaftliche Relevanz herunterbrechen möchte, verkennt dabei den ästhetischen Wert. Die literarisierte Form des Protokolls begünstigt den paradoxen Effekt, das Geschehen, also alles, was vor, während und nach der Nacht passiert ist, unvermittelt-interaktionistisch und distanziert zugleich wahrzunehmen. Neben der schon emotional und kognitiv anstrengenden Frage, wer Recht hat und wer nicht, stellt sich die nächste knifflige, die nach der Erzählinstanz. Aus narratologischer Sicht ist für mich „nichts, was uns passiert” von Bettina Wilpert ein beeindruckender Roman. Weil er das komplexe Thema der sexualisierten Gewalt adäquat verarbeitet, den Leser bis zum Ende geschichtlich und erzählerisch mit der Komplexität konfrontiert und ihn dazu bringt, Zweifel an der fremden (figuralen) sowie eigenen (leserspezifischen) Urteilsfähigkeit haben.
Anna sagt, Jonas habe sie auf der Geburtstagsparty eines gemeinsamen Freunds vergewaltigt. Jonas sagt, es wäre einvernehmlicher Sex gewesen. Beide waren sie betrunken, Anna so sehr, dass sie sich nur bruchstückhaft an den Abend erinnert. Eines weiß sie jedoch mit Gewissheit und zwar, dass sie den Sex nicht wollte und das auch kommuniziert hatte.
Wem soll man glauben? Wer Jonas kennt, kann ihn sich nicht als Vergewaltiger vorstellen. Wer Anna kennt, ist sich sicher, dass sie nicht lügt. Es steht Aussage gegen Aussage.
"Nichts, was uns passiert" erzählt nicht nur Annas Geschichte, sondern die vieler, zu vieler Frauen. Sie erzählt, wie die Gesellschaft mit sexueller Gewalt umgeht. Ein Thema, das in Zeiten von Rammstein, Luke Mockridge und Oh Boy relevanter denn je ist. Denn für wen soll die Unschuldsvermutung gelten: Für den Beschuldigten oder für die Betroffene?
DNF. De schrijfstijl is niets voor mij en de personages bleven voor mij erg oppervlakkig. Dit maakt dat ik er wat onverschillig onder blijf, en ervoor kies om het boek niet uit te lezen maar gewoon een volgend boek uit de kast te trekken. Jammer, ik had high hopes voor dit boek!