„Sie hatte recht. Ich hatte seit Langem gewusst, dass uns die Jahrzehnte am Anfang des Jahrtausends wirklich voraus gewesen waren, dass sie die absolute Spitze der menschlichen Entwicklung dargestellt hatten.“
Was ist, wenn die Menschheit sich als Weltgemeinschaft zusammenrauft, überlegt, was die Welt besser machen würde, und beschließt, das Internet abzuschalten?
Von einer Welt, in der das passiert ist, und sich die Menschen wieder gänzlich analog durch ihr Leben langweilen, erzählt „Serverland“. Im Zentrum eine Generation, die dieses Internet nur aus Erzählungen kennt, aber eine alte Serverfarm auftut und darüber nachdenkt, wie die Welt gewesen sein muss, in der das Internet den Globus verband.
Es wird darüber diskutiert, warum Menschen sich bei diesem und jenem filmten und es ins Netz stellten, einfach so, und warum Menschen es ansahen.
Es wird darüber diskutiert, ob Globalisierung nicht doch die Lösung zur Überwindung des Kapitalismus dienen könnte - und ob eine neue Revolution des Internets die Lösung sein könnte.
Josefine Rieks schenkt uns keine Figuren, in die wir uns hineinfühlen können. Darum geht es auch gar nicht.
Es geht um ein Gedankenspiel, wie eine entdigitalisierte Gesellschaft, der sämtliches Wissen über IT abhanden gekommen ist, auf unser Jetzt-Zeitalter zurückblicken und welche Geschichten es sich erzählen könnte. Ob wir, die wir zwischen gesellschaftlichen Krisen und wichtigen Zukunftsweichenstellungs-Diskussionen verkeilt sind und das Internet gern eine Dreckschleuderhölle nennen, für die Zukunft mal ein Sehnsuchtsort sein könnten; ein „die Welt noch in Ordnung“-früher, in das man gern zurückwill?
Und gleichzeitig geht es gar nicht um die Zukunft, die, wie Rieks nebenbei bemerkt, trotz abgeklemmten Internets wieder reaktionär so manchen emanzipatorischen Fortschritt zurückgestellt hat und am bräsigen Konsumieren-Alltag vieler auch nichts geändert hat.
Es könnte auch die Vergangenheit sein, als das Internet und all die technischen Innovationen erdacht und ersponnen wurden. Oder auch um etwas ganz anderes als das Netz oder die Informationstechnik. Irgendeine Idee, die Menschen begeistert,zusammenbringt, von der jede und jeder, der an der Umsetzung mitwirkt, eine klare Vorstellung hat. Eine Idee, die irgendwann den Inkubator, die kleine Tüftelnden-Welt verlässt, und dann passiert, was mit dem sprichwörtlichen Geist, der aus der Flasche ist, gern mal passiert.
Und so lässt Rieks in ihrem kleinen Kammerspiel in einer großen verlassenen Serverhalle die Geister aus der Flasche. Die der Vergangenheit, die der gesellschaftlichen Debatten um die Organisation des Zusammenlebens und die der selbst ernannten und sich so fühlenden Revolutionäre, Pioniere…
Ein Buch, das nicht mehr Seiten bräuchte, und das viel erzählen kann, auch wenn es scheinbar nur um Parties, Nerds und Alkohol geht.