Die Stadt, nicht mehr alt und ehrwürdig, hockte auf verkohlter Erde, abgehackt lagen Kopf und Beine ihrer einzigen Reiterstatue; sie schlang versprengte Bettler in sich hinein und blieb doch abgezehrt unter einem unheilvoll verhangenen Mond. Ratternde Züge machten kehrt beim Anblick der verdrehten Schienen, die in dem naßkalten Frühjahr am Stadtrand gegenüber dem Hügel blühten, und Äcker, tiefgepflügt von Kanonenkugeln, waren besudelt von dem einsamen Bedürfnis von Mensch und Tier. Nachdem die alten Familien zurückgekehrt waren, um wieder an den Ufern des Kanals zu schrubben oder einzeln in schwarzer Kleidung einherzuschreiten, kamen die Gefangenen im Gänsemarsch über die Hügel, entweder als Namen auf einem Schildchen, oder, wenn es verlorenge-gangen war, einfach als ungezählte Nummern. Als ein alter Mann mit fürchterlichem Husten sterbend aufgegriffen wurde, betrog Jutta ihren verschollenen Ehemann und wurde schwanger. Die Stadt, ohne ihre Wälle und Barrikaden, wenn auch noch immer Wohnstatt von tausend Jahren, war geschrumpft und verwest wie eine von Ameisen schwarze Ochsenzunge. S.32
Das Meer rollte tonlos fort, und als sie zurückging, erstickten alle Wege unter Marmorstaub, und die Luft roch nach Leinen und toten Bäumen. Und sämtliche Ahnen Stellas hatten endlich diese Reise angetreten - der Ozean war voller Schiffe, die sich nicht begegneten. So viel Puder sie auch auf das Gesicht der Mutter streuen mochten, am nächsten Morgen lag doch noch immer steif unter der Haut das Eisengrau. Nachts stellten sie eine Lampe neben ihren Stuhl, die sie beim ersten Licht wieder entfernten, die Flamme streifte die starren Falten ihres Kleides, glomm schwächlich wie die glatten aufgewühlten Kämme der Wogen, beinahe erloschen. Jeden Morgen saß sie so gerade, als hätte sie gar nicht gemerkt, daß sie in den Stunden um Mitternacht jenseits der Lampenkugel um sie hergeschlichen waren. Nie sah sie sie zurücksegeln, und diese so überaus distanzierte Besucherin, neben ihr aufge-bahrt, Tag und Nacht schlafend und so verändert durch die Übernahme dieser düsteren Rolle, schien nur darauf zu warten, sie in das Land der Sehnsucht zu bringen, wo ihre Tränen den ganzen Berg über der Ebene benetzen würden.
Stellas Gesicht ward allmählich unsauber, ihre Arme wurden dünn, die Finger steif, ihr Mund trocken, während sie versuchte, sich an den Namen dieser Person zu erinnern.
Dienstboten und unvermutete letzte Besucher schwitzten.
Die alte Frau wurde feucht, als schwebe sie in Angsten.
Schließlich wurde der Sarg aus dem Haus geholt. S.109
Der rotbärtige Teufel beugte sich über das Bett, starrte den Mann mit den Zahnschmerzen an. Herman blickte von seinem Sohn zu Stella, dem reizenden Mädchen, von den farbigen Flaschen zu dem vernagelten Fenster und wieder auf das majestätische Bett.
„Er ist nicht krank!" und der Teufel stieß ein röhrendes Gelächter aus, sein Verlangen nach Gerta verflackerte mit dem fieberhaften Erkennen seines Widersachers, der ins Bett gesteckten Grippe.
Er hatte Hörner. Entsetzliche, peinigende, abscheuliche kurze Stummel, die aus dem runzligen Schädel ragten, und die Flöte in seinen glühenden Händen war die Flöte der Sünde. Die ganze Ruhe des Himmels verdunstete, und im allerletzten Augenblick, vollkommen ratlos, erkannte Ernst den alten Snow. Und in diesem Augenblick der Abwehr, der Verübelung dieser teuflischen Rückkehr des lärmenden heldenhaften Herman, starb Ernst, ohne dieses langersehnte Ereignis im geringsten zu erfassen; mit diesem letzten Anblick von Kleinheit, diesem letzten Auftritt des Störenfrieds, gab Ernst, den Mund verzerrt vor Abscheu, den Geist auf, und ward der Frömmigkeit entbunden. Der Alte lachte noch immer: „Verstellung, er verstellt sich bloß!" S.150
Im Winter schleicht der Tod auf der Suche nach Alten und Jungen durch die Haustür und spielt ihnen in seinem Gerichtshof auf. Doch wenn die Boten des Frühlings mit ihren Fingern auf die kalte Erde schlagen und von Neuigkeiten erzählen, zieht der Tod von dannen und wird zum bloßen Passanten. Die zwei Rufer begegneten ihm auf seinem Weg und verschollen in einem grenzenlosen Feld. S.229
Kein einfach verständliches Werk, das sich dem Thema fiktives Nachkriegsdeutschland „in einer der dunkelsten Stunden“, angsteinflössend durch Brutalität und Wesen der Geschichte, widmet. Teils faulknerisch, teils Remarque- und McCormac-angelehnt, mutet dieses Werk an, wie ein Albtraum, verroht und aussichtslos, alles ist erlaubt, weil kein Gott mehr existiert, würde Dostojewksi schlussfolgern, daher bedrückt es auch zu sehen, das neben dem eigentlichen Charakter des Kannibalen, die Zuordnung als Titel des Werks nur deshalb gelten kann, weil vielmehr die menschliche Natur im Generellen (und nicht lediglich Herzog) gemeint sein muss. Dystopisch oder postapokalyptisch? Real oder absurd? Prosaisch in jedem Fall, und mitreißend auf eine bauchschmerzbeklemmende Art und Weise.