Ich bin auf Die Quendel – Band 1 von Caroline Ronnefeldt durch mehrere Booktuber aufmerksam geworden – zuerst durch Florian von Creepy Creatures Review, dessen Begeisterung so ehrlich und ansteckend war, dass ich gar nicht anders konnte, als neugierig zu werden. Dann hörte ich Harald von Literatur und Whisky davon sprechen, mit dieser ruhigen, bedachten Stimme, die Geschichten immer etwas Tieferes abgewinnt. Schließlich las ich die ausführliche Rezension von Gerd auf Comicdealer.de, die alles, was mich bis dahin nur interessiert hatte, in echte Vorfreude verwandelte.
Es war beschlossene Sache: Ich musste diese Bücher haben. Und so standen kurz darauf alle drei Bände in ihrer wunderschönen Hardcover-Ausgabe in meinem Regal – schon das Aufschlagen des ersten Bandes fühlte sich an, als würde man in eine andere Welt treten.
Zugegeben: Ich hatte etwas ganz anderes erwartet. Das Cover, der Titel, die Beschreibungen – alles ließ mich an klassische High Fantasy denken. An Auenland-Idylle, an Magie, an große Heldentaten. Ein deutsches Herr der Ringe, dachte ich, voller Abenteuer, Elben und Zauberer. Doch was ich fand, war etwas völlig anderes – und gerade das machte das Buch so besonders. Die Quendel ist keine laute, effektreiche Fantasy, sondern eine stille, dichte, beinahe poetische Geschichte, die irgendwo zwischen Naturmystik, Grusel und Abenteuer zu Hause ist. Ein Buch, das die Stille ernst nimmt.
Die Quendel, dieses eigenwillige, friedliche Volk, erinnern entfernt an Halblinge, und doch sind sie ganz anders. Ihre Welt ist klein und in sich geschlossen, von der Natur getragen, durchdrungen von einer Ruhe, die zunächst friedlich wirkt – bis man merkt, dass sich etwas verändert. Etwas schleicht sich ein in dieses Gleichgewicht, ein Schatten, ein Flüstern, das nicht dorthin gehört.
Im Mittelpunkt stehen zwei Expeditionen: Eine sucht nach einem verschollenen Kartographen, die andere nach einem Kind, das seinem entlaufenen Hund gefolgt ist. Beide Wege führen in den Finsterwald – und was sie dort erwartet, ist keine offenkundige Gefahr, kein Monster, kein Donner und Blitz, sondern etwas viel Schlimmeres: Das Gefühl, dass die Welt selbst sich wendet. Dass die Dunkelheit nicht von außen kommt, sondern aus der Tiefe der Dinge steigt.
Ronnefeldt schreibt in einer Sprache, die man nicht nur liest, sondern hört, riecht, spürt. Ihre Worte sind wie Nebel, wie Tau auf Blättern, wie das Knacken eines Astes im Unterholz. Sie schreibt so sinnlich, dass man die Welt der Quendel mit allen Sinnen erlebt. Ich habe selten ein Buch gelesen, das so viel Atmosphäre ausstrahlt, ohne dabei laut zu werden. Alles ist ruhig, fast meditativ, und doch zieht es einen unaufhaltsam weiter.
Manche Leser mögen den Anfang als langsam empfinden, doch für mich war diese Ruhe ein Geschenk. Sie erlaubt, in die Welt einzutauchen, sie zu atmen. Kein Kapitel ist zu lang, keine Beschreibung überflüssig – alles hat Gewicht, alles dient dem Aufbau einer Stimmung, die sich wie ein feiner Nebel ausbreitet, Seite für Seite dichter wird. Der Horror entsteht hier nicht durch Blut oder Schrecken, sondern durch Ahnung. Durch das, was unausgesprochen bleibt.
Das ist, glaube ich, das, was mich am meisten beeindruckt hat: die Kunst des Andeutens. Dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt, aber man nicht sagen kann, was. Dass die Welt Risse bekommt, ganz leise, und man sie doch spürt. Es gibt Szenen, die mich frösteln ließen, ohne dass etwas Schreckliches passiert. Nur weil ich wusste: Gleich – gleich passiert etwas. Und manchmal passiert dann gar nichts. Nur Stille. Und die Stille ist das Unheimlichste von allem.
Ich habe beim Lesen oft innegehalten, um einzelne Sätze noch einmal zu lesen, weil sie so schön waren. So still, so poetisch, so fein gearbeitet. Ronnefeldt beherrscht diese leise Intensität, die man kaum noch findet. Sie baut Spannung nicht durch Tempo auf, sondern durch Tiefe. Durch Atmosphäre. Durch die Gewissheit, dass jedes Blatt, jeder Nebelfetzen, jedes Schweigen Bedeutung hat.
Als ich das Buch beendet hatte, blieb ich lange sitzen, einfach nur still. Dieses Gefühl, wenn man eine Welt verlässt, die sich so echt anfühlte, dass man sie beinahe vermisst – genau das hatte ich. Ich wollte nichts anderes lesen, nichts Neues beginnen. Ich wollte diesen Nachhall spüren, diesen feinen Ton, der bleibt, wenn die letzte Seite umgeblättert ist.
Die Quendel – Band 1 war für mich kein Buch, das man einfach liest. Es war ein Erlebnis. Ein Innehalten. Ein stilles, dunkles Leuchten. Ein Werk, das mich daran erinnert hat, dass Geschichten auch ohne Lärm groß sein können. Dass Spannung nicht immer schnell sein muss. Dass Grusel etwas mit Poesie zu tun haben kann.
Für mich ist dieser erste Band eine absolute Fünf-Sterne-Erfahrung – nicht, weil er "literarisch perfekt" oder "ausgefallen" ist, sondern weil er etwas in mir bewegt hat. Etwas, das bleibt.
Und ich weiß jetzt schon: Ich werde den zweiten Band nicht einfach lesen – ich werde wieder in ihn eintauchen, so wie man in einen Wald tritt, den man schon kennt, und trotzdem wieder fürchtet, was darin auf einen wartet.