Wunderbar leichte Lektüre mit dunklen Momenten, die auch in die Tiefe gehen.
Ich muss sagen, dass ich es gar nicht mehr gewohnt war, ein Buch zu lesen, bei dem ich nur so durch die Seiten fliegen kann und mich die Geschichte komplett in ihre Welt zieht. Dieses Buch hat es geschafft, dieses Gefühl wieder in mir auszulösen. Gerade zum Ende hin konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Außerdem hat es mich daran erinnert, warum ich es liebe, Bücher von Karolyn Ciseau zu lesen. Der Schreibstil ist wunderbar locker und trotzdem auf den Punkt gebracht. Das Geschehen und die Umgebung werden auf eine lebendige Weise beschrieben.
Die Handlung folgt Farina, die aus der armen Wüstenprovinz Terra Sitienti stammt, auf ihrer Reise an den königlichen Palast, wo sie in einer Art Fantasy-Bachelor mit dreißig Mitkandidatinnen um das Herz von Prinz Eirik kämpfen soll. Dieser sucht die wahre Liebe, durch deren Kuss sein Fluch gebrochen werden soll, der das Königreich in eine Eiszeit versetzt hat. Farina gerät dadurch in einen Konflikt, denn während sie, ihrer anfänglichen Skepsis zum Trotz, anfängt, Gefühle für Eirik zu entwickeln, ist die Eiszeit genau das, was dafür sorgt, dass Farinas Heimat Zugang zu Wasser erhält und die Bewohner nicht länger verdursten müssen.
Mir gefällt die Interaktion zwischen Eirik und Farina, weil sie zwar mit einer Abneigung auf Seiten Farinas beginnt, aber sie ist immer respektvoll, auch wenn Eirik Farina aufzieht. Trotz des Machtgefälles sind sie mental auf einer Ebene, was dafür sorgt, dass ihre neckenden Gespräche schlagfertig, witzig und knisternd erscheinen. Dabei gibt es auch Konflikte zwischen den beiden, die durch Intrigen und Geheimnisse entstehen - diese werden aber schnell gelöst und nicht nervig in die Länge gezogen.
Farina ist insgesamt eine Protagonistin, die mir gefallen hat. Man kann ihr Verhalten nachvollziehen und sie handelt nicht unüberlegt und kopflos (auch wenn sie in ein oder zwei Szenen kopflos handelt, sind diese Handlungen mit ihrer emotionalen Situation zu erklären und nachvollziehbar).
Wenn man nach einer spicy love story gesucht hat, ist dieses Buch wohl nichts für einen, aber ich fand es erfrischend, mal wieder eine Geschichte zu lesen, in der nicht die inzwischen obligatorisch erscheinende S*xszene vorkommt.
Das Worldbuilding hätte eventuell noch ein bisschen mehr beschrieben werden können, aber das war vermutlich der Seitenanzahl geschuldet. Ich war ein bisschen verwirrt darüber, in was für einer Welt wir uns befinden, weil es Radios und Züge gibt - ich habe die Geschichte dann in Gedanken ungefähr in den 1920ern angesiedelt, und war an das britische Königshaus erinnert.
Selbiges gilt für einige der Nebencharaktere, die mir sehr sympathisch waren, die aber nicht genug im Zentrum der Handlung standen, um mehr über sie zu erfahren. Das gilt z.B. für Annie, Farinas Zofe. Sie war super lieb und stand Farina in jeder Situation so gut es ging zur Seite - leider kommt sie nicht aus ihrer Rolle als supporting character heraus. Über sie hätte ich sehr gern mehr gelesen, aber ich verstehe, dass die Geschichte das nicht hergegeben hat.
Insgesamt ist die Geschichte in sich nämlich rund und abgeschlossen, was mir sehr gefallen hat.
Gerade auch die intensiven Momente, in denen Farina sich dem grausamen König gegenüber sieht, sind gut geschrieben. Dieser Mann ist einfach unberechenbar und gewalttätig, und es gibt auch nichts daran zu glorifizieren. Das macht ihn zu einem guten Bösewicht, weil seiner Macht nichts entgegengesetzt werden kann.
Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar bekommen, aber ich hätte es vermutlich ohnehin gelesen.
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SPOILER
Mir gefällt auch das Ende, weil ich bis zum Schluss nicht wusste, wie der Konflikt aufgelöst werden würde. Natürlich konnte man ahnen, dass der König besiegt und Eirik gerettet wird, aber wie genau das passieren würde, war dann doch überraschend.
Ich fand es toll und mutig von Farina, dass sie versucht hat, mit dem König zu verhandeln, es war aber auch sehr in Character und realistisch, dass er sich am Ende nicht an ihren Vertrag gehalten hat und sie aus dem Weg räumen wollte.
Die Lösung, dass die Rebellion um Fürst Ardijan den Tag rettet und den König tötet fand ich an dieser Stelle auch angebracht und nachvollziehbar. Farina hat ihren Kampf an anderer Stelle gefochten und es war realistisch, dass es mehr als eine Person braucht, um den König zu stürzen.
Wer eine gut geschriebene, langsame Romantasy Geschichte sucht, bei der magische Kräfte und Spice nicht im Vordergrund stehen, bekommt hiermit eine klare Leseempfehlung!