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Liebe in Zeiten des Kapitalismus: Unsere Gesellschaft in zehn Thesen
Wie funktioniert die Liebe in Zeiten des Kapitalismus? Warum sehnen wir uns nach Sicherheit? Was wird uns die Zukunft bringen? An welchen Gott wollen wir noch glauben? Warum finden wir Geiz geil? Was bedeutet uns Freiheit? Welche Konsequenzen hat Digitalisierung, Automatisierung und Robotisierung? Robert Misik, der renommierte Sachbuchautor, macht sich Gedanken zu unserer Gegenwart. Anhand zehn exemplarischer Begriffe, die Zeitgeist und Verfasstheit unserer Gesellschaft treffend skizzieren, geht er der Frage nach, welchen Paradigmen wir unsere Leben unterwerfen.
192 pages, Kindle Edition
Published February 15, 2018
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October 8, 2026
Ein hochspannendes intellektuelles Vergnügen, auch wenn die Texte schon etwas älter sind. Aber es stimmt immer noch alles- Ausweis bleibender Aktualität. Spannend deshalb, weil sowohl der intellektuell vorgestimmte als auch der Alltagsleser von den gleichzeitig pointierten wie verständlichen, oft auf unerwartete Perspektivwechsel hinauslaufenden Überlegungen metgerissen ist. Hier ist Lakonismus Programm, Können und Erfolgsrezept in einem.
Misik gruppiert seine Einsichten, die in der Art von Kolumnen daherkommen und in der Tat in verschiedenen Zeitungen schon mal einzeln abgedruckt waren, um Begriffe wie „Markt“, „Toleranz“ oder „Glück“ herum, „Signalwörter“ (8), die Aufmerksamkeit anziehen sollen. Warum? Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass es „absolut unsinnig“ (Eagleton) sei, man könne persönliche Erfahrungen oder Erfahrungen als solche außerhalb von Sprache machen bzw. mitteilen. Die Einzeltexte so zu montieren, dass sie über die persönlichen Auffassungen hinaus ein „Panorama der Jetztzeit ergeben“ (8), ist jedenfalls gelungen.
Produktiv sind dabei provozierende, auch linken Mainstream problematisierende Fragen, etwa die danach, warum solch erfolgversprechende linke Aktionen wie „occupy wallstreet“ folgenlos versandet sind. Implizit gegen Graebers These von der Selbstorganisationsfähigkeit von Menschen gerichtet, fragt Misik, ob es nicht auch „in ihrer [der Protestbewegung-F.S.] Abneigung begründet ist, tragfähige Organisationen mit einem Mindestmaß an Repräsentation, Arbeitsteilung und, ja, sagen wir das böse Wort, auch Anführern zu etablieren […], die den langen Atem haben, den man braucht, wenn man dicke Bretter bohren will?“ (23) Die Frage ist gestellt, die Antwort überlässt der Autor dem Leser, was gut ist, weil es den Spielraum für eigenes Nachdenken nicht von vorneherein verengt.
Ansonsten wird wie nebenbei noch manch andere „heilige Kuh“ geschlachtet. So zeigt Misik, dass von Chancengleichheit keine Rede sein kann, aber auch die sozialdemokratische Mär von der „Chancengerechtigkeit“ (28) alles, aber keine Gerechtigkeit nach sich zieht. Auch die Invektiven gegen unkritische Toleranz (188 ff.) und missverstandene Integrationsforderungen haben es in sich: Der Autor sieht positive Seiten „indifferenten Nebeneinanderherlebens“ (39), das ohnehin zwischen deutschem Manager und Reinemachefrau die übliche Verkehrsform sei. Was soll da Integration von Ausländern? Schließlich fordere auch niemand, dass sich der jugendliche Hippie oder die minimalistischen Snobs der Oberschicht an Omas Plüsch-Sofa-Stil anpassen oder sich in die Ikea-Lebensweise von Alt-68ern [Beispiele F.S.] „integrieren“ müssten. Kulturelle und religiöse Eigenheiten sollten wie Piercings auch dann Privatsache sein und bleiben, wenn sie öffentlich sichtbar werden. Dabei werden Probleme nicht klein geredet. Die tauchten aber erst da auf, wo aus dem Nebeneinander ein Gegeneinander wird. Es gelte also, „dass nicht bloß eine oder mehrere Gruppen in einen schon bestehenden Zusammenhang integriert werden, sondern dass dieser Zusammenhang im Prozess der Integration erst hergestellt wird.“ (52) Gesellschaft im Wandel also, ein Wandel, der Zeit braucht.
Der titelgebende Aufreißer wird im Abschnitt „#Liebe #Kapitalismus #Tinderisierung“ (93 ff.) abgehandelt, ohne dass hier Aufregendes nachzulesen wäre. Zu bezweifeln ist allerdings, dass „Liebe und Romantik […] eng mit einer Ästhetik verbunden [sind], die aus der Konsumkultur stammt.“ (95) Das ist so richtig wie einseitig: Ich denke vielmehr, die Ästhetik der Konsumkultur folgt in dieser Hinsicht eher den spätestens seit dem 12. Jahrhundert von dem Bedürfnis nach Distinktion geprägten und überlieferten Bildern, die definierten, wie ein ritterlicher Mann oder eine adlige (meist junge) Dame auszusehen und sich zu geben hätten. Jedenfalls nicht wie jemand, der oder die hart arbeitet und sich daher keinen schlanken Körper leisten konnte. Nachdem im 30-jährigen Krieg die verhungernden Klappergestalten der Dörfler endemisch geworden waren, setzte sich beim Adel kurzzeitig das fleischliche Barock durch, das aber mit der Besserung der Verhältnisse sofort wieder von der Gegenbewegung des androgynen und pädophilen Rokokos abgelöst wurde. Die Klassik adelte das mit ihrem Gräzismus, dessen Körperideale in der Moderne in der olympischen Bewegung (athletisch = gesund = schön = leistungsfähig) aufgehoben und schließlich in der Werbung und in Hollywood tradiert wurden. Aber das wäre schon eine Diskussion, wie sie hier angeregt wird.
Ein Höhepunkt ist sicher das Kapitel „#Schulden“ (128 ff.), in dem auf wenig Raum sehr verständlich, eindringlich und doch nicht unzulässig verkürzend erklärt wird, warum man „sich nicht reich sparen“, sondern „sich nur reich investieren [kann].“ (129) Die Glaubenssätze unserer neoliberalen „Fachleute-Darsteller“ (138) werden hier wortwörtlich auf Glaubens-Sätze zurückgeführt: „Dass der Kapitalismus Ähnlichkeiten mit einer Kultreligion habe, hat schon Walter Benjamin festgestellt, noch die ‚Ornamentik der Banknoten‘ erinnere an Heiligenbilder. Frappierend ist die Verwandtschaft des Vokabulars: Kredit und Credo, Gläubiger und Glaube, Schuld und Schulden, Emission und Mission. Gibt es in der Religion Offenbarung und Erlösung, so in der Wirtschaft Erlös und Offenbarungseid. Dass es heute Usus ist, Warenhäuser als Konsumtempel, Shopping-Malls als Kathedralen der Konsumkultur und Marktwirtschaftsanhänger als Propheten und Prediger zu bezeichnen, ist angesichts dieser semantischen Verwandtschaften fast schon logisch.“ (129/ 130) Das war zu schön, um es hier nicht zu zitieren! Treffend sind daneben kurze Sentenzen wie „Ohne Schuldner kein Sparer“ (131) oder Aussagen zur Generationenproblematik: „Jeder Staatsbürger wird mit Schulden geboren, aber er überlebt die Geburt heute meist, weil es ein staatliches Gesundheitssystem gibt oder funktionstüchtige Spitäler, die der Staat mit Steuergeldern oder über Staatsschulden finanziert hat.“ (134) Das ist so wahr wie simpel; eigentlich sollte sogar Friedrich Merz verstehen, dass hier Schulden nicht auf eine junge Generation abgewälzt werden. Eigentlich…
Natürlich werden die problematischen Seiten der Kreditwirtschaft, die – positiv gesehen – für Wachstum und Reichtum verantwortlich ist, nicht ausgespart. Schulden finanzieren nur dann Wachstum, wenn die Produkte des Wachstums konsumiert werden, was sichtbar zu mehr Wohlstand führt. Stockt dieser Prozess, weil Super-Reiche nicht genug konsumieren und die auf der anderen Seite verarmenden Massen nicht großartig konsumieren können, dann ist die Überproduktionskrise da und Schulden werden unproduktiv. In dieser Situation sind wir heute und da könne sozialdemokratischer Keynesianismus zwar mildernd wirken und den Niedergang des Kapitalismus verlangsamen, bloß abwenden lässt er sich so nicht. Auf Rezepte für ein postkapitalistisches Leben oder für einen gewaltfreien Übergang wohin auch immer, verzichtet Misik. Sein Optimismus gründet auf Gramscis Postulat: „Pessimismus des Verstandes und Optimismus des Willens.“ (172) So mag es sein, jedenfalls würde ich dem Italiener und dem Autor hierin folgen. Die abschließenden Betrachtungen zur „Spiessigkeit“ (176 ff.) sind nur kursorisch, aber witzig. Bemerkenswert zur Frage nach dem Stellenwert der Ironie finde ich die Feststellung, man könne zwar „ironisch über den Krieg sprechen, aber kaum ironisch in den Krieg ziehen“ (186). Wohl wahr. Insofern haben sich Ironie und Toleranz (gegenüber allem und jedem) als intellektuelle Welthaltungen wirklich überlebt. Man muss sich entscheiden wollen und dann auch danach handeln!
Bevor ein paar Bemerkungen zum „Glück“ und zur Glücksforschung den Band abschließen und abrunden, wendet sich Misik noch „#Gegen Identität“ (192). Interessant ist hier der Hinweis darauf, dass man zwar immer kleinere Gruppen finden oder konstruieren könne, die sich in einer bestimmten Identität wiederfinden und sich so nach außen abgrenzen können (was leider zwangsläufig Ressentiments befördert), eine wichtige Gruppe das aber partout nicht könne, obwohl sie auch Opfer der Verhältnisse sind, nämlich „weiße Männer aus der Arbeiterklasse“. (196) Weil diese von allzu vielen anderen gesellschaftlichen Gruppen und Politiker/innen als Täter qualifiziert werden, treibt sie das in die Arme des Populismus. Eben deshalb ist die Identitätsbewegung mitnichten progressiv, sondern mitverantwortlich für das gegenwärtige Elend des Aufstiegs konservativer bis neofaschistischer Männerbewegungen. Darüber sollte man nachdenken.
Und weil es solch Nachdenken nachhaltig anregt, sei das Buch nach wie vor zur Lektüre empfohlen. Auch dem Autor sollte man folgen. Sein neuestes Buch „Erziehung zur Grausamkeit“ ist ebenfalls ungemein lehrreich, dazu noch hochaktuell und wichtig sowieso.
Misik gruppiert seine Einsichten, die in der Art von Kolumnen daherkommen und in der Tat in verschiedenen Zeitungen schon mal einzeln abgedruckt waren, um Begriffe wie „Markt“, „Toleranz“ oder „Glück“ herum, „Signalwörter“ (8), die Aufmerksamkeit anziehen sollen. Warum? Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass es „absolut unsinnig“ (Eagleton) sei, man könne persönliche Erfahrungen oder Erfahrungen als solche außerhalb von Sprache machen bzw. mitteilen. Die Einzeltexte so zu montieren, dass sie über die persönlichen Auffassungen hinaus ein „Panorama der Jetztzeit ergeben“ (8), ist jedenfalls gelungen.
Produktiv sind dabei provozierende, auch linken Mainstream problematisierende Fragen, etwa die danach, warum solch erfolgversprechende linke Aktionen wie „occupy wallstreet“ folgenlos versandet sind. Implizit gegen Graebers These von der Selbstorganisationsfähigkeit von Menschen gerichtet, fragt Misik, ob es nicht auch „in ihrer [der Protestbewegung-F.S.] Abneigung begründet ist, tragfähige Organisationen mit einem Mindestmaß an Repräsentation, Arbeitsteilung und, ja, sagen wir das böse Wort, auch Anführern zu etablieren […], die den langen Atem haben, den man braucht, wenn man dicke Bretter bohren will?“ (23) Die Frage ist gestellt, die Antwort überlässt der Autor dem Leser, was gut ist, weil es den Spielraum für eigenes Nachdenken nicht von vorneherein verengt.
Ansonsten wird wie nebenbei noch manch andere „heilige Kuh“ geschlachtet. So zeigt Misik, dass von Chancengleichheit keine Rede sein kann, aber auch die sozialdemokratische Mär von der „Chancengerechtigkeit“ (28) alles, aber keine Gerechtigkeit nach sich zieht. Auch die Invektiven gegen unkritische Toleranz (188 ff.) und missverstandene Integrationsforderungen haben es in sich: Der Autor sieht positive Seiten „indifferenten Nebeneinanderherlebens“ (39), das ohnehin zwischen deutschem Manager und Reinemachefrau die übliche Verkehrsform sei. Was soll da Integration von Ausländern? Schließlich fordere auch niemand, dass sich der jugendliche Hippie oder die minimalistischen Snobs der Oberschicht an Omas Plüsch-Sofa-Stil anpassen oder sich in die Ikea-Lebensweise von Alt-68ern [Beispiele F.S.] „integrieren“ müssten. Kulturelle und religiöse Eigenheiten sollten wie Piercings auch dann Privatsache sein und bleiben, wenn sie öffentlich sichtbar werden. Dabei werden Probleme nicht klein geredet. Die tauchten aber erst da auf, wo aus dem Nebeneinander ein Gegeneinander wird. Es gelte also, „dass nicht bloß eine oder mehrere Gruppen in einen schon bestehenden Zusammenhang integriert werden, sondern dass dieser Zusammenhang im Prozess der Integration erst hergestellt wird.“ (52) Gesellschaft im Wandel also, ein Wandel, der Zeit braucht.
Der titelgebende Aufreißer wird im Abschnitt „#Liebe #Kapitalismus #Tinderisierung“ (93 ff.) abgehandelt, ohne dass hier Aufregendes nachzulesen wäre. Zu bezweifeln ist allerdings, dass „Liebe und Romantik […] eng mit einer Ästhetik verbunden [sind], die aus der Konsumkultur stammt.“ (95) Das ist so richtig wie einseitig: Ich denke vielmehr, die Ästhetik der Konsumkultur folgt in dieser Hinsicht eher den spätestens seit dem 12. Jahrhundert von dem Bedürfnis nach Distinktion geprägten und überlieferten Bildern, die definierten, wie ein ritterlicher Mann oder eine adlige (meist junge) Dame auszusehen und sich zu geben hätten. Jedenfalls nicht wie jemand, der oder die hart arbeitet und sich daher keinen schlanken Körper leisten konnte. Nachdem im 30-jährigen Krieg die verhungernden Klappergestalten der Dörfler endemisch geworden waren, setzte sich beim Adel kurzzeitig das fleischliche Barock durch, das aber mit der Besserung der Verhältnisse sofort wieder von der Gegenbewegung des androgynen und pädophilen Rokokos abgelöst wurde. Die Klassik adelte das mit ihrem Gräzismus, dessen Körperideale in der Moderne in der olympischen Bewegung (athletisch = gesund = schön = leistungsfähig) aufgehoben und schließlich in der Werbung und in Hollywood tradiert wurden. Aber das wäre schon eine Diskussion, wie sie hier angeregt wird.
Ein Höhepunkt ist sicher das Kapitel „#Schulden“ (128 ff.), in dem auf wenig Raum sehr verständlich, eindringlich und doch nicht unzulässig verkürzend erklärt wird, warum man „sich nicht reich sparen“, sondern „sich nur reich investieren [kann].“ (129) Die Glaubenssätze unserer neoliberalen „Fachleute-Darsteller“ (138) werden hier wortwörtlich auf Glaubens-Sätze zurückgeführt: „Dass der Kapitalismus Ähnlichkeiten mit einer Kultreligion habe, hat schon Walter Benjamin festgestellt, noch die ‚Ornamentik der Banknoten‘ erinnere an Heiligenbilder. Frappierend ist die Verwandtschaft des Vokabulars: Kredit und Credo, Gläubiger und Glaube, Schuld und Schulden, Emission und Mission. Gibt es in der Religion Offenbarung und Erlösung, so in der Wirtschaft Erlös und Offenbarungseid. Dass es heute Usus ist, Warenhäuser als Konsumtempel, Shopping-Malls als Kathedralen der Konsumkultur und Marktwirtschaftsanhänger als Propheten und Prediger zu bezeichnen, ist angesichts dieser semantischen Verwandtschaften fast schon logisch.“ (129/ 130) Das war zu schön, um es hier nicht zu zitieren! Treffend sind daneben kurze Sentenzen wie „Ohne Schuldner kein Sparer“ (131) oder Aussagen zur Generationenproblematik: „Jeder Staatsbürger wird mit Schulden geboren, aber er überlebt die Geburt heute meist, weil es ein staatliches Gesundheitssystem gibt oder funktionstüchtige Spitäler, die der Staat mit Steuergeldern oder über Staatsschulden finanziert hat.“ (134) Das ist so wahr wie simpel; eigentlich sollte sogar Friedrich Merz verstehen, dass hier Schulden nicht auf eine junge Generation abgewälzt werden. Eigentlich…
Natürlich werden die problematischen Seiten der Kreditwirtschaft, die – positiv gesehen – für Wachstum und Reichtum verantwortlich ist, nicht ausgespart. Schulden finanzieren nur dann Wachstum, wenn die Produkte des Wachstums konsumiert werden, was sichtbar zu mehr Wohlstand führt. Stockt dieser Prozess, weil Super-Reiche nicht genug konsumieren und die auf der anderen Seite verarmenden Massen nicht großartig konsumieren können, dann ist die Überproduktionskrise da und Schulden werden unproduktiv. In dieser Situation sind wir heute und da könne sozialdemokratischer Keynesianismus zwar mildernd wirken und den Niedergang des Kapitalismus verlangsamen, bloß abwenden lässt er sich so nicht. Auf Rezepte für ein postkapitalistisches Leben oder für einen gewaltfreien Übergang wohin auch immer, verzichtet Misik. Sein Optimismus gründet auf Gramscis Postulat: „Pessimismus des Verstandes und Optimismus des Willens.“ (172) So mag es sein, jedenfalls würde ich dem Italiener und dem Autor hierin folgen. Die abschließenden Betrachtungen zur „Spiessigkeit“ (176 ff.) sind nur kursorisch, aber witzig. Bemerkenswert zur Frage nach dem Stellenwert der Ironie finde ich die Feststellung, man könne zwar „ironisch über den Krieg sprechen, aber kaum ironisch in den Krieg ziehen“ (186). Wohl wahr. Insofern haben sich Ironie und Toleranz (gegenüber allem und jedem) als intellektuelle Welthaltungen wirklich überlebt. Man muss sich entscheiden wollen und dann auch danach handeln!
Bevor ein paar Bemerkungen zum „Glück“ und zur Glücksforschung den Band abschließen und abrunden, wendet sich Misik noch „#Gegen Identität“ (192). Interessant ist hier der Hinweis darauf, dass man zwar immer kleinere Gruppen finden oder konstruieren könne, die sich in einer bestimmten Identität wiederfinden und sich so nach außen abgrenzen können (was leider zwangsläufig Ressentiments befördert), eine wichtige Gruppe das aber partout nicht könne, obwohl sie auch Opfer der Verhältnisse sind, nämlich „weiße Männer aus der Arbeiterklasse“. (196) Weil diese von allzu vielen anderen gesellschaftlichen Gruppen und Politiker/innen als Täter qualifiziert werden, treibt sie das in die Arme des Populismus. Eben deshalb ist die Identitätsbewegung mitnichten progressiv, sondern mitverantwortlich für das gegenwärtige Elend des Aufstiegs konservativer bis neofaschistischer Männerbewegungen. Darüber sollte man nachdenken.
Und weil es solch Nachdenken nachhaltig anregt, sei das Buch nach wie vor zur Lektüre empfohlen. Auch dem Autor sollte man folgen. Sein neuestes Buch „Erziehung zur Grausamkeit“ ist ebenfalls ungemein lehrreich, dazu noch hochaktuell und wichtig sowieso.
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