Die Anleitung zur Führung in digitalen ZeitenKunde – Kooperation – Kreativität. In Zeiten der Digitalisierung sind dies für den renommierten Managementberater Reinhard K. Sprenger die drei Kernaufgaben für Führungskräfte. Diese drei Dimensionen wurden im Prozess des modernen Organisierens über Jahrzehnte vernachlässigt und finden jetzt ihren Weg zurück in die Unternehmen. Denn Digitalisierung bedeutet nicht die Macht der Maschinen oder die Herrschaft der Algorithmen – sondern die Konzentration auf das Wesentliche. Auf das, was nur Menschen leisten. Menschen machen den Unterschied. Mit 111 konkreten Rezepten weist uns Reinhard K. Sprenger den Weg des digitalen Wandels.
„Tag 2 ist Stillstand, gefolgt von Irrelevanz, gefolgt vom entsetzlichen, qualvollen Niedergang, gefolgt von Tod. Und deswegen ist immer Tag 1.“ – schrieb Jeff Bezos 2017 in seinem Aktionärsbrief. Das Headquarter von Amazon in Seattle heißt folgerichtig „Day 1“.
Mit genau dieser Dringlichkeit liest sich auch Radikal digital von Reinhard K. Sprenger.
Wir leben in einer VUKA-Welt – Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität. Oder, wie Sprenger es pointiert zusammenfasst: Heute ist der langsamste Tag Ihres Lebens. Dieser Satz trifft wie ein Schlag. Denn wer glaubt, Digitalisierung sei ein Projekt mit Anfang und Ende, hat sie nicht verstanden.
Worum es wirklich geht
Sprenger schreibt kein IT-Buch. Er schreibt ein Haltungsbuch. Digitalisierung ist für ihn keine Tool- oder Prozessfrage, sondern eine Frage von Führung, Verantwortung und Mut zum Weglassen.
Sein Kernmotiv: Alles, was keinen Wert hat, kann weg. Erfolg ist steigerbar durch Verzicht. Entrümpeln ist kein Aufräumen, sondern eine strategische Entscheidung.
Er attackiert liebgewonnene Management-Dogmen:
– „Rage against Management by Objectives“ – Führen mit Zielen sei oft kundenfeindlich.
– Individuen und Aktionen sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge.
– Machtverhältnisse sind langfristig chancenlos gegenüber Marktverhältnissen.
– Zentral ist nur gut, wenn die Zentrale gut ist. Sonst gilt: einfach, dezentral, kundenzentriert.
Besonders stark finde ich seinen Gedanken zur Kooperation: Wer in einer Kooperationsarena andere zum Verlierer macht, schwächt das Gesamtsystem – und damit sich selbst. Digitalisierung braucht Kooperation, nicht interne Gewinner-Verlierer-Spiele.
Was besonders hängen bleibt
Sprenger legt den Finger in typisch deutsche Wunden: „Das deutsche Schicksal: vor einem Schalter zu stehen. Das deutsche Ideal: hinter einem Schalter zu sitzen.“ Bürokratie als kulturelle Komfortzone.
Er warnt vor dem „Unternehmen als Familie“ – Wechselwilligkeit gilt als Verrat, Fehlbesetzungen lösen sich biologisch. Eine bitterböse, aber oft zutreffende Diagnose.
Auch stark: Alles Gute kommt von anderen – wer „Benchmarks“ sät, wird "Best Practices" ernten. Doch diese Ernte versorgt Unternehmen nur mit der defensiven Energie des Imitierens. In digitalen Zeiten reicht das nicht. Imitation ist Verwaltung, nicht Aufbruch.
Und dann dieser unbequeme, aber wahre Satz: Eine nicht präsentierte Idee existiert nicht. Präsentationsleistung schlägt oft Inhalt. Das ist schmerzhaft, aber realistisch.
Konflikte gehören nicht ins Digitale
Ein Gedanke, der provoziert: Alles Konflikthafte gehört nicht ins Digitale. Sprenger plädiert für direkte, analoge Klärung. Digitale Kommunikation verstärkt Missverständnisse – sie löst sie nicht.
Überhaupt fordert er mehr Fragen statt Ansagen. In der Praxis überwiegt die Haltung des Sagens, nicht des Fragens. Sprenger empfiehlt die „positive Kraft des negativen Denkens“: Fragen stellen, die wehtun. Tun, was wirkt – auch wenn es unbequem ist.
Am Ende bekommt man genau das, was man von einem typischen Werk von Reinhard K. Sprenger erwartet: ein intellektuell scharfes, sprachlich zugespitztes, stellenweise bewusst überzeichnetes Plädoyer für Eigenverantwortung und gedankliche Klarheit. Das Buch ist durchzogen von sprengertypischen Bonmots – pointiert, merkfähig, zitierfähig. Wer seine bisherigen Arbeiten kennt, wird sich nicht wundern: keine operativen Checklisten, keine digitalen Toolkästen, sondern Haltung, Zumutung und Klartext. Und genau deshalb schließt man Radikal digital mit dem Gefühl: Man hat bekommen, was man erwartet hat – und vielleicht genau das, was man gebraucht hat.
Für mich ist das Buch eine Erinnerung daran, dass Transformation weniger mit Tools als mit Mut zu tun hat. Mut zum Verzicht. Mut zur Dezentralisierung. Mut zur Kooperation. Mut zum Tag 1.
Konsequent im Denken. Der Kunde als Maß aller Dinge. Mut zur Zerstörung des Vorhandenen. Keine Angst vor Fehlern und eine Menge Rezepte wie man die eigene Organisation auf diesen radikalen Wandel der Digitalisierung mitnimmt. Sprenger ist immer Inspiration für die eigene Arbeit und eigenes Denken.