Jede dieser Geschichten dreht sich um den unwägbaren Augenblick der Erkenntnis im Leben eines Menschen, diesen rätselhaften Wendepunkt, der den weiteren Weg radikal verändert. HansLeberts nüchterner und doch mitfühlender Blick gilt jenen, die am Rande eines Abgrunds stehen. Die Macht des Eros oder der Habgier lauert überall und schicksalhaft - ein kleiner Schritt, und die Katastrophe ist da. Wer aber abstürzt, verdient aus Hans Leberts Sicht nicht Verachtung, sondern Erbarmen.
Die sieben Erzählungen verbinden sich zu einem drastischen Bild vom Menschen, wie er ist, egozentrisch, archaisch, mörderisch, vom Menschen, wie er im Netz seiner Begierden zappelt, aus demihn nur der Tod befreien kann.
Das schmale Buch ist eine Sammlung von Kurzgeschichten und ist 1995, zwei Jahre nach dem Tod des Autors erschienen. Die sieben Erzählungen sind, wie man es von Hans Lebert gewohnt ist, von mythischer und archaischer Kraft. Sie sind an den Rändern des menschlichen Daseins angesiedelt, die Schauplätze liegen im Abseits, in der Provinz. Die Bewohner eines heruntergekommenen Hafenviertels, eines Kuhdorfs oder einer elenden Fischerhütte sind wie willkürlich in ihr Leben geworfen und ihren Urbegierden schutzlos ausgeliefert, getrieben von den alten animalischen Kräften, die sich unter den Errungenschaften der Kultur nur verstecken. Die Geschichten sind düster und hoffnungslos und führen notgedrungen zu einem tragischen Ende, das aber zugleich auch die Erlösung bedeutet. Niemals kommt auch nur der Anschein von Sozialromantik oder Voyeurismus auf. Auch Spott und Verachtung, wie in Thomas Bernhards Provinzromanen wird man vergeblich suchen. Konvention und Kleingeist werden auf viel subtilere Art untergraben. Lebert beschreibt klar und schonungslos, aber ohne zu urteilen und häufig spürt man Wertschätzung und Mitgefühl für die Menschen und ihre Obsessionen..
Das Einzigartige an allen Werken Hans Leberts ist aber seine Sprache. Ich kenne kaum einen anderen deutschsprachigen Autor, dessen Texte so ausdrucksstark und dabei unprätentiös und gerade sind. Es ist eine expressionistische Sprache, radikal in ihrer Metaphorik, aber schlicht und klar in ihren Sätzen, die einen tiefen, nachhaltigen Eindruck hinterlässt.
«Es war ein Augusttag. Reglos und lähmend hockte die Glut in den Gassen. Oben kochte der Himmel, finster vor Licht.»
Die Sprache beschreibt die Inhalte treffsicher und eindringlich und läßt die vorwiegend klammen, geheimnisvollen Bilder in dichter, lebendiger Atmosphäre vor dem Auge entstehen. Aber nicht nur das Auge wird bedient, es klingt auch im Ohr, es heult, tönt und vor allem riecht es, nach Verwesung, nach Stallmist oder nach Schweiß.
«Der Nebel schmeckte heute nach häßlichen Dingen, nach Metall und Rost, nach verbranntem Öl und Benzin, nach Zigarettenstummeln und schmutziger Wäsche, vielleicht auch ein wenig nach jenem Schweiß, den die Todesangst dem gehetzten Wild, dem Menschen in seiner letzten Einsamkeit wie einen übelriechenden Schlamm aus der Haut treibt.»
Hans Lebert wurde zu Lebzeiten mehr oder weniger ignoriert. Erst nach seinem Tod kam er zu Ehren, seine Werke wurden neu verlegt und man erkannte in ihm einen der bedeutendsten österreichischen Autoren der Nachkriegszeit. Sein Einfluß auf die gesamte Literaturszene ist richtungsweisend und unbestreitbar, nur beim Publikum ist sein Ruf nie wirklich angekommen, obwohl sein Stil alles andere als abgehoben oder elitär ist. Es ist auch völlig unverständlich, dass seine, alle schon lange vergriffenen Werke bis heute nicht mehr verlegt wurden. Man muss sie, oft schon zu Apothekerpreisen, im Antiquariat aufstöbern.