Unsere Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft. Aber was meinen wir, wenn wir von "Leistung" sprechen? Wie wurde Leistung zu einer vermeintlich objektiven, individuellen Größe und wie haben sich soziale Beziehungen und Gefühle dadurch verändert? Warum definieren sich Menschen über ihre Leistung – oder über das, was sie und andere dafür halten? Anschaulich und erhellend beschreibt Nina Verheyen, wie sich das Verständnis von Leistung gewandelt hat und erzählt die Geschichte einer Idee, die unser aller Leben prägt. Sie plädiert für eine historisch informierte und zugleich neue, sozialere Definition von Leistung, mit der sich überzeugend gegen Optimierungszwänge, Marktmechanismen und soziale Ungleichheit streiten lässt.
Das Buch geht vor allem auf die Entstehung des heutigen Leistungsbegriffs und -stellenwerts ein. Ich verstand es aber auch als Plädoyer für ein Überdenken der heutigen Definition von «Leistung» und der eigentlich nicht existenten Messbarkeit. Die Schreibe allerdings eher trocken bis zäh.
Dieses Buch ist lehrreich und unterhaltsam zugleich. Verheyen zeigt vor allem, wie Vieldeutig das Phänomen Leistung ist: Im Bürgertum um 1800 hatte Leistung noch wenig mit dem heute vielbeschworenen Hamsterrad zu tun. Statt als der beste vor anderen Hervorzutreten ging es darum, etwas für die Gesellschaft zu leisten und sich dabei eben nicht zu überanspruchen. Die Vorstellung einer nach oben offenen Leistungssteigerung entstand erst um 1900 in ganz unterschiedlichen Felder, in denen Leistung vermeintlich objektiv messbar und einer einzelnen Person individuell zugeschrieben werden konnte. Verheyen leistet mehr als nur eine Historisierung des Leistungsprinzips. Das Buch möchte eine historisch informierten Denkanstoß für aktuelle Debatten liefern: Der Leistungskritik hält Verheyen entgegen, dass Leistung eine Kategorie sein kann, die sozial abgeschlossene Felder für Diskriminierte öffnet, weil dann eben nur deren individuelle Leistung zähle. Gleichzeitig macht Verheyen auf die Absurdität aufmerksam, Leistung einer Person zuzuschreiben und plädiert stattdessen für ein soziales Leistungskonzept. Das beide Plädoyers mindestens in Spannung zueinanderstehen (wenn nicht gar sich widersprechen), scheint der Autorin gar nicht bewusst zu sein.