In der Nacht, in der die Mauer fällt, zieht die schüchterne Alexandra eher widerwillig mit ihrer besten Freundin hinaus in den Trubel von Berlin, um den historischen Moment hautnah mitzuerleben, und stolpert prompt im Gedränge Oliver in die Arme, in den sie sich auf den ersten Blick verliebt. So etwas hätte Alexandra nie für möglich gehalten, doch sie genießt dieses verrückte neue Gefühl. Aufgewachsen ist Alexandra in einfachen Verhältnissen bei Momi, ihrer Großmutter, die ihr Mutter und Vater zu ersetzen versucht hat und ansonsten ein stilles, zurückgezogenes Leben führte.
Was Alexandra nicht weiß: Paula, wie Momi eigentlich heißt, hatte ein bewegtes Leben, vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Durch den Freundeskreis ihres Bruders hat Paula, die davon träumt, zu studieren und Journalistin zu werden, die Arbeiterbewegung kennengelernt, deren Ziele sie mit glühendem Eifer verfolgt, und sie hat Clemens kennengelernt, einen attraktiven, gescheiten Industriellensohn, der sich ebenfalls dem Kampf für die Arbeiter verschrieben hat und der spießigen Welt seines Elternhauses den Rücken kehrt. Gemeinsam mit Paulas Bruder Manfred und einigen weiteren Freunden träumen die beiden von einer besseren, gerechteren Welt, und der redegewandte Clemens scheint geradezu prädestiniert für eine glänzende Zukunft in der Politik.
Doch dann bricht der erste Weltkrieg aus, und alles andere tritt in den Hintergrund, bis vier lange Jahre voller Tod und Angst endlich vorbei sind und man wieder vage zu hoffen wagt, es könne doch noch alles gut werden, bis die Wirtschaftskrise erneut alles zunichte macht und rechte Gruppierungen immer stärker werden.
Auch Paula und Clemens bleiben nicht ewig das junge, idealistische Liebespaar, ebensowenig wie die eingeschworene Clique, die sich immer noch im Sommer am Wannsee zum Baden (und zum Kaffeetrinken an einer ganz besonderen Bude) trifft, so ein sorgloses Häuflein Freunde bleibt. Es gibt Konflikte, Verluste, Niederlagen, aber zwischendurch dennoch auch Erfolge und Freuden zu verzeichnen und hier und da einen kleinen Lohn für all die Mühen um das Wohl der Armen und der Arbeiterklasse zu ernten.
Charlotte Roth verbindet hier sehr gelungen die persönlichen Lebenswege einer Handvoll fiktiver Figuren mit dem realen historischen Hintergrund. Während man mit Paula, Clemens und ihren Freunden und Familien mitfiebert, kann man so ganz nebenbei ziemlich viel über die politischen und sozialen Verhältnisse in Deutschland zwischen dem Ende der Kaiserzeit und dem zweiten Weltkrieg lernen. Historische Ereignisse sind nahtlos in die Romanhandlung eingebettet, so dass das Kunststück, gleichzeitig zu unterhalten und Wissen zu vermitteln, tatsächlich gelingt. Anhand eines breiten Spektrums an Figuren, die einem immer mehr ans Herz wachsen, deckt die Autorin eine Fülle an Themen, politischen Gesinnungen und zeittypischen Schicksalen ab, ohne dass es konstruiert wirkt, und erweckt die damalige Zeit mit vielen kleinen, liebevoll ausgearbeiteten Details zum Leben.
Den Handlungsstrang um Alexandra in der Gegenwart habe ich allerdings als eher überflüssig empfunden. Zwar gefiel es mir gut, anfangs in die allgemeine Begeisterung und gleichzeitige Verwirrung angesichts des Mauerfalls eintauchen zu können, doch da Alexandras Part im wesentlichen als erzählerischer Überbau zu Paulas Lebensgeschichte dient, die den Löwenanteil des Buches ausmacht, hätte ich auch gut darauf verzichten können, zumal mir hier ein bisschen zu viele Zufälle und Vorhersehbares im Spiel waren.