Was ist grün und klopft an die Tür? Wer schreit im dunklen Wald von Bananama? Und warum verschließen die Eltern das Haus? Fragen, die sich ein sechsjähriges Mädchen stellt. Sie lebt mit ihren Eltern, selbst ernannten Aussteigern, in einem Haus am Waldrand. Mit Befremden erzählt sie von der Veränderung ihrer Eltern, die jeden Tag merkwürdiger werden. Je wahnhafter sie an ihrer Vision von Bananama festhalten, desto weniger lässt sich die "Welt da draußen" verleugnen. Eines Morgens liegt ein toter Mann im Gemüsebeet. Die diffuse Angst des Kindes bekommt ein Gesicht. Und in Bananama bleibt nichts, wie es war. Auf beklemmende Weise geht Simone Hirth den Widersprüchen und Absurditäten unserer Gesellschaft auf den Grund. Dabei kratzt sie mit herrlich ironischem Blick an der Utopie eines sicheren Lebens, bis diese endgültig zerbricht. "Wenn wir jetzt die Tür immer zusperren müssen, sind wir dann eingesperrt in Bananama, sind wir dann nie wieder frei?"
Dieser Roman ist mir sehr an die Nieren gegangen, denn er vermittelt so intensiv und gleichzeitig subtil eine extrem bedrohliche, angsterfüllte, einsame Grundstimmung, die fast nicht auszuhalten ist.
Sehr authentisch wird die Geschichte aus der Sicht eines kleinen Mädchens erzählt, dessen Eltern als Aussteiger leben. Man ist sich nicht klar, in welche Richtung sie tendieren, aber sie haben etwas sektenhaft eskapistisches, öko-esoterisches, manchmal sogar ein reichsbürgerhaftes Verhalten an sich. Das beginnt mit der eigenen Bushaltestelle und dem Universum von Bananama, geht über die völlige Abschottung der kleinen Familie von der Umwelt, bis auf den Postboten, der die Pakete bringt, über die Selbstversorgung und Selbstkasteiung, bis zur Ablehnung von medizinischer Versorgung und vieler anderer alarmierender gruseliger Einstellungen.
Das Mädchen ist so einsam und isoliert bei ihren Eltern, dass es sich eine Freundin oder eine Schwester wünscht. Bei Anfrage nach einem Schwesterchen, um die Einsamkeit zu überwinden, beißt sie auf Granit, denn die egoistischen Eltern sind schon glücklich. Relativ bald wird sie auch noch im Rahmen einer totalen sozialen Isolation aus der Schule genommen, weil das SYSTEM den Kindern nix beibringt, alle Medien und Bücher werden verwehrt. Die Eltern verhalten sich im Gegenzug sehr ambivalent und leben nicht vor, was sie dem Kind verbieten. Sie surfen im Internet und bestellen wie wild Sachen – selbstverständlich handgearbeitet und total nachhaltig– die sie meist gar nicht benutzen.
Durch die komplette Isolation und das total paranoide Verhalten der Eltern hat das 6-jährige Kind sehr viel Angst – die sich zu einer ausgewachsenen Angststörung ausweitet – es weiß aber nicht mal wovor tatsächlich (normalerweise fürchten sich die Knirpse ja konkret vor etwas wie zum Beispiel vor Monstern oder Einbrechern). Die von der Autorin beschriebenen Überlebensstrategien des Mädchens gegen die Einsamkeit und die Angst sind so herzzerreißend und grandios – beispielsweise werden Wörter, vor denen sie sich fürchtet, im Garten vergraben oder der Spiegel wird eine Weile als Schwesterersatz herangezogen. Das Kind ist in seiner Intelligenz und der isolierten Selbstreflextion zu einem altklugen Erwachsenen in einem Kinderkörper geworden.
Wir wohnen in einem Koffer, auf dem in großen, schiefen Buchstaben Bananama steht. In diesem Koffer steht unser Haus. Der Koffer reicht bis zum Wald, zur Landstraße, zum nächsten Hügel, aber weiter nicht. Dort hört er auf. In diesem Koffer ist es hell. In diesem Koffer scheint immer die Sonne, in diesem Koffer ist alles tot. Der Koffer, in dem wir wohnen, öffnet sich niemals. Wir haben ihn fest verschlossen, weil wir Aussteiger sind.
Sprachlich grandios wird hier aus der Sicht des Mädchens dieses für Menschen wie Du und ich total unwirkliche Szenario gezeichnet – die furchtbare, einsame entbehrungsreiche Welt von Bananama. Mein Lesetempo war sehr langsam, da ich permanent diesen Wahnsinn der Protagonisten immer wieder überdenken, reflektieren, und wieder sacken lassen musste. Zudem kenne ich solche Leute tatsächlich persönlich, die wohnen alle nördlich von mir in der Einsamkeit des Waldviertels. Historisch ist dort schon seit den 80er Jahren das Zentrum der gestörten Eskapisten, die sich von der Gesellschaft abgenabelt haben und die die Einsamkeit der Wälder und leeren Landstriche zu schätzen wissen. Solche Leute und vor allem ihre gnadenlose Missionarstätigkeit machen mich in der Realität immer ur-aggressiv – das musste ich auch ständig beim Lesen verdauen.
Einige Wendungen im Plot werden von der Autorin nicht aufgelöst. Sind die Leichen im Garten echt oder Ausdruck der beginnenden Wahnvorstellungen des Kindes? Wenn sie existieren, warum liegen sie im Beet und wer hat sie umgebracht. Ich muss sagen, solche offenen Handlungsstränge stören mich immer ein bisschen, aber das ist meine ganz persönliche Meinung, die viele nicht teilen werden.
Auch das Ende ist relativ unvollendet und offen. Meine Interpretation versucht aber eine optimistische, großartige Wendung zu konzipieren: Diese wundervolle traurige kleine total reflektierte sechsjährige Person startet einen ganz persönlichen Befreiungsschlag gegen den Wahnsinn der Eltern und versucht, einfach aus Bananama zu emigrieren, was ihr auch gelingt. Wie weit sie damit langfristig Erfolg hat, sei dahingestellt. Aber auch das Verhalten der Eltern lässt viel Interpretationsspielraum und Kritik an der Gesellschaft offen. Ist die propagierte nachhaltige völlig autarke Lebensweise per se schon zum Scheitern verurteilt, weil sie nicht durchführbar ist? Oder scheitern die Eltern nur persönlich auf Grund ihres Charakters, weil sie ihre Ideale einfach selbst nicht konsequent genug verfolgen und alles auf das Kind projizieren? Fragen über Fragen, die noch lange nach der Lektüre wirken.
Fazit: Ich bin immer wieder überrascht, welche relativ neuen gesellschaftsrelevanten Themen von österreichischen Verlagen dem Leser präsentiert werden. Hut ab vor dieser deutschen Autorin, die dieses spannende Werk und brandaktuelle Thema sprachlich grandios und atmosphärisch sehr dicht umgesetzt hat.
Von wem stammen die Schreie aus dem Wald? Wieso liegen tote Menschen im Garten? Und warum verschließen Vater und Mutter das Haus? Diese und weitere Fragen stellt sich ein sechsjähriges Mädchen, das mit seinen Eltern, selbst ernannten Aussteigern, in „Bananama“ lebt. Merkwürdige Dinge gehen in und um das einsam gelegene Haus am Waldrand vor sich. Immer seltsamer verhalten sich die Eltern. Wahnhaft halten sie an ihren Vorstellungen von einem idealen Leben fest, während sich die Ereignisse der Welt draußen nicht länger verleugnen lassen. Von sozialen Kontakten fast völlig isoliert, nimmt das Mädchen alles mit wachsendem Befremden und zunehmender Angst wahr. Und doch spitzt sich die Situation weiter zu…
Der moderne Roman „Bananama“ von Simone Hirth beleuchtet die Widersprüche und Absurditäten der Gesellschaft, wobei er einen ironischen Blick auf die Utopie eines sicheren Lebens wirft.
Meine Meinung: Erzählt wird die Geschichte in sieben Kapiteln in der Ich-Perspektive aus der Sicht des kleinen Mädchens, dessen Namen nicht verraten wird. Der ungewöhnliche, eindrucksvolle Schreibstil sticht hervor und macht den Roman besonders. Tolle Sprachbilder und treffende, sich wiederholende Metaphern wie die des Koffers, der mal mit schönen Dingen gefüllt und mal leer ist, ziehen sich durch das gesamte Buch.
Der Erzählstil, der das kindliche Denken widerspiegelt, ist sehr eindrücklich und dicht. Es herrscht eine unheimliche Stimmung, die anfangs kaum greifbar ist, sich dann aber immer weiter manifestiert. Transportiert wird mehr als das, was tatsächlich erzählt wird. Der Roman spielt mit der Fantasie und der Wahrnehmung der Leser. Was ist real? Was ist surreal? Dadurch wird die Lektüre teilweise etwas verwirrend und verstörend, aber auch fesselnd und spannend.
Die Entscheidung, eine Sechsjährige die Ereignisse schildern zu lassen, gefällt mir sehr gut. Sie reflektiert viel und wirkt sehr reif für ihr Alter, teilweise vielleicht schon etwas zu reif. Ihre Gefühls- und Gedankenwelt werden detailliert dargestellt. Auch die beiden Eltern sind als Charaktere reizvoll. Ihr Denken und Handeln ist widersprüchlich, abstrus und für Außenstehende größtenteils kaum nachvollziehbar. So werden sie zu Prototypen von idealistisch verblendeten Individuen, die bei allem guten Willen genau das Falsche tun und einem unrealistischen Idyll hinterherhechten.
Thematisch deckt der Roman ein breites Spektrum ab. Der stark ideologisch motivierte Vater bringt dem Kind abstrakte Begriffe wie „Ökologischer Fußabdruck“, „Nachhaltigkeit“ und „Permakultur“ näher. Doch die Utopie einer perfekten Welt wird durch das seltsame, widersprüchliche Verhalten der Eltern ad absurdum geführt und der Lächerlichkeit preisgeben, was mich an einigen Stellen schmunzeln ließ. Diese gesellschaftskritische Komponente hat mir ebenso zugesagt wie die philosophischen Fragen, die aufgeworfen wurden. Gleichzeitig konnte mich der Roman durch die Angst und Verunsicherung des Mädchens sehr berühren.
Durch den Umstand, dass viele Fragen offen bleiben, bietet der Roman viel Interpretationsspielraum und regt zum intensiven Nachdenken an. Dadurch wird er sicherlich aber auch polarisieren.
Das Cover des Buches ist sowohl optisch als auch inhaltlich sehr gelungen. Der simple Titel ist ebenfalls passend gewählt.
Mein Fazit: Der Roman „Bananama“ von Simone Hirth ist keine leichte Kost. Es ist eine außergewöhnliche Lektüre, die bei mir mit Sicherheit noch eine Weile nachwirken wird.
Als ich das Buch fertig gelesen hatte ( vielen Dank an die Autorin für die Kürze dieses Werks), las ich verschiedenste Rezensionen und war sprachlos ob der vielen positiven Meinungen. Ich komme mir vor, wie das Kind im Märchen "Des Kaisers neue Kleider", kann nur ich sehen das da nichts ist? Zuerst einmal was mich ganz offensichtlich stört: Es wird von einer 6-jährigen gesprochen, wobei das Alter meiner Meinung nach im Text gar nicht vorkommt(will nicht noch mal reinlesen). Das Mädchen muss bei der Einschulung mindestens 6 gewesen sein, es wird nicht gesagt, in welcher Klasse sie aus der Schule genommen wird, aber da sie schon inhaltlich lesen kann, wird sie schon eine zeitlang die Schule besucht haben. Im Geschichtsverlauf werden auch die Jahreszeiten beschrieben, also ist die Erzählerin eher 8 oder 9. Wieso werden Menschen welche ein Fertighaus bauen und im Internet bestellen als Aussteiger bezeichnet? Weil sie nicht arbeiten? Sind dann alle Rentner und Sozialhilfeempfänger Aussteiger? Ist man ein Austeiger, wenn man sich über Umwelt- und Arbeitsbedingungen, Müllvermeidung und die Herkunft seiner Produkte Gedanken macht? Kann sich keiner der Leser mehr an seine Kindheit erinnern? Ich bin schon 48 Jahre alt, kann mich aber noch an vieles erinnern, was ich als Kind gedacht und gefühlt habe, vieles war schon eigenartig und ich ein sehr ängstliches Kind, aber das was ich hier lese, passt überhaupt nicht zur Gedankenwelt eines Kindes für mich, vielleicht bin ich aber nur einfacher "gestrickt". Sehr abgelegen kann die Familie auch nicht wohnen, denn der Postbote kommt bis zur Tür (ist zumindest in Östereich für sehr abgelegen Gegenden nicht üblich) und der Vater kann auch vor der Anschaffung des Autos immer zum Tauschring gehen. Das dann auch noch Tote in den Gartebeeten liegen, hat mich gar nicht mehr aufgeregt. Aber alle diese Punkte könnte ich übersehen, wenn da dann irgendwie etwas wäre was packt, mich fesselt, aber leider ist da nichts - keine Sprache, die einen berührt, kein Charakter, mit dem man mitfühlt, nicht einmal eine "Lehre" die man daraus mitnimmt. Am Ende bleibt für mich Sprachlosigkeit ob sovieler sinnloser Worte. Einen Stern habe ich dem Buch trotzdem gegeben, da ja kein Stern einfach heißt, ich hätte das Buch nicht bewertet und ich die Autorin bewundere, dieses Werk veröffentlicht zu haben.
Was ist grün und klopft an die Tür? Wer schreit im dunklen Wald von Bananama? Und warum verschließen die Eltern das Haus? Fragen, die sich ein sechsjähriges Mädchen stellt. Sie lebt mit ihren Eltern, selbst ernannten Aussteigern, in einem Haus am Waldrand. Mit Befremden erzählt sie von der Veränderung ihrer Eltern, die jeden Tag merkwürdiger werden. Je wahnhafter sie an ihrer Vision von Bananama festhalten, desto weniger lässt sich die „Welt da draußen“ verleugnen. Eines Morgens liegt ein toter Mann im Gemüsebeet. Die diffuse Angst des Kindes bekommt ein Gesicht. Und in Bananama bleibt nichts, wie es war.
Auf beklemmende Weise geht Simone Hirth den Widersprüchen und Absurditäten unserer Gesellschaft auf den Grund. Dabei kratzt sie mit herrlich ironischem Blick an der Utopie eines sicheren Lebens, bis diese endgültig zerbricht.
„Wenn wir jetzt die Tür immer zusperren müssen, sind wir dann eingesperrt in Bananama, sind wir dann nie wieder frei?“
Die Figur des „aus der Gesellschaft und ihren Konventionen Aussteigenden“ ist äußerst beliebt in der europäischen Literaturgeschichte. Das Streben nach individueller Freiheit, das Gefühl der Entfremdung, das Bedürfnis nach größtmöglichen Entfaltung der Persönlichkeit sind sehr dankbare Topoi, sind sie doch stets auf neue aktuell. Ob nun ein Querulant aus dem 18. Jahrhundert wie Michael Kohlhaas, der verbissen für sein Recht streitet, ein sich dem geschäftigen Treiben verweigernder Oblomov im zaristischen Sankt Petersburg oder gar der nackte Anführer des fernen Kokosnussordens Engelhardt in Krachts „Imperium“ wie auch die junge Ich-Erzählerin in Hirths „Bananama“, im deutschen Irgendwo, sie alle dienen dem Leser als Projektionsfläche für die Darstellung des Spannungsverhältnisses zwischen den Ansprüchen der Gesellschaft und des Individuums.
Das kleine Mädchen beschreibt sehr eindrucksvoll, mit dem kindlichen Blick für die Wahrheit hinter den Dingen, ihr Leben in der Unfreiheit, die der Preis für das Freiheitsstreben ihrer Eltern ist. Rapunzel gleich wird sie weggesperrt, fern gehalten von der Schule & gleichaltrigen Freunden & Verwandten. Ihr Turm ist ein verwunschenes Paradies ohne Bananen & bösem Zucker, dafür mit eigener DIY Busshaltestelle, der einzige menschliche Außenkontakt ist der Mann, der die fast täglich eintreffenden Internetshoppinggüter anliefert, beschult vom Vater, um die gelebte Systemkritik in die nächste Generation zu implementieren, und natürlich selbstversorgt vom heimischen permakulturellen Garten, in dem mehr Tod als Leben herrscht.
Deren „Permakulturerfinder“ Bill Mollison sagt: „Die wichtigste ethische Entscheidung ist, Verantwortung für unser eigenes Leben und das unserer Nachkommen zu übernehmen. Und zwar JETZT.“
Diese Verantwortung nimmt Hirths Rapunzel eines Tages ihren Eltern aus der Hand, sehr emanzipiert, ganz ohne Prinz & macht sie sich auf dem Weg und steigt aus, aus diesem Anti-Leben, das ihr mehr ungeliebtes Gefängnis ist, als die gelebte Utopie eines besseren Seins.
Ein ganz wunderbarer zweiter Roman von Simone Hirth ist das, Absolventin des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig, weniger Sprachmontage als in ihrem Debut, was mir Stilistikspießerin entgegen kommt, aber trotzdem sprachlich eindrucksvoll. Und inhaltlich? Ich muss geschehen, ich hatte manches Mal die schreckliche Vermutung Frau Hirth hätte mich und mein Lebensumfeld gestalkt, so bekannt kamen mir, wenn auch überzeichnet und auf zwei Charaktere zugespitzt, Verhalten und Argumente ihrer Figuren vor. Meine unbedingte Leseempfehlung, ob für die schwafelnden Theoretiker in Kreuzberg und der Schanze oder die Fundamentalisten im pommerschen Niemandsland.
Ein Koffer voller Träume, mit der ganzen Welt darin – oder mit Nichts
„Vater sagt, wir sind Aussteiger. …. Vater sagt: Die Leute verstehen keinen Humor. … Vater sagt: Du kannst jederzeit Bananen haben, wenn du Bananen willst, mein Kind. Aber du solltest wissen, woher diese Bananen kommen, unter welchen Bedingungen die Leute, die sie anbauen und ernten, leben müssen,… .“ S. 10 Vater sagt. Und er erklärt seiner Tochter, der noch nicht zehn Jahre alten Ich-Erzählerin dieser kurzen Geschichte, die Welt, seine Welt, seine Weltanschauung.
Das Kind sagt: „Das Wort Banane habe ich schon längst beerdigt.“ S. 11Sie beerdigt vieles, im Garten, Wörter, die ihr der Vater vermittelt, der sie bald daheim beschult (in Österreich ist das möglich, für alle deutschen Leser dieser österreichischen Autorin https://de.wikipedia.org/wiki/Hausunt..., in Deutschland ist das geradezu ein Sakrileg). Auch Tiere werden von ihr beerdigt und vielleicht einige Träume. Währenddessen ordern die Eltern im Internet, einiges davon werden sie nie verwenden.
Vom Verlag Kremar & Scheriau erwarte ich das ja: besondere Bücher. Gewiss kein Mainstraim, nicht das gefällige Buch für nebenbei. Besondere Themen, ein besonderer Stil. Atmosphärisch schreibt Simone Hirth, meist düster. Ich mag mir das Alter der Protagonistin kaum vorstellen, der Klappentext behauptet sechs Jahre – ohne von mir gefundenen Beleg dazu im Text. Es wird nur auf S. 92 darauf verwiesen, die Tochter werde das Internet frühestens mit zehn Jahren benutzen dürfen, sie könnte also vielleicht (hoffentlich?) neun sein. Warum das wichtig ist? Das Buch verstört. Apokalypse oder psychische Krankheit (der Eltern? des Kindes?), Wahnvorstellung oder überbordende Phantasie, und wer, bitte schön, ist eigentlich tot? Vater sagt. „Der Bettler aber stand auf, ging zum Sozialamt und beantragte Mindestsicherung, die er dann auch bekam und von der er sich als Erstes atmungsaktive Turnschuhe, ein Smartphone und eine Espressomaschine im Retrodesign kaufte.“ S. 116
Aussteiger sind sie, aber mit einem goldenen Sicherheitsnetz. Dazu ein goldener Käfig für die Tochter, wenn auch nur mit ziemlich vielen Broten. Und die Mutter verändert sich. Und Vater sagt munter weiter, wie er die Welt sieht. Und die Tochter steht da und soll das verstehen und die Autorin schreibt darüber mit bildgewaltigen Bildern. „Jetzt gerade ist mir das Schweigen lieb. Es hat mehr Ende in sich.“ S. 133 Und überhaupt, der Koffer.
Kein Buch für Leser mit festen Erwartungen. Ich dachte bei dem Koffer permanent an dieses Ende von „Man in Black“, als der Blick von der Erde zurückgeht und die Erde in einer Murmel ist. So in etwa sollte man denken können. Das Buch wird Leserschaften spalten. Die Gestaltung ist wie immer phänomenal – von Lesebändchen über Vorsatzblätter passend zum Titel, Umschlaggestaltung von Cover und darunter.
Bewertung? Uff. Ich konnte es nicht aus der Hand legen, die Sprache ist genial, atmosphärisch, bildgewaltig, oft düster, und ich fühle mich jetzt…vermutlich genauso, wie sich das Mädchen dauernd fühlt. Fragen, Ängste, Befürchtungen. 4 Sterne (es könnten alles zwischen 3 und 5 sein, fragt mich morgen, übermorgen – im Moment ist es mir gerade „zu viel“). Ein Buch für eine Leserunde.
Ich war von Anfang an fasziniert von der Geschichte von Bananama. Das Buch taucht in die Welt einer scheinbar idealistischen Aussteigerfamilie ein, die jedoch paradoxerweise in ihrer Suche nach einem einfachen Leben von der modernen Welt gefangen ist. Die Sichtweise des sechsjährigen Mädchens, das die Geschichte erzählt, verleiht dem Roman eine einzigartige Unschuld und Naivität, die die Widersprüche und Absurditäten unserer Gesellschaft aufdeckt.
Simone Hirths Sprache und Stil sind wie immer bemerkenswert. Sie versteht es, mit einem herrlich ironischen Blick auf das Thema Ausstieg und Utopie eines sicheren Lebens zu schauen. Das Buch hat meinen Horizont erweitert und mich zum Nachdenken über die Entscheidungen und Widersprüche in unserem eigenen Leben angeregt.
„Bananama„ ist eine literarische Perle, die die Leser dazu bringt, die Fragen zu stellen: Was bedeutet es wirklich, auszusteigen? Und sind wir jemals wirklich frei? Dieses Buch hat mich tief berührt und hat meinen Horizont erweitert
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Sehr belanglos, ironisch, grotesk und irgendwie düster. Aus den Augen eines Kindes , dessen Eltern Aussteiger der Gesellschaft sind und vermeintliche 'Seibstversorger'sind, lernen wir ihre Welt kennen. Metaphorisch geschrieben ( das mit dem Koffer fand ich genial) aber ansonsten irgendwie leider komplett ohne Handlungsstrang.
Eine eigensinnig erzählte Geschichte, die einen ironischen Blick auf Selbstversorger und Weltverbesserer riskiert.
"Bananama“ von Simone Hirth hat mich aufgrund des Titels und auch wegen dem schönen Cover angesprochen. Als dann noch der Klappentext so interessant klang, war klar, dass ich dieses Buch lesen muss. „Bananama“ erzählt von einer Aussteigerfamilie und deren namenlose Tochter, die Ich-Erzählerin, der ihre Eltern immer seltsamer erscheinen. Schreie im Wald, zwei Leichen vorm Haus und tonnenweise im Internet bestelltes Zeug, das nie benutzt wird, aber hauptsache, es ist bio und öko und regional. Zunächst geht unsere Protagonistin noch zur Schule, aber später unterrichtet ihr Vater sie dann daheim. Ob er wirklich geeignet dazu ist, ist fraglich, denn er unterrichtet seine Tochter nicht objektiv, sondern tief subjektiv gefärbt, und so lernt sie über Kapitalismus, Ressourcenknappheit und Biosphärenparks anstatt Mathematik, Geschichte oder Grammatik. Die Kleine wird im Wissen aufgezogen, dass die Eltern ihren ökologischen Fußabdruck möglichst klein halten möchten, sie gehen zu Tauschmärkten und ziehen ihr eigenes Obst und Gemüse im Garten — allerdings ohne dieses jemals zu ernten oder gar das Fallobst zu essen. Das Obst wird gesammelt, bis es schwarz ist und somit „perfekten Kompost“ abgibt, ein Vorgang, den weder die Protagonistin noch ich verstehen. Die Mutter bestellt asiatische Gewürze, Pasten und Nudeln und kocht asiatisch, anstatt das überreife vorhandene Gemüse zu verarbeiten. Nach und nach rücken mehr Fragen in das Bewusstsein der Protagonistin, das Fertighaus, in dem die Familie wohnt, erscheint ihr zu steril, sie versteht ihre komplette Situation nicht mehr. Und so wird Bananama, wie das Grundstück der Familie genannt wird, ihr immer fremder, die Welt „draußen“ zieht sie immer magischer an und sie sehnt sich nach einfachen „Luxusartikeln“ wie Nutella, Limo oder ein Happy Meal — Dinge, die sie nie gesehen oder gar gekostet hat, die sie aber vom Hörensagen aus der Schule kennt.
"Ich will verstehen, warum ich, wenn ich abends im Bett liege, zittere und gleichzeitig schwitze. Warum es so eng geworden ist in meiner Brust, dass ich nicht mehr richtig einatmen kann. […] Warum ich weinen muss, wenn ich morgens von der Sonne aufwache, die mir ins Gesicht scheint. Und warum Mutter die Tomaten nicht erntet, obwohl sie längst rot sind und süß schmecken."
Simone Hirth wirft hier einen ironischen Blick auf das Leben, das wir heutzutage alle so feiern — bio, öko, plastikfrei und nur regional — und dabei das Wichtigste aus den Augen verlieren. Die Eltern der Protagonistin sind dafür das beste Beispiel: sie bestellen nahezu alles online, sei es eine tonnenschwere Sonnenuhr aus Kupfer, damit man sich die Batterie der Wanduhr spart und auch näher an der Natur ist; das Messerset mit Griffen aus regional gefälltem Holz, das die Mutter nicht einmal benutzt; biologisch voll abbaubares Plastikgeschirr für die nächste Gartenparty, die niemals stattfinden wird; eine große, schwere Decke aus Schurwolle, die die Mutter „nachstricken“ möchte, wenn sie mal „den Kopf dafür frei hat“; etc. pp. Die Protagonistin hat hier schon einen guten Blick auf das, was unnütz ist und was gegen das erklärte Weltbild der Eltern geht; sie zweifelt, sie stellt Fragen — die jedoch alle vermeintlich nicht gehört werden. Unangenehmerweise erscheint der Lebensstil der Eltern für den Leser nun fast schon heuchlerisch und vor allem aber inkonsequent, das Kind leidet währenddessen und kommt nicht in den Genuss von einer angemessenen Bildung. Widerspruch reiht sich an Widerspruch (Ballast ist „schlecht“, trotzdem erfolgen unzählige Internetbestellungen) und das idyllische Bananama bekommt erste, tiefe Risse. Die zwei Leichen im Vorgarten werden von den Eltern weggelächelt, sie erscheinen fast erleichtert, dennoch ist spätestens bei Erscheinen der zweiten Leiche vorauszuahnen, was nun geschehen wird.
In einer eigenen, seltsamen Art und Weise, mal wie ein Lexikon-Artikel, mal fast wie ein Gedicht, erzählt die Autorin aus der Sicht der jungen Tochter von Bananama und den Dingen, die sich im Schatten der Gemüsepflanzen abspielen. Die Sprache ist gewöhnungsbedürftig und viele Phrasen erscheinen für ein unter 10-jähriges Kind doch ein wenig unglaubwürdig, genauso unglaubwürdig wie der „Selbstversorger“-Lebensstil, den die Eltern führen.