„Adolf Hitler - Biographie eines Diktators“ von Hans-Ulrich Thamer
Erstklassige Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstands!
Hans-Ulrich Thamer legt hier eine Biographie vor, die durch einen angenehmen Fluss der Sprache hervorsticht.
Aufgrund des begrenzten Rahmens, der durch ca. 350 Seiten gegeben ist, kann dieses Buch natürlich nicht mit den „großen“ Biographien eines Fest, Kershaw oder Ullrich, hinsichtlich der Tiefe an Details, mithalten, den Anspruch erhebt es auch gar nicht, so fasst es doch in eloquenter Weise den aktuellen Wissensstand zusammen und ermöglicht einen ersten Einstieg in dieses komplexe Thema.
Auch versteht es der Autor den Leser in die Ereignisse zu involvieren und ich selbst habe mich dabei ertappt wie sehr ich in das Thema „Machtergreifung“ bis zu letzt hoffte, dass es dieses Mal anders ausginge und sich Hindenburg anders entscheidet ... .
Zu keinem Augenblick hatte ich das Gefühl, dass etwas zu lang beschrieben wurde oder Themen zu knapp gehalten sind, immer den Rahmen im Blick.
Aus meiner Sicht wird sehr deutlich wie spät Hitler seine politische Laufbahn einschlug und vieles doch auf Zufälle beruhte, dass er überhaupt diesen Weg eingeschlagen hatte. Wie auch bei Haffners „Anmerkungen“ wird auch hier offensichtlich wie leer und arm das private hinter dem politischen Leben war.
Die plastische Darstellungsweise geht teilweise so weit, dass ich regelrecht angewidert war von den im Text immer wieder aufgegriffenen Beschreibungen von Hitlers Rassenwahn und Antisemitismus. Unfassbar wie viel Hass möglich ist!
Um auch eine weitere Parallele zu einem anderen großen Biographen zu ziehen: Kershaw stellt in seinem Buch „Hitler-Mythos“ sehr klar heraus wie sehr sich Hitler in der Öffentlichkeit über so viele Jahre hinweg verstellte, um seine eigentlichen Ziele, nämlich Krieg und die Vernichtung der europäischen Juden, zu verbergen, nur selten hat er dies öffentlich ausgesprochen und dann in der Regel dafür Sorge getragen, eine nicht zu deutliche Sprache zu wählen. Eine wohlbekannte Ausnahme war z. B. die Reichstagsrede vom 30. Januar 1939. Dies wird bei Thamer ebenfalls deutlich.
Wobei insbesondere Thamer im letzten Kapitel auch noch einmal herausstellt, dass es dadurch auch ein Leichtes war im Nachgang nur Hitler für alle Verbrechen verantwortlich zu machen, so einfach geht die Verdrängung der Tatsachen in der Geschichtsbetrachtung dann doch nicht und es wäre eine solche Zerstörung und Vernichtung nicht möglich gewesen, hätte Hitler nicht eilfertige Helfer gehabt.
Wie Hitler zum Antisemiten geworden ist, wird auch hier nicht abschließend geklärt. Es scheint nur klar zu sein, dass er diesen tiefen Hass erst nach dem ersten WK entwickelte und nicht bereits während der Wiener Jahre. Auch scheint der Einfluss des deutschen Militärs nach dem WK entscheidend gewesen zu sein, was aber seine selbst entwickelte übersteigerte Radikalität nicht erklärt. Leider muss diese Frage immer noch als unbeantwortet betrachtet werden (jedenfalls nach meinem Kenntnisstand der Literatur, der bei weitem nicht allumfassend ist). Die Quellenlage scheint diesbezüglich nach wie vor unzureichend zu sein.
Thamer versteht es darzustellen, dass Hitler offenbar nie konkrete Handlungspläne hatte, in die Politik ist er reingeschlittert, und auch hier hat er sich Alternative Handlungsmöglichkeiten stets offen gelassen. Einzig sein Instinkt für die Schwächen im Besonderen seiner Gegner und seine Ziele der Gewinnung von Lebensraum und der Vernichtung der europäischen Juden waren unbeirrt. Wobei ihn sein Instinkt bei zunehmendem Größenwahn immer öfter im Stich ließ.
Insgesamt eine klare Leseempfehlung meinerseits. Insbesondere zum Einstieg sehr geeignet!