Pascal Hugues erzählt die Geschichte ihrer Wohnstrasse, vom Bau im Jahre 1904 bis zum Erscheinen des Buches. Den Namen dieser Strasse verrät die Autorin nicht, nur dass der Name der Strasse immer gleich geblieben ist und die Strasse nie aufgrund irgendwelcher Mächte umbenannt wurde. Wer sich in Berlin auskennt, wird sicher wissen, welche Strasse beschrieben wird. Im Buch gibt es Bilder der Strasse, wie sie nach dem zweiten Weltkrieg in Trümmern lag. Interessante Bilder gibt es auch von der wieder aufgebauten Strasse und von vielen Einwohnern. Die Autorin schreibt hervorragend. Sie hat viel und mit Leidenschaft recherchiert, um die verschiedenen Schicksale der Bewohner ihrer Berliner Strasse zusammenzutragen. Sie hat für ihre Recherchen Personen befragt, die vor den Nazis nach Amerika oder Israel geflüchtet sind, Menschen die in Deutschland geblieben sind und auch mit Nachfahren der Einwohner ihrer Strasse gesprochen. 106 Juden wurden aus der Strasse deportiert, was nach dem Krieg viele Einwohner schnell wieder vergessen wollten.
Obschon ich nichts negatives feststellen konnte, konnte ich keinen positiven Bezug zum Buch aufbauen. Irgendwie war ich der Buchidee gegenüber negativ eingestellt, nur über eine Strasse zu schreiben und vielleicht deshalb konnte das Buch mich nie richtig packen und begeistern. Wahrscheinlich war es nur das falsche Buch zur falschen Zeit.
Ein Gang durch eine (fast) beliebige Straße in einer (nicht ganz so beliebigen Stadt) ist ein Gang durch die deutsche Historie und Sozialgeschichte. Denn im Kleinen spiegelt sich das Große, in Abwandlung der biogenetischen Grundregel, ist die soziale Ontogenese des Kleinhabitats eine Rekapitulation der soziokulturellen Entwicklung einer Nation.
Wobei es im Kleinen, das hier zur Veranschaulichung dient, deutlich unterhaltsamer zu lesen ist als in jedem historischen Wälzer. Die Sprache von Pascale Hugues (offenbar sehr prägnant und treffend von Lis Künzli übersetzt) tut ein übriges, um dieses Buch zu dem werden zu lassen, was der Amerikaner einen 'page turner' nennt.
Und am Ende schlägt man das Buch zu; und es ist fast wie ein Abschied von den Nachbarn, die man im Guten wie im Schlechten ein wenig kennenlernen durfte und quasi über 110 Jahre ein Stück Wegs begleitet hat.