Susan Sontag hat mich auf Victor Serge gebracht. Danke dafür!
Sie spricht beigeistert von anderen Schriftstelleren und Schriftstellerinnen.
Gleichzeitig fühlen sich einige ihre Reden oder Essays im Buch auch wie "Gelaber." Sie behauptet viel, ohne dies aber mit Fakten oder Beispielen zu untermauern. Irgendwie ohne Substanz. Tiefe fand ich nur in Anflügen. Das Buch fand ich daher okay.
Ihre USA-Kritik erscheint aber mangels Hintergrundwissen oberflächlich.
Lieblingspassagen aus dem Buch:
"»Das Furchtbare bei der Suche nach der Wahrheit«, sagt ein französischer Essayist, »ist, dass man sie findet ... « Man findet sie, und man hat nicht mehr die Freiheit, dem Hang seiner Umgebung zu folgen oder die geläufigen Klischees zu akzeptieren." S.109
"Unsere führenden Polikter haben uns zu verstehen gegeben, dass sie ihre Aufgabe als eine manipulative betrachten: Vertrauensbildung und Kummerbewältigung. An die Stelle von Politik, von demokratischer Politik - die Meinungsverschiedenheiten mit sich bringt und sich für das offene Wort einsetzt-, tritt Psychotherapie. Lasst uns nach Kräften gemeinsam trauern. Aber lasst uns nicht gemeinsam dumm sein." S.145
"Die Selbstzensur, die wichtigste und wirklungsvollste Form von Zensur, grassiert. Diskussion wird gleichgesetzt mit Opposition und Opposition mit Verrat." S.154
"Möglicherweise ist diese Passivität eine unvermeidliche Folge des Triumphs der Konsumgesellschaft und des liberalen Kapitalismus. Es gibt schon seit einiger Zeit keine markanten Unterschiede zwischen Demokraten und Republikanern mehr; man hält sie bestenfalls für zwei Flügel derselben Partei. (Eine ähnliche Entwicklung lässt sich in Großbritannien beobachten, wo heute kaum noch ein Unterschied zwischen der Labout-Partei und den Konservativen besteht.) In der Entpolitisierung des größten Teils der amerikanischen Intelligenzija spiegelt sich bloß der zunehmende Konformismus und die Konvergenz des politischens Lebens insgesamt - die Austauschbarkeit der Etiketten." S.155
"Aber der Krieg, den die Bush-Regierung angeordnet hat, wird nie enden. Das ist ein Indiz dafür, dass es sich nicht um einen Krieg handelt, sondern um ein Mandat zur Ausweitung der Macht Amerikas." S.158
Abu-Ghuraib-Folterskandal
"Gegen die meisten Inhaftierten in den Gefängnissen im Irak und in Afghanistan wurde keine Anklage erhoben, und das Rote Kreuz teilt mit, siebzig und neunzig Prozent der Inhaftieren hätten anscheinend kein anderes Verbechen begangen, als dass sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren und bei irgendeiner Razzia als "Verdächtige" verhaftet wurden." S.189
Englisch in den 1920er als Sprache der Luftfahrt beschlossen. Dadurch Weltsprache geworden? S.211
"Die Welt ist für fast jeden das, worüber wir praktisch keine Kontrolle haben. Der gesunde Menschenverstand und der Selbsterhaltungstrieb sagen uns, dass es ratsam ist, sich an das, was wir nicht ändern können, anzupassen." S.239
"Thoreau, der 1846 ins Gefängnis geht, weil er sich aus Protest gegen den Krieg, mit dem Amerika Mexiko überzieht, geweigert hat, seine Kopfsteuer zu bezahlen, hat diesen Krieg nicht aufgehalten. Aber der Nachhall dieser mildesten und kürzesten Haftzeit (eine einizige Nacht im Gefängnis hat (...) eine neue Ära inspiriert." S.241
"Es kann nicht richtig sein, dass ein Präsident der Vereinigten Staaten zu glauben scheint, er habe ein Mandat, der Präsident des ganzen Planeten zu sein, und verkündet, wer nicht für Amerika sei, sei für »die Terroristen«." S.242
Nürnberger Prozesse 1945/47 Grundsatz: Soldat nicht verpflichet, ungerechte Befehle zu befolgen. Befehle, die dem Kriegsrecht zuwiederlaufen. Er ist sogar verpflichtet, ihnen nicht zu gehrochen. S.236
"Zugang zur Literatur, zur Weltliteratur, bedeutete: dem Gefängnis der nationalen Eitelkeit, der Spießbürgerlichkeit, dem zwanghaften Provinzialismus, dem stupiden Schulunterricht, der Unvollkommenheit des Schicksals, dem Unglück entkommen. Literatur war der Pass, der Zutritt in ein reicheres Leben, in die Sphäre der Freiheit gewährte." S.264
"Schreiben heißt etwas wissen. Was für ein Vergnügen, einen Schriftsteller zu lesen, der viel weiß." S.267