28. Juni 2018
Es ist schwierig, bei Clean alle Triggerwarnungen aufzulisten, aber ich werde es zumindest im Ansatz versuchen: Triggerwarnung für Alkohol- und Drogenmissbrauch, Essstörungen (Magersucht und Esssucht), selbstverletzendes Verhalten, graphische Darstellung von den Begleiterscheinungen von Entzug und sonstigen „Nebenwirkungen“, die mit Abhängigkeiten aller Art kommen.
Ihr seht schon: Bei Clean ist der Titel Programm. Nicht nur, weil es darum geht, wie Lexi und die anderen daran arbeiten, ihre Abhängigkeiten zu überwinden, sondern, weil das Buch das Schöne, meistens aber das Hässliche abbildet.
Jedenfalls in Großteilen.
Was Juno Dawson mit Clean versucht hat, ist bewundernswert, und schwierig, und daher überrascht mich dieser Kritikpunkt nicht weiter: Zwar wird die Geschichte aus Lexis Perspektive erzählt, die unfreiwillig in die Therapie gesteckt wird, aber auch die Schicksale ihrer Mitpatient*innen gehen nicht spurlos an Lexi und den Leser*innen vorbei. So erfahren wir von dem trans Mädchen Kendall, die an Magersucht leidet; oder von Ruby, die esssüchtig ist. Von Guy, der mit einer Zwangsstörung kämpft.
Während ich es toll finde, welche Bandbreite da abgedeckt wird, ist es fragwürdig, ob das im Detail geschieht. Zum Beispiel ist Kendall relativ gut ausgearbeitet – und natürlich eine unglaublich wichtige Repräsentation, gerade, da Juno Dawson selbst trans ist –, wenn auch die Behandlung ihrer Krankheit in der Klinik mir zuweilen etwas suspekt war. Guy und Ruby kamen mir hingegen zu kurz, sodass ich mehr Stichpunkte von ihnen im Hinterkopf behalte als Kohärentes.
Abgesehen von ihnen ist vor allem noch Brady relevant, der … nun, seine Abhängigkeit wäre zu viel verraten. Und hier kommt die Liebesgeschichte ins Spiel.
Vielleicht hatte ich zu viel darauf gesetzt, dass keine vorkommen würde, und war deshalb enttäuscht. Gerade, weil Lexi mit Ko-Abhängigkeit in Beziehungen kämpft und das auch großer Teil ihrer Therapie ist. Ich weiß einfach nicht, wie Leute sich Klinikaufenthalte vorstellen, aber da laufen nicht unbedingt Leute im selben Alter wie man selbst rum (gerade in Kinder- und Jugendkliniken hat man dann mal Zwölf- und Sechzehnjährige beisammen und das macht einen ordentlichen Unterschied), und ganz im Ernst, man hat da in der Regel etwas Besseres zu tun, als sich zu verlieben.
Also, nein. Kein Fan. Dawson konnte mich auch nicht von den beiden überzeugen, weswegen dieser Aspekt wohl Teil meines größten Kritikpunkts ist – zusammen mit der Darstellung des Klinikalltags.
Okay, okay, ich war noch nie in einer Privatklinik. Keine Ahnung, wie die da die Dinge wirklich handhaben. Und ich fand’s toll, dass Dawson auch viele Therapiegespräche eingebaut hat, dass sie überhaupt im Großen und Ganzen einen positiven Klinikaufenthalt eingebaut hat – aber letztendlich war es mir dann doch ein bisschen zu too much. Zum Beispiel joggt Kendall nachts durch die Gänge, ohne jemals erwischt zu werden. Die Patienten können jederzeit ans Meer geraten, generell passieren da andauernd höchstdramatische Dinge. Und ja, keine Frage, das kommt vor – aber nein, normalerweise kommen nicht alle Patienten um fünf Uhr morgens zusammen, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Weil sie a) mit ihrem eigenen Kram zu tun haben und b) das kein Aufseher in keiner Welt nicht bemerken oder c) nicht verhindern würde.
Das klingt jetzt härter, als es gemeint war. Ich bewundere Clean wirklich für die Bandbreite und die Diversität (zusätzlich ist Ruby schwarz und Guy schwul), für die Schonungslosigkeit, generell für die Sogwirkung. Man kann gar nicht anders, als darauf zu hoffen, dass es Lexi besser geht, dass man ihr helfen kann, dass sie sich helfen lässt, dass sie ihren Weg geht. Ich habe das Buch in weniger als zwei Tagen verschlungen, es kaum aus der Hand legen können; ich habe viel genickt und mir oft die Tränen aus den Augen geblinzelt. Es ist auch schön, dass Dawson eine Besserungsgeschichte erzählt, uns nicht ewig in Lexis Sumpf mitzieht, sondern aufzeigt, dass es da einen Weg raus gibt. Ich glaube nur, dass es letztendlich ein wenig zu viel für einen einzigen Roman war – neben der Liebesgeschichte, die man meines Erachtens nach gut und gerne hätte streichen können, kamen viele der Einzelschicksale einfach kurz, weswegen das Ende zwangsweise auch zu kurz kam, einerseits überdramatisiert, dann übereilt, dann irgendwie zu kitschig war. Ich bin dennoch froh, zu Clean gegriffen zu haben, und würde es weiterempfehlen; allerdings nur, wenn ihr euch sicher seid, dass ihr mit den Triggern umgehen könnt.
22. Juni 2018
3,5 Sterne – im Großen und Ganzen bin ich positiv überrascht und beeindruckt. (Sonst hätte ich es wohl kaum in anderthalb Tagen inhaliert.)