Irgendwann hatten Raphael Thelen und Thomas Victor genug von den immer gleichen Klischees über Ostdeutschland. Also brachen sie in ihrem verbeulten Kombi zu einem Roadtrip entlang der Bundesstraße 96 auf, um sich ein eigenes Bild zu machen. Auf der einst wichtigsten Fernstraße der DDR reisten sie aus dem tiefsten Sachsen über Berlin bis zu den weiten Horizonten der Ostsee. Unterwegs trafen sie Flussschiffer und Hausbesetzer, Tätowierte und Rektorinnen, Barfrauen und Popmusiker und stellten ihnen allen die gleiche Frage: Wovon träumst du? Sie entdeckten überraschend viel Optimismus und Gemeinschaftssinn, und Kilometer für Kilometer veränderte sich ihr Blick auf Ostdeutschland und seine Bewohner.
Ohne je eines gelesen zu haben, bin ich schon lange müde von "So tickt der Osten, wir waren live dabei"-Büchern von Wessis für Wessis. Diesem wollte ich aber eine Chance geben und ich wurde nicht enttäuscht!
Entlang der B96 treffen und portraitieren Raphael Thelen und Thomas Victor Anwohner:innen. Das Buch versteht sich dabei glücklicherweise nicht als großer Erklärungsversuch Ostdeutschlands, sondern bleibt bei diesen Vignetten - mit viel Raum für Widersprüche, viel Raum zum Selberdenken.
Ihr Ansatz, sich auf Träume statt auf Frustrationen zu fokussieren, gerät teilweise etwas rührselig. Aber um diese ganz verschiedenen Geschichten zusammenzuführen, ist es sicherlich der sinnvollste. Besonders gefreut habe ich mich über das Kapitel zu Werner Karma.
"Den Kopf ans Fenster gelehnt, denke ich: Das schließt sich ja eigentlich nicht aus, gesellschaftliche Solidarität und Toleranz für den Einzelnen. Es müsste halt einfach zusammen gelebt werden. Sicherlich ist das kein ganz neuer Traum. Wir müssen ihn nur träumen."
Jetzt bin ich bereit, mir eine Bundesstraße im Westen auszusuchen und mich aus ostdeutscher Sicht selbst auf die Suche zu machen - "eine Reise quer durchs Land und zugleich eine Expedition in den Nahbereich, in die Seelen und Träume der Menschen".