»Ich bin aus der Firma meiner Familie ausgestiegen, weil ich Gewalt verabscheue. Weil ich diesen ganzen Hass, der um uns herrscht, nicht auch noch mit Waffen unterstützen wollte. Und jetzt … jetzt bin ich zu jemandem geworden, der ich nie sein wollte.«
»Und das wäre?«, fragt Elaine.
»Ein Mörder« – S. 424
Ich überlege jetzt schon länger, wann ich den letzten Thriller gelesen habe und es will mir beim besten willen nicht einfallen. Dementsprechend lange dürfte es wohl auch her sein. Umso grösser war darum auch meine Neugier auf Belfast Central, das Debütwerk der Autorin A.K. Amherst und ich wurde positiv überrascht.
Zwischen den Fronten, zwischen Fiktion und Realität
Der Nordirlandkonflikt spaltete das Land zwischen 1969 und 1998 in zwei Lager. Die Katholiken und die Protestanten bekämpften sich bis aufs Blut. In dieser von Hass und Gewalt geprägten Zeit siedelt A.K. Amherst ihren Thriller an und spinnt um historische Ereignisse eine Geschichte.
1993, Ryan Goodwin arbeitet als Sanitäter und versucht so seinem Namen zu entfliehen. Die Familie Goodwin produziert und verkauft seit Generationen Waffen und ist somit, seiner Meinung nach, an den Konflikten mitschuldig. Die Geschichte beginnt nun mit jener verhängnisvollen Nacht, als Ryan und sein Kollege Jarvis zu einer Schiesserei mit Verletzen am Bahnhof gerufen werden. Die beiden Sanitäter geraten zwischen die Fronten, Jarvis wird getötet und Ryan schwer verletzt. Kurz bevor er das Bewusstsein verliert, sieht er jedoch einen Mann, der ihm zu helfen versucht. Die Polizei geht von einem Anschlag aus und legt den Fall rasch zu den Akten. Ryan jedoch versucht nach seiner Genesung seinen Retter zu finden, was ihn mitten in den Kampf zwischen der Ulster Defence Association (UDA) und der Irish Republican Army (IRA) bringt.
Ryan ist der Ich-Erzähler der Geschichte und so sind wir ganz nah bei ihm, begleiten in zu dem verhängnisvollen Einsatz, suchen mit ihm nach seinem Retter und durchschauen so langsam die Strukturen der paramilitärischen Organisationen. Wir erleben auch, wie ihn die Geschehnisse verändern, wie er plötzlich vieles aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten beginnt. So wird die Entwicklung, die Ryan in der Geschichte durch macht sehr greifbar und authentisch, aus dem freundlichen, eher scheuen Sanitäter wird ein Kämpfer, was auch seinen Wunsch nach Frieden ins Wanken bringt. Die Autorin zeigt mit diesem Charakter wirklich gut, wie aus eigentlich neutralen Personen, Kämpfer für die eine oder andere Seite werden können. Es ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit in einem von einem Konflikt geprägten Land nicht für die eine oder die andere Seite Partei zu ergreifen.
Überhaupt erscheinen die Protagonisten dieses Thrillers sehr vielschichtig, niemand ist einfach nur „böse“ oder „gut“. Alle verfügen über ihre ganz eigenen Beweggründe und Rechtfertigungen für ihr Handeln. Allerdings sieht sich ein jeder auch im Recht und so wird Gewalt mit Gewalt bekämpft.
»Ich bin froh, dass es vorbei ist«, sagt sie nach einer Weile. »All das Leid, das Fianna verursacht hat, hat mit ihr endlich ein Ende«
Ihre Worte überraschten mich »Sie wollen keine Rache?«
»Rache? Was hat Rache uns denn je gebracht – ausser Tote?« – S.467
Macht man sich während der Lektüre einmal Bewusst, dass diese Ereignisse nicht ausschliesslich der Fantasie der Autorin entsprungen sind, sondern sich durchaus auch in der Realität so zugetragen haben könnten, wird einem ganz Flau im Magen. Die Sinnlosigkeit der Gewalt und die sture Brutalität erschrecken und stimmen einem nachdenklich.
Die vollständige Rezension findet man auf meinem Blog Livricieux