Ein sehr persönliches Buch über das Schicksal der Mutter und der eigenen Familie. Spurensuche, deutsch-polnische Geschichtsschreibung und Erzählung in einem. Vierzehn Jahre alt ist die Mutter, als sie 1945 verhaftet und für Jahre ins polnische Arbeitslager Potulice gebracht wird. Der Sie hatte mit neun ein Formular unterschrieben, das sie in einem von Hitler überfallenen Gebiet als Deutsche auswies. Susanne Fritz erzählt ergreifend und ohne jede vorschnelle Schuldzuweisung von dem Schicksal ihrer Mutter und der ganzen Familie über mehrere Generationen. Sie fragt nach Menschlichkeit und Verrat, nach Identität und Sprache und zieht immer wieder historische Dokumente zu Rate. So leuchtet sie nicht nur die eigene Familiengeschichte aus, sondern das deutsch-polnische Verhältnis über zwei Weltkriege hinweg mit all den historischen Umwälzungen und ihren Auswirkungen auf jeden Einzelnen. Susanne Fritz führt ein tief lotendes Gespräch mit der Vergangenheit, sie tut es, weil sie die verborgenen Auswirkungen auf ihr eigenes Dasein verstehen will.
Ich würde dem Buch 3,5 Sterne geben. Ich habe durch dieses Buch enorm viel Neues gelernt. Mir war das Zwangsarbeitslager Potulice davor kein Begriff, ich wusste kaum etwas über polnische Geschichte und ich habe durch dieses Buch auch viel Neues über den Holocaust gelernt. Ich finde das Buch leistet einen wichtigen Beitrag zur zeitgeschichtlichen Dokumentation.
Die Autorin erzählt nicht linear oder chronologisch, sondern das Buch ist ein Mosaik aus Rechercheergebnissen, Familiengeschichten, geschichtlichen Fakten und eigenen Reflexionen, Emotionen und Einordnungen der Autorin. Ich empfand diese Herangehensweise stellenweise als ansprechend - gerade die zunehmende Verwebung von Persönlichen und Gesellschaftlichem bzw. Politischem ist spannend! Ein Zitat hierzu: "Nach eingehender Lektüre und einem Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau ist mir der Rückweg in eine rein private Erinnerungskultur versperrt. Die Familiengeschichte ist einzuordnen in ihre Zeit, hier: in ein nationalsozialistisches Szenarium. Es ist jetzt gewaltiger als Ich."
Ich finde es hat einen als Leser*in dazu angeregt, selbst die eigene Familiengeschichte nachforschen zu wollen und in einen größeren Zusammenhang zu bringen, auch um für sich selbst Klarheit zu finden. Und: Es fühlt sich als Leser*in tatsächlich nach einem sehr persönlichen Einblick in die Kindheit und Gedankenwelt der Autorin an und ich empfinde dieses Buch daher als sehr mutig!
Warum also "nur" 3,5 Sterne? Aus meiner Sicht ist "Wie kommt der Krieg ins Kind" kein Buch, bei dem man nicht mehr zu lesen aufhören kann. Ich habe das Buch im Rahmen einer universitären Lehrveranstaltung gelesen - doch wenn ich es in meiner Freizeit gelesen hätte, bin ich mir nicht sicher, ob ich das Buch zügig fertig gelesen hätte. Einerseits ist das Thema natürlich ein Belastendes. Andererseits enthält das Buch keinen linearen Erzählstrang, wodurch es keinen Spannungsaufbau gibt.
Für wen ist dieses Buch nicht geeignet? Wenn einem Spannung in einem Buch wichtig ist. Wenn man handlungslastige Bücher mag. Wenn man ein Buch möchte, in das man hineinfallen kann.
Für wen ist dieses Buch genau das Richtige? Wenn man sich für das Thema Krieg und Trauma interessiert. Wenn man sich mit Gedenken und Schuldzusammenhängen auseinandersetzen möchte. Wenn man über die Geschichte Polens, über den Holocaust und das Zwangslager Potulice lernen möchte. Und wenn man sich für Biografien interessiert und gerne selbst die eigene Familiengeschichte nachforschen würde.
Die Autorin macht sich auf die Suche nach ihrer Familiengeschichte. Ausgehend von einer Akte, die bei der Aufnahme ihrer Mutter 1945 in das Arbeitslager Potulitz angelegt wurde, forscht sie über Bildern, alten Briefen, Unterlagen und Sonstigem nach dem Leben ihrer Vorfahren. Ich gebe es gleich zu Beginn zu: Ich habe das Buch nicht bis zum Ende gelesen. Das, was Andere so gut daran fanden, ging mir nur noch auf den Wecker. Die Autorin wechselt ständig zwischen erzählenden Abschnitten über die Vergangenheit ihrer Familie, den reinen Fakten der damaligen Zeit und ihren eigenen Gedanken und Empfindungen. Während die Fakten weitgehend objektiv und nüchtern berichtet werden, werden ihre Familienerinnerungen und Reflexionen beinahe pathetisch, sodass es gelegentlich fast schon ins Esoterische abdriftet. Beispielsweise als sie am Computer alte Photographien ihrer Verwandten betrachtet: "Ich zoome ihre Gesichter heran, betrachte ihre Hände, ... und schaue ihnen unverschämt lange in die Augen. ... Bis eben lächelten sie versunken, jetzt reißen sie alarmiert die Augen auf, als hätte ich sie im Schlaf gestört, hätte sie geweckt. Eine Fremde ist in ihren Kreis getreten. Wer ist sie? Was will sie von uns? Ich bin eingetreten, ohne anzuklopfen, ohne abzuwarten, ob sie mich auch hereinbitten. Beschämt schließe ich die Augen." Zudem stellt sie sich Fragen über Fragen, auf die es keine Antworten gibt, da die Menschen, die sie betreffen, nicht mehr leben: "Das Bedrohliche, das sie in meinem Buch sah, worin bestand es? Ließ es sich bannen, unschädlich machen? Musste das Ganze Buch verschwinden? Wären Passagen zu retten, andere aufzugeben, zu schwärzen?". Daraus entstehen Mutmaßungen und Phantasiegebilde, die mich als Leserin eher unzufrieden zurückließen. Ich habe keine Zweifel daran, dass Susanne Fritz sich intensiv mit dieser Zeit auseinandergesetzt hat und der eher objektive Teil den Fakten entspricht, sodass es in dieser Hinsicht sicherlich ein wichtiger Beitrag ist gegen das Vergessen. Doch die Verknüpfung ihrer Familiengeschichte damit war für mich schlicht nervend. Ich empfand es als eine persönliche Aufarbeitung, die für sie vermutlich hilfreich, aber für mich als Aussenstehende nicht lesenswert war. Deutlich interessanter und daher empfehlen kann ich hingegen Frank Maria Reifenberg "Wo die Freiheit wächst", wenn es auch nicht ganz das gleiche Thema betrifft.
Dieses Buch verschafft mir einen Einblick in eine im Ausland eher wenig bekannten Seite der Geschichte. Susanne Fritz kreirt eine Familienerzählung ohne jeglichen Revanchismusversuch, inspiriert von einem menschlichen Bedürfnis, die Familiengeschehnisse in Zeiten historischer Tragödien aufzuklären.
Ihre ehrliche Anstregung besteht darin, die Perspektive der Familiengeschichte über das Verlassen und die Wiederansiedlung Schlesiens zwischen den beiden Weltkriegen durch Gedächtnis und Archive zu dokumentieren, sowie die Flucht und Verfolgung von, Vergewältigungsfälle durch die gegnerischen Milizen und die krasse Gewaltsausübung gegenüber den internierten Zivilisten.
Das Buch berichtet von der problematichen Erfahrung einer Bevölkerung, die oft ihre Sprache, Geschäftsbezeichnungen und Familiennamen ändern musste. Die Mutterfamilie wechselt häufig ihre Zugehörigkeitsgefühle und strebt ständig danach, ihre Identität zu definieren. Dies ist umso bedeutender in einer Epoche, in der die Heimat noch zentral und politisch schicksalhaft war.
Die Autorin wählte damit eine kantige Perspektive, die oft missverstanden werden und "auf die falsche Mühle laufen" kann. Hingegen gelingt es ihr, keine Opferdarstellung zu schaffen. Sie zeigt ein tiefes interkulturelles Engagement, um die gemeinsame deutsch-polnische Geschichte grenzüberschreitend zu erforschen und dem breiteren Publikum zu vermitteln.
Dieses Werk reflektiert über eine übergenerationale Spannung, in der die letzte Generation wohl berechtigt ist, über die Einstellung, Rollen und Reaktionen der Vorfahren nachzudenken.
Die Tochter erzählt die Geschichte der Eltern und Großeltern, deren Leben als Deutsche in Polen von Beginn des 1.Weltkriegs bis zur Vertreibung nach 1945. Eine polnische Geschichte des Leidens, des Hasses zwischen den Völkern und der gemeinsamen Verfehlungen, ohne Beschönigung aber auch ohne eindimensionale Schuldzuweisung erzählt. Ein gutes Zeitdokument.