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deutsch, nicht dumpf: Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten

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Heimat, Leitkultur, Thea Dorn will diese kontroversen Themen nicht den Rechten überlassenSeit Jahren streiten wir, und der Ton wird Befördert die Rede von Heimat und Verwurzelung oder gar Patriotismus ein rückwärtsgewandtes, engstirniges Denken, das über kurz oder lang zu neuem Chauvinismus, Rassismus und Nationalismus führen wird? Oder ist das Beharren auf unseren kulturellen, historisch gewachsenenen Besonderheiten in Zeiten von Migration, Globalisierung und Technokratisierung nicht vielmehr Grundbedingung dafür, jene weltoffene Liberalität und Zivilität zu wahren, zu der das heutige Deutschland ja inzwischen längst gefunden hat? Anknüpfend an Themen, die sie bereits in ihrem Bestseller „Die deutsche Seele“ (zusammen mit Richard Wagner) erkundet hat, wendet Thea Dorn sich nun den aktuellen Schicksalsfragen unserer Gesellschaft zu - differenziert, unaufgeregt und dennoch leidenschaftlich.

337 pages, Kindle Edition

Published April 23, 2018

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Thea Dorn

23 books18 followers

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Displaying 1 - 10 of 10 reviews
Profile Image for Semjon.
767 reviews504 followers
July 26, 2019
Bedeutet es etwas für mich, Deutscher zu sein? Eigentlich lässt mich die Fokussierung auf die Nation, in die ich ohne mein Zutun hineingeboren wurde, eher unberührt. Vaterlandsliebe spüre ich nicht. Ich freue mich zwar, wenn ein Sportler oder eine Mannschaft in weißen Trikots gewinnt, aber die wahre Verbundenheit gehört meinen Herzblutverein und der trägt rot. Im Grunde ist mir Deutschland zu groß, um es als Heimat zu bezeichnen. Meine Region, meine Familie, das sind eher Einheiten für die ich Zugehörigkeitsgefühle entwickele. Aber eigentlich will ich ja auch Europäer sein und sogar ein offener und toleranter Weltbürger. Na, was denn nun? Wie funktioniert das jetzt mit der Zugehörigkeit bei mir? Ich verstehe mich selbst nicht.

Diese Fragen gingen mir schon öfter mal durch den Kopf. Zuletzt als ich beim feierlichen Gelöbnis meines Sohnes bei der Bundeswehr plötzlich Gänsehaut als Wehrdienstverweigerer bekam. Gibt es auch bei mir, der eher aus der linken als der rechten Ecke, einen schlummernden Patriotismus? Sollte es Thea Dorn vielleicht sogar gelingen, mir einen Leitfaden für einen aufgeklärten Patriotismus an die Hand zu geben? Die Antwort lautet: Nein.

Thea Dorn erzählt gerne, plaudert fast schon ausufernd. Sie schreibt meist altklug, mal anbiedernd und mal lehrmeisterlich, wie ich sie auch aus literarischen Diskussionsrunden kenne. Das Buch hat für mich den literarischen Wert eines Wikipedia-Artikels. Akribisch hat die Autorin alles zusammengesucht, was in der Geschichte der Philosophie, Soziologie, Politologie und Literaturwissenschaften zum Thema Patriotismus und Nationalismus gesagt wurde. Und so ist ihr Leitfaden ein Labyrinth ohne Faden, in dem unzählige Zitate ohne Quellenangabe wiedergegeben werden und von Thea Dorn beurteilt und bewertet werden. Man könnte ja erwarten, dass sie eine Idee hat, wie sich die Gesellschaft und/oder das Individuum ändern müssen, damit wir anstelle von aufkommenden Nationalismus und Fremdenhass einen gesunden und aufgeklärten Patriotismus entwickeln. Also einen Nationalstolz, der die anderen Länder, Völker, Kulturen trotzdem respektiert und anerkennt (im Gegensatz zum Nationalismus). Meiner Ansicht nach vermittelt der Buchtitel eine solche Vorgehensweise und daher empfinde ich das Buch als Mogelpackung.

Es ist zwar nett, dass sich Frau Dorn die Mühe machte, die ganzen Zitate zusammenzutragen. Da weiß ich wenigstens nun, bei wem ich nachlesen kann, wenn mich eine Position interessiert. Halte ich es vielleicht mit Heinrich Heine?:

“Der Patriotismus des Deutschen besteht darin, dass sein Herz enger wird, dass es sich zusammenzieht, wie Leder in der Kälte, dass er das Fremdländische hasst, dass er nicht mehr Weltbürger, nicht mehr Europäer, sondern nur ein enger Deutscher sein will.“

Aber das ist doch Nationalismus, was Heine da beschreibt. Oder dann doch eher einen deutschen Patriotismusverfechtern wie z.B. Rolf Dahrendorf, der Kämpfer für einen Verfassungspatriotismus (was für ein Wortungetüm):

“Patriotismus ist Voraussetzung des Weltbürgertums. Jedenfalls gilt, dass Menschen irgendwo hingehören müssen, bevor sie sich für weitere Horizonte öffnen können.“

Man muss aus der Geschichte lernen, insofern ist es für mich in Ordnung, wenn man recherchiert. Man muss aber auch als Autorin eines solchen Buchs das Heute und vor allem auch das Morgen betrachten. Wie wird sich denn unsere Gesellschaft mit zunehmender Digitalisierung und Globalisierung verändern? Wie wird sich das Miteinander in Deutschland und in Europa bei den aktuellen Alterspyramiden verändern? Wie soll Patriotismus funktionieren, wenn unsere Gesellschaft überaltert und wir auf Einwanderungen angewiesen sind? Da sind diese ganzen Zitate von Kant bis Walser alle intellektuelle Worthülsen, Geschwätz, wie das Buch von Thea Dorn.

Man braucht tatsächlich eine gemeinsame Idee, wenn Menschen aus verschiedenen Bereichen und Kulturen (und damit meine ich auch wenn Bayern und Friese aufeinandertreffen). Wir brauchen ein positives Bekenntnis und Einstellung zu der Gesellschaft, in der wir leben. Wenn es dann wirklich das Grundgesetz sein soll, das ein solche Idee symbolisieren kann, wie schaffe ich es dann, hierfür ein derartiges Nationalgefühl aufzubauen, dass ich als bekennender Verfassungspatriot den Nationalisten und Rechtsradikalen mit Stolz in der Diskussion gegenüber treten kann. Diese entscheidende Frage könnte mir Thea Dorn trotz ihrer umfangreichen Ausarbeitung nicht zufriedenstellend beantworten.
Profile Image for Gavin Armour.
616 reviews130 followers
July 16, 2018
Dies - das sollte man einfach aller kritischen Auseinandersetzung voranstellen - dies ist ein gutes weil sehr, sehr kluges Buch. Es ist gelehrt, es ist gesättigt mit Information, es steckt voller genauer Überlegungen und es ist zudem in einem vielleicht manchmal belehrenden, doch immer dem Leser zugeneigten Ton geschrieben. Es ist ein Buch zur rechten Zeit, denn es setzt sich mit wesentlichen Themen einer Zeit auseinander, in der einerseits der Nationalismus an vielen Stellen in Europa wieder sein hässliches Haupt erhebt, andererseits eine immer stärker in die Defensive gedrückte bürgerliche Mitte gerade in Deutschland nicht mehr weiß, wie und wo sie sich positionieren soll. Die Schriftstellerin, Publizistin und TV-Moderatorin Thea Dorn legt mit „deutsch, nicht dumpf“ einen „Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“ vor, den es wohl bitter nötig hat. Und auch, wenn man während der Lektüre oftmals denkt: Ja, aber das weiß ich doch, das kenne ich doch alles, genau so sehe ich das doch auch!, tut es gut, noch einmal anhand einer Reihe von Kernfragen und zentralen Gedanken so deutlich, konzentriert und zugleich unaufgeregt eine Reflektion zu erhalten, was das eigentlich ist: Deutschland und das Deutsch-Sein.

Schon der Titel deutet an, und das erste Kapitel bestätigt, daß der Fixpunkt dieses Langessays – oder eben Leitfadens - natürlich die aktuellen Diskussionen sind, befeuert von den eben häufig dumpfen Einlassungen der Rechtspopulisten bis Rechtsextremisten der AfD, aber auch durch Aussagen wie die der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration Aydan Özoğuz, die in einem Aufsatz für den Tagesspiegel behauptete, jenseits der Sprache sei schlicht keine deutsche Kultur auszumachen. Aber wenn es sie gäbe oder gibt - dürfte man sich dann in positiver Weise zu ihr bekennen? Oder kann, wie Dorn es vor allem – da ganz bei den aktuell sich konservativ Gebenden – auf der Linken verortet, sich, wer deutsch ist, nur in der Negation dessen definieren, was das 3. Reich in der deutschen Geschichte bedeutete? Müssen also immer der Holocaust, der 2. Weltkrieg, die Menschheitsverbrechen, die von Deutschen im Namen des Nationalsozialismus begangen wurden, als Fixpunkt allen Deutsch-Seins gelten?

In acht Kapiteln nähert sich Thea Dorn vor allem ausgesprochen belesen und kulturkundig dem Thema und umkreist dabei wesentliche Fragen: Was ist das denn nun, die deutsche Kultur? Gibt es die so umstrittene und oft diffamierte „Leitkultur“? Worin besteht Identität und wie definiert sie sich – oder ist sie in der Postmoderne längst zersplittert und ein Amalgam aus tausendundeiner mir meist von mir zugeschriebenen Eigenheiten und Eigenschaften, die das „Eigentliche“ ersetzen, weil es eine wirklich eigene Identität nicht gibt, nie gab, nie geben wird? Was macht sie aus, die „Heimat“ und wo finde ich sie? Kann Europa uns eine „bessere“ Heimat werden, ein besseres „Wir“ ausmachen, nachdem der Nationalstaat scheinbar abgedankt hat, historisch Hunderter schlimmer Verbrechen zwischen Krieg, Kolonialismus und Fremdenfeindlichkeit überführt? Oder bräuchte es dafür schon ein Weltbürgertum, den aufgeklärten, postmodernen Kosmopoliten, der sein fragmentiertes „Ich“ über die Kontinente jagt, immer auf der Suche nach Selbstverwirklichung? Und schließlich nähert Dorn sich den entscheidenden Fragen nach der deutschen Nation und dem Patriotismus und wie wir mit diesen so belasteten Begriffen umgehen könnten, wie wir uns ihnen frei nähern können und wie es uns gelingen kann, sie positiv zu besetzen, ohne daß wir dabei die Erinnerung oder gar Verantwortung für unsere jüngere Geschichte aufgeben.

Nach den oft im Ton von Dorn gewohnt leicht und durchaus ironisch gehaltenen ersten Abschnitten, geht sie schließlich in die Vollen. Während sich das Kapitel zur deutschen Kultur generell und jenes zur Leitkultur eindeutig auf aktuelle Diskurse beziehen und dabei auch deutliche Abgrenzungen, ja auch rote Linien, eingezogen werden, um die Maximaldistanz zu jenen Populisten zu markieren, die sich des Deutschen gerade so unbedingt bemächtigen und es zu einem Kampf-, Abgrenzungs- und Exklusionsbegriff verdichten wollen, beweist Dorn schließlich ihr weitgefasstes Wissen und ihr tiefgründiges Nachdenken über das, was Deutsch und was Deutschland ist. Sie setzt sich mit den deutschen Sonderwegen kultureller Prägung auseinander, jenem fatal kreierten Gegensatz von „Kultur“ und „Zivilisation“, der einst die Distanz des deutschen Idealismus zur französischen und angelsächsischen Kultur bedeutete und dem noch Thomas Mann zu Beginn des 1. Weltkrieges huldigte, reflektiert die Wahrnehmung der eigenen Kultur im Lauf der Jahrhunderte, findet gültige Abgrenzungen zu anderen Kulturen und Gesellschaften, die unserer doch ähnlich und verwandt sind und weiß dabei immer im Mittel zu bleiben, die radikalen Ränder auf die Plätze zu verweisen, ohne ihnen übermäßig viel Aufmerksamkeit zu widmen.

Mit Kant untersucht sie das „Weltbürgertum“ und stellt sich der Frage, ob die hochabstrakten Entwürfe des Königsbergers mit einer politischen Realität vereinbar sind, in der sie sozusagen einer harten Überprüfung standhalten müssen. Sie stellt sich den unterschiedlichen Entwürfen dessen, was eine „deutsche Identität“ sei und scheut auch nicht davor zurück, in jene Ecke zu gehen, wo es schmuddelig wird, wie bei den „Identitäten“. Und immer weiß sie ihre Überlegungen zu untermauern, ob mit den ebenfalls von einem Weltbürgertum träumenden Weimarer Großdichtern, ob mit etlichen bekannten und durchaus unbekannten Denkern der Aufklärung und des deutschen Idealismus, immer wieder mit Thomas Mann, an dem exemplarisch nicht nur einige der deutschen Besonderheiten in einem kulturellen Europa festzumachen sind – bspw. die Tatsache, daß die Deutschen nie wirklich gut waren, wenn es um Politik ging - , sondern auch die Wandelbarkeit, die Befähigung, eigene Fehler einzusehen und zu begradigen. Mann, der einst „Betrachtungen eines Unpolitischen“ anstellte und schließlich doch so manch wesentliches zur Demokratie und dazu zu sagen hatte, daß das Deutsche nicht neben all den Errungenschaften des Geistes wie der Technik eben auch in der Lage sei, das Schlimme zu gebären, sondern daß das eine zwangsläufig mit dem andern verbunden und es eine der vornehmsten Aufgaben eines Deutschen ist, diese Verbindung fürderhin genau zu beobachten, damit „das“ – und damit sollen umfasst sein die Schrecken des 3. Reiches – nie wieder geschehe. Und dankbar ist man der Autorin, wenn sie zu belegen weiß, daß einige derer, die heutzutage so gern als Zeugen herangezogen werden für die deutsche Sonderrolle – namentlich Wagner oder Nietzsche – entschieden keine Freunde des „eisernen Kanzlers“ Bismarck und seiner „Eisen und Blut“-Politik gewesen sind.

Mit Elias, Arendt oder Popper bis hin zu Zeitgenossen wie Andreas Reckwitz, dessen GESELLSCHAFT DER SINGULARITÄTEN seit einiger Zeit für Furore sorgt, weiß Dorn die Nachkriegsmoderne zu bedenken, die Brüche und Bruchlinien und auch zu erklären, warum es schlicht keine Alternative zu diesem besten, weil in der Demokratie angekommenen Deutschland geben kann. Oder zumindest geben sollte. Man muß als Leser nicht in allem zustimmen, manchmal ärgert man sich sogar. Gerade ihre Analyse, ein „Europa der Regionen“, wie es bspw. ein Robert Menasse einfordert, sei ein Hort neuer Nationalismen und Unruheherde und dabei den aktuellen Konflikt in und um Katalonien heranzieht, weil dieses „Europa der Regionen“ natürlich auch ganz anders denkbar wäre, als sie es hier verstehen will. Auch auf ihr Beharren, daß 1989/90 nichts anderes als der Weg denkbar gewesen sei, den die beiden deutschen Teilstaaten gegangen sind, will man Einspruch erheben – und hält dann doch inne, wenn sie schreibt, daß es selten bis nie zu Gutem geführt habe, wenn die Deutschen meinten, politisch „originell“ werden zu müssen. Und daß sie sich in Ostdeutsche hinein zu versetzen sucht, in deren Gefühlslage, als 2015 plötzlich mit den Flüchtlingen neue „Lieblinge“ im Spiel waren, auf die die Westdeutschen ihre Gutmenschlichkeit hätten projizieren können - das will man ihr momentweise sogar um die Ohren hauen, segelt sie doch verdammt nah an jener Kante, wo eine Gruppe gegen eine andere ausgespielt wird. Und dann ist man doch wieder froh, weil dieser Text an so vielen Stellen so richtig ist, auch so richtig im Ton, daß man sich schon bei unumwundener Bewunderung und Zustimmung ertappt.

Und genau das macht ein Werk wie dieses schließlich zu dem dringend nötigen Beitrag, der es ist – man kann, man muß sich an ihm reiben. In Ermangelung wirklich besserer und wirklich überzeugender Konzepte - und auch da stimmt man ihr schließlich zähneknirschend zu - sollten wir uns also auf die deutsche Nation besinnen, sollten uns eines ausgeprägten Verfassungspatriotismus´ befleißigen und dafür sorgen, daß diese erste wirklich überzeugende Demokratie auf deutschem Boden mit einer Verfassung, die im engeren Sinne keine ist und also als „Grundgesetz“ firmiert, unbedingt erhalten bleibt. Man darf der deutschen Kultur – in einem weiter gefassten, wie in einem engeren, sich wirklich auf Kunst beziehenden Begriff - durchaus huldigen. Man darf und sollte die Errungenschaften geistiger wie technischer Natur, die Deutsche vollbracht haben, bewundern, ja, man kann und darf sogar stolz darauf sein. Allerdings sollte man auch die Mühsal auf sich nehmen, sich wirklich damit auseinander zu setzen und Goethe, Schiller, Kleist, Bach, Beethoven oder Kant und Hegel nicht nur dann im Munde zu führen, wenn man sie gerade braucht, um das eigene Deutschsein zu verklären. Man sollte sein Erbe kennen, dann versteht man auch, wie wesentlich es zur europäischen Kulturgeschichte beigetragen hat. Aber man muß es eben auch kennen, um die Verwerfungen und Irrwege zu verstehen, die der deutsche Nationalismus, der mit Fichte und anderen einmal als Ausweg aus einer Viel- und Kleinstaaterei hin zu einem liberalen und freiheitlichen Deutschland begonnen hatte, warum die deutsche Gesellschaft als Ganzes, nahmen und wieso dies dann in die Vernichtungslager von Auschwitz, Treblinka oder Sobibor führte. Man stimmt der Autorin, die Gegensätze wie links oder rechts lange hinter sich gelassen zu haben scheint und sich auf ausgewiesene Liberale wie Ralf Dahrendorf ebenso beruft, wie auf einen Dolf Sternberger, einen Sozialisten wie Tucholsky, sich bei Robert Habeck wiederfindet und Kant verehrt, die die Romantik liebt und den Idealismus versteht und sich nicht scheut, durchaus wertkonservative Positionen zu beziehen, darin zu, daß in deutschen Schulen doch vielleicht immer noch eher ILIAS und ODYSSEE gelesen werden sollten, als Wolfgang Herrndorfs TSCHICK, schlicht deshalb, weil die ganze Schönheit des letzteren ohne die Kenntnisse der ersteren nicht zu erfassen sind.

Und ja, Thea Dorn hat auch recht, wenn sie verdeutlicht, daß die, die hier hin kommen, sehr wohl auch eine Aufgabe haben: Sich hier einem aufgeklärten, modernen, emanzipierten, freiheitlich-liberalen Begriff von Demokratie unterzuordnen. Daß es bei allen Schwierigkeiten, die sie mit sich bringt, gilt, diese Sprache zu lernen und daß man zwar keine Schuld zu empfinden hat, auch keine Scham für von nicht vorhandenen Vorvätern begangene Schuld, daß man aber eben auch das oben beschriebene Erbe eines modernen Deutschland und seiner jüngsten Geschichte mitzutragen hat. Sie hat recht, wenn sie uns nahelegt, gerade das als unsere Stärke zu begreifen, was uns oft so schwach vorkommt: Den Zweifel, das Sich-Hinterfragen, das Abwägen und Zaudern, die Skepsis. Man stimmt ihr zu, daß „Europa“, will es wirklich einmal zu einer denkbaren Alternative zum Nationalstaat werden, noch einen weiten Weg vor sich hat und ganz andere Angebote machen muß, als Zollunion, offene (Wirtschafts)Grenzen und eine einheitliche Währung. Sträflich vernachlässigt wurde in den 80er und 90er Jahren das kulturelle Zusammenwachsen – auch, indem man die kulturellen Unterschiede herauszustellen verstanden hätte – und ebenso ein Verständnis dafür, was das eigentlich sein kann und soll, ein modernes Europa mit seiner spezifischen Geschichte?

So bleibt – Vieles wird hier ausgelassen, um zu einem Ende zu kommen – schließlich nur anzumerken, daß ein Apparat, ein Register oder Appendix dem Werk gut getan hätten, damit man noch einmal, gebündelt, die Möglichkeit hätte, all die gelehrten Werke, derer sich Thea Dorn hier bedient, selber zu konsultieren, ohne sich gerade die abseitigeren aus dem Fließtext zusammen suchen zu müssen. Dieser Text wirkt auch deshalb, weil er – vielleicht das höchste Lob, das auszusprechen möglich ist – unglaubliche Lust macht, sich wieder, erneut, in die deutsche Geistesgeschichte einzulesen. Es sollte - das nun sei ohne Zwinkern angemerkt – darüber nachgedacht werden, ob man jene 60 Seiten, die das 7. Kapitel umfasst (und vielleicht auch noch das 8. Kapitel hinzunehmend) nicht genau so, ungekürzt, zu einer Pflichtlektüre in jeder deutschen Schule machen sollte. So sollte sie dargestellt werden, die deutsche Geschichte: Als Kulturgeschichte, als eine Geistesgeschichte, die unglaubliche Gedanken, geistige Leistungen, aber manchmal eben auch unglaublich gefährliche Überlegungen hervorgebracht hat. Diese einzuordnen und aus ihrer Zeit heraus zu erklären, gelingt Thea Dorn meisterlich. In diesen Kapiteln kommt dieses Buch zu sich selbst und wird zu einem Schlüsseltext der momentanen Diskussionen und weist doch weit darüber hinaus.
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225 reviews35 followers
October 1, 2022
Einer klugen Europäerin ebenso anspruchsvoller wie unterhaltsamer Parforceritt durch die Mentalitäts- und Kulturgeschichte Deutschlands – zivil-aufgeklärter, humanistischer Kultur- und Verfassungspatriotismus at its unbedenklich best.
Profile Image for Wandaviolett.
471 reviews66 followers
October 13, 2021
Kurzmeinung: Gehört in jeden Bücherschrank.
Wie gut, dass wir noch echte "Gelehrte" unter uns haben.

Gescheit und eloquent führt Thea Dorn durch die Geschichte Deutschlands. Wie ist es entstanden? Woher kommt der Nationalgedanke? Schon von Anfang an, da gab es Deutschland in unserer heutigen Form noch gar nicht, haben sich Dichter und Denker mit dem Thema „Deutschland/Deutschtum“ auseinandergesetzt. Und von Anfang an auch das: kontrovers.

Kommentar und Inhalt:
In "deutsch, nicht dumpf" wird zitiert und zitiert. Dabei werden die zitierten Texte von Philosophen und Politikern, von Literaten und Historikern klug in Szene gesetzt. Ich bin froh, dass ich die vielen Soziologen und Philosophen und Dichter nicht selber lesen muss. Diesen unterbreiteten Zitatereichtum empfinde ich als bereichernd.

Mit allen möglichen Themen setzt sich die Autorin für sich und uns auseinander und seziert sie für uns. Vom Gesangsverein über die Kriegsdienstverweigerer und Bausoldaten geht es, vom Turnvater Jahn bis zur Waldessehnsucht, der Naturverbundenheit, der Heimat, mit Thomas Mann, Nietzsche und Adorno wird man bezitatet - man möchte meinen, kunterbunt, aber Thea Dorn hat ein System!

Thea Dorn erläutert politische Gruppierungen und deren Absichten/Anliegen, betrachtet sie kritisch, endlich habe ich verstanden, was es mit den Identitären auf sich hat, sie befasst sich mit der Leitkultur, der Verfassungstreue, was ist Kultur überhaupt, mit dem Europagedanken und mit dem Weltbürgertum und das ist längst nicht alles. Darf man Deutschland lieben, ist es ein Einwanderungsland, und was bedeutet das, darf man Grenzen als eine Grenze begreifen? Spannend ist es, Thea Dorns Gedanken zu folgen. Dabei wird es auch manchmal ganz unaufdringlich privat. Und das Ganze ist verständlich! Mühsam, klar, es handelt sich bei der Lektüre von deutsch, nicht dumpf um ein Sachbuch, nicht um einen Roman, mühsam, aber pädagogisch aufbereitet. Ich mag es am liebsten, wenn sie zwei oder mehrere konträre Standpunkte einander gegenüberstellt.

Thea Dorn liebt ihr Land. Sie zeigt, dass deutsch sein, nicht dumpf sein bedeutet. Dafür ist sie selbst das beste Beispiel. Und dass Deutschland lieben auch bedeutet, in seiner Geschichte zuhause zu sein. Dazu gehört der Holocaust, aber auch die Weimarer Verfassung, die 1848er Revolution, etc. etc. Geschichtsvergessenheit führt zu dumpfer Ablehnung.

In ihrem Sachbuch plädiert Thea Dorn zunehmend dafür, dass komplexe Sachverhalte auch komplex vermittelt werden müssen und dass die Leserschaft sich gefälligst anzustrengen habe, mehrzeilige Sätze zu verstehen und ihre Aufmerksamkeitsspanne zu verlängern, wenn sie kompetent mitreden will. Biertisch kann jeder. Aber was dabei heraus kommt, will keiner!

Auch die Medien müssten sich wieder trauen, dem Zuhörer etwas abzuverlangen. Denn von FunNews zu FakeNews sei es ein verdammt kurzer Schritt. Ganz meine Meinung. In einer einstündigen (Schein)Debatte, in der die Geladenen ihre vorgefertigen Politphrasen herunterbeten, kann nichts Gravierendes oder Bedeutendes vermittelt werden, zumal Talkmeister, wie zum Beispiel Markus Lanz (aber auch andere) ihre Gäste immer dann unterbrechen, wenn es ausnahmsweise einmal kontrovers oder spannend zu werden verspräche oder ein Gast es wagt, fünf Minuten Redezeit im Zusammenhang für sich zu beanspruchen. Dagegen wird der Manipulation viel Raum gegeben.

Fazit: Kurzweilig.
Deutsch, nicht dumpf ist ein Sachbuch, das man eigentlich nicht nur gelesen haben sollte, sondern im Bücherschrank stehen haben muss, um in der einen oder anderen Debatte, die man selber führt, einige Argumentationslinien nachlesen zu können. /Ich habe mir das Buch nach dem Hören, ausgeliehen aus der Bibo, als Hardcover gekauft. Eine bessere Leseempfehlung gibt es nicht.

Kategorie: Sachbuch
Verlag: Der Hörverlag
Oder: Albrecht Knaus Verlag, 2018

Profile Image for Liedzeit Liedzeit.
Author 1 book111 followers
January 12, 2020
Ein Leitfaden für aufgekärte Patrioten, verspricht der Untertitel. Ah, kann man denn zugleich aufgeklärt und Patriot sein? Soll sich der Leser fragen. Tut er nur nicht, denn für jeden, der das Buch in die Hand nimmt, ist die Antwort selbstverständlich ja. Herr Gauland könnte theoretisch etwas lernen, würde er aber auch dann nicht, wenn er es läse.

Und das ist das Problem an solchen Büchern. Sie predigen den bereits Konvertierten. Dorn steht weder rechts noch links, sondern schön in der Mitte, dort wo jeder steht, der sich ein wenig mit Geschichte und Kant beschäftigt hat. Tatsächlich ist selbst das nicht nötig, ein wenig gesunder Menschenverstand reicht auch. Und der lässt sich leider mit einem Buch auch nicht erzeugen.

Also sind wir ein wenig konservativ, was Bildung betrifft, also im Zweifel der Odysseus-Homer und nicht der Simpsons-Homer, patriotisch (oder wenigsten "verfassungspatriotisch") aber gleichzeitig aufgeschlossen etc. Und "gut gemachte internationale Serien" sehen wir uns auch an. Und Country-Musik hören wir auch, obwohl wir natürlich eigenlich Opernfans sind. Usw., usw. Alles doch sehr absehbar.
Nicht falsch, nicht dumm, nur langweilig.

Der Leser, also ich, fühlt sich bestätigt, manchmal wird beinahe Vergessenes wiederbelebt. (Wie war das noch mal damals mit Nolte und Habermas?) Man ist ja schon froh, wenn man mit einer Kleinigkeit nicht übereinstimmen kann. Die blühenden ostdeutschen Städte seien kein Anlass für westdeutschen Neid, sondern für gesamtdeutsche Freude? Nein, Frau Dorn, weder Neid noch Freude, sonder Zorn, oder sagen wir: Zerknirrschtheit. Oder dies: Das moderne China vereinige das Schlimmste von Kommunismus und Kapitalismus? Das schlimmste an Stalin und Mao war, Millionen Menschen absichtlich verhungern zu lassen. Meiner Meinung nach. Und das tut das moderne China nicht

"Je oberflächlicher, je leerer die Ichs werden, desto mehr scheinen sie vergötzt werden zu wollen."(327) Wer wollte widersprechen? Aber, wie gesagt, die nächste große Kontroverse wird dadurch auch nicht losgetreten.

Ein Wort zum Stil. Der letzte, der es geschafft hat, den Leser direkt anzusprechen, ohne dumm und schnoddrig zu wirken, war Erich Kästner. Und wenn man "gewiss" und "gleichwohl" liebt, dann sollte man auch "nichtsdestominder" sagen und nicht das Wort verwenden, das sich auf "Rotz" reimt.
Profile Image for Ulrike Bungert.
1,293 reviews11 followers
November 6, 2023
Ich hätte es "deutsch UND dumpf" genannt. Konservativ. Also wir sind ja keine Nazis, aber schon klar, dass die Leute Angst haben, wenn so viele Ausländer kommen. Also und klar, wir sind für Gleichberechtigung, aber man muss ja nicht gleich die Sprache verändern.... jaja, und man muss sie auch schon verstehen, die AfD Trolls, und so weiter. Alles in Allem: Kleinstadt-Omis in der Umkleide bei Galeria Kaufhof belauschen dürfte ähnliche Erkenntnisse bringen. Thx.
8 reviews
September 18, 2018
CDU in intelligent. Ihre Vorschläge zur Staatsräson ggü. Israel sowie, dass unsere demokratischen Werte militärisch verteidigt werden dürfen müssen, sind dumpf-reaktionär und daher fröhlich abzulehnen.
Profile Image for Martin.
74 reviews
November 15, 2020
Patriotismus und Nationalbewusstsein wunderbar neu beleuchtet. Die Zusammenhänge Kultur, Zivilisation und Geschichts (bewusstsein) ausgesprochen bereichernd dargestellt------ allerdings: nichts für Dumpfe....
Profile Image for Leonie Junge.
4 reviews
June 14, 2024
Interessanter Ansatz, aber musste aufhören als sie konsequent HoBITs statt LGBTQIA* benutzt hat.
Displaying 1 - 10 of 10 reviews

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