Lütz bietet hier einen gut zugänglichen Überblick über die Fehlinformationen, Mythen und "fake news", die sich im Laufe von 2000 Jahren Kirchengeschichte angesammelt haben. Dabei legt er den Schwerpunkt auf die katholische Kirche, was, wie er erklärt, daran liege, dass diese eine bis zum Beginn des Christentums zurückreichende Tradition anerkenne und verantworte, während sich etwa die protestantischen Kirchen oder auch die Ostkirche erst im Laufe der späteren Geshichte von jener abgespalten und ihre eigene Identitäten ge- und erfunden haben.
Selbst historisch interessierte Leser, denen einige der Hauptpunkte wie die Geschichte der Kreuzzüge, die Rolle der Inquisition oder die eigentlichen Zusammenhänge der Hexenverfolgungen bereits bekannt sind, erfahren durchaus interessante Details und Forschungsergebnisse.
Gerade die Epoche ab dem späten Mittelalter mit den Kreuzzügen, Glaubenskriegen und der Auseinandersetzung mit einer säkularisierten Gesellschaft werden hier sehr überzeugend und erschöpfend abgehandelt. Der Beginn des Buches hinterlässt jedoch stellenweise ein Gefühl der fehlenden Tiefe, auch wenn es gerade hierzu in den letzten Jahrzehnten viel neuere Forschung gab.
Meine eigentliche Kritik bezieht sich jedoch darauf, dass Lütz stellenweise nur unzureichend zwischen Religion, Konfession und Kirche unterscheidet und der Leser bzw. in meinem Fall der Hörer, sich selbst zusammenreimen muss, in welche Richtung seine Argumentation zielt: eine Entlastung der christlichen Idee, der Kirche als politischem und sozialem Akteur oder der katholischen bzw. protestantischen, orthodoxen oder sonstwie gearteten Dogmen?
Ohnehin ist dieses Buch vielleicht kein ideales Hörbuchprojekt. Die vielen Verweise, Zitate und Fußnoten, denen man beim Lesen mit aller Ruhe nachgehen könnte, gehen beim Hören größtenteils unter. Außerdem merkt man Lutz an, dass er sich beim Einlesen seines eigenen Buches übernommen hat. Seiner eigentlich angenehmen Konversationsstimme hört man die ungewohnte Anstrengung an, an eigenen Stellen bricht sie sich. Auch nimmt er bisweilen einen etwas unangenehmen dozierenden Ton an statt, wie bei einem guten Erzähler, fast im Hintergrund zu verschwimmen. Insgesamt wird das Hörerlebnis dadurch beeinträchtigt.
Dennoch bietet sich dieses Buch für all jene an, die aufgeschlossen an das Thema herantreten und sich der unfreiwillig übernommenen Vorurteile und Fehlschlüsse entledigen wollen. Für jene, die allen Argumenten gegenüber verschlossen sind, ist dieses Buch natürlich ein Fehlgriff.