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Mit der Faust in die Welt schlagen

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Philipp und Tobias wachsen in der Provinz Sachsens auf. Im Sommer flirrt hier die Luft über den Betonplatten, im Winter bricht der Frost die Straßen auf. Der Hausbau der Eltern scheint der Aufbruch in ein neues Leben zu sein. Doch hinter den Bäumen liegen vergessen die industriellen Hinterlassenschaften der DDR, schimmert die Oberfläche der Tagebauseen, hinter der Gleichförmigkeit des Alltags schwelt die Angst vor dem Verlust der Heimat. Die Perspektivlosigkeit wird für Philipp und Tobias immer bedrohlicher. Als es zu Aufmärschen in Dresden kommt und auch ihr Heimatort Flüchtlinge aufnehmen soll, eskaliert die Situation. Während sich der eine Bruder in sich selbst zurückzieht, sucht der andere ein Ventil für seine Wut. Und findet es.

319 pages, Hardcover

First published September 7, 2018

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Lukas Rietzschel

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Displaying 1 - 30 of 70 reviews
Profile Image for Meike.
Author 1 book5,021 followers
September 11, 2018
Jajaja, nach Chemnitz wird das Debüt des 24-jährigen Lukas Rietzschel überall als das Buch der Stunde abgefeiert, und was soll ich sagen: Auch ich hab mir umgehend ein Vorab-Exemplar über Netgalley besorgt, nachdem ich die Rezension in der Zeit gelesen hab (https://www.zeit.de/2018/37/mit-der-f...). Aber eines will ich gleich einmal festhalten: Viel zu wenige fiktionale Texte beschäftigen sich derzeit mit der aktuellen Lage in Deutschland - wer das nicht glaubt, dem sei ein Blick auf die diesjährige Longlist zum Deutschen Buchpreis empfohlen. Während die alte Garde also die Vergangenheit analysiert - fraglos auch wichtig, aber dann vielleicht doch nicht die einzige Aufgabe gesellschaftskritischer Literatur -, geht Rietzschel mit seinen Mitte 20 die schwierigere Herausforderung an und versucht, die Gegenwart einzuordnen, deren Ausgang naturgemäß noch offen ist. Wo sind eigentlich die anderen politischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die jetzt gefragt wären?

Es ist auch wahr, dass dieses Buch kein Als wir träumten ist - Clemens Meyers (geb. 1977 in Halle) poetischer Abgesang auf die DDR bleibt unerreicht. Rietzschels Protagonisten haben dann auch, wie der Autor selbst (geb. 1994 in Räckelwitz/Sachsen), die Wende nicht erlebt, doch sie erfahren ihre Auswirkungen durch das Schicksal ihrer Eltern und Familien sowie in der Manifestation dieser untergegangenen Welt in Form von Industrieruinen und Brachen. Für Probleme wie Landflucht und Perspektivlosigkeit braucht es Sündenböcke, und was als halbstarker Spaß an der Provokation beginnt, wird bald zum blutigen Ernst. Gut herausgearbeitet ist auch das Gefühl der Entfremdung von Weltereignissen - 9/11, Kriege, Wahlen, all das wird zu reinen Chiffren, zu Ereignissen, die die Protagonisten nicht verstehen, die aber zum Katalysator der Wut werden.

Mein Hauptproblem mit dem Buch war jedoch, dass ich das spezifisch Ostdeutsche an vielen Dynamiken nicht nachvollziehen konnte (spoiler alert: ich bin ein Wessi): Industriebrachen und Perspektivlosigkeit gibt es auch im Westen, genauso zerbrechende Familien, Stammtisch-Parolen und desillusionierte Jugendliche (einfach mal in den Pott fahren). Ohne Zweifel ist die Situation im Osten dennoch eine andere, gerade durch den Einfluss, den die Wende auf viele Biografien dort hatte, und die Wunden der Vergangenheit. Rietzschel nennt einige Anhaltspunkte - ein Stasi-Verdacht, Umschulungen nach der Wende, das Abwandern hochqualifizierter Frauen in den Westen-, aber die ostdeutschen Besonderheiten waren für mich nicht ausreichend herausgearbeitet - warum ist der Hass im Osten offenbar so viel größer als im Westen? (Mir geht es nicht um eine Entschuldigung für das, was Nazis - egal wo - treiben, denn die gibt es nicht, mir geht es um die Beschreibung der Hintergründe.)

Dennoch halte ich das Buch für sehr lesenswert und finde es großartig, dass Lukas Rietzschel dieses Thema angegangen hat. Ich bin gespannt, was er als nächstes schreibt!
Profile Image for Gavin Armour.
614 reviews129 followers
March 19, 2019
Der 1994 geborene Lukas Rietzschel berichtet in seinem Debut-Roman MIT DER FAUST IN DIE WELT SCHLAGEN vom Erwachsenwerden in der deutschen Provinz unter den besonderen Bedingungen der Nachwendezeit. Das wäre die einfachste Zusammenfassung für diesen im Herbst 2018 erschienenen und in allen Feuilletons hoch gelobten Roman. Der Leser nähert sich dem Werk also mit klaren Vorstellungen: Vielleicht erklärt hier mal einer, wieso es gerade in Sachsen vermehrt zu rechtslastigen bis rechtsradikalen Entwicklungen kam, wieso dort eine menschenfeindliche Ideologie bis weit in die Zivilgesellschaft verankert und somit gedeckt scheint. Denn nicht zuletzt unter dieser Prämisse wurde Rietzschels Werk rezipiert.

316 Seiten später steht man ein wenig ratlos vor dem Ergebnis der Lektüre. Hat man zu viel erwartet? Hat man es sich vielleicht gar zu einfach gemacht? Antworten auf die Frage, warum nun ausgerechnet in Sachsen passiert, was dort passiert, findet man hier nämlich gerade nicht. Rietzschel erzählt, durchaus gekonnt, von den Irrungen und Wirrungen der Pubertät. Davon, wie Langeweile, Gruppendruck und sicherlich auch die Spezifika einer ostdeutschen Jugend in den späteren Nachwendejahren – der Roman spielt zwischen den Jahren 2000 und 2015, also keineswegs, wie gelegentlich dargestellt, in den 90er Jahren – zu Radikalisierung einerseits, Abstumpfung andererseits führen. Protagonisten sind die Brüder Tobi und der etwas ältere Philipp, die in Neschwitz, im Dreieck zwischen Dresden, Hoyerswerda und Bautzen gelegen, in den 00er und 10er-Jahren des neuen Jahrtausends aufwachsen. Rietzschel hält – auch das gekonnt – weitestgehend die Perspektive der Jungs ein, was ihm die Möglichkeit gibt, manches, was diesen widerfährt, was sie beobachten, was sie erleben, unkommentiert stehen zu lassen. Oft rein deskriptiv erlebt der Leser die Entfremdung der Eltern, oft ohne Erklärung, man muß sich die fehlenden Stücke selbst erarbeiten, die Lücken füllen, die die Erzählung lässt. Auch vom Rechtsruck an der Schule, dem Auftauchen verbotener Symbole, Übergriffen auf Ausländer, die als „Streiche“ deklariert werden, berichtet Rietzschel mit eher distanziertem Blick. Er urteilt nicht über seine Figuren, noch verdammt er sie, allerdings beschönigt er auch nichts. Manches bleibt, wie gesagt, im Verborgenen oder wird nur angedeutet, in einem Nebensatz vielleicht, und muß vom Leser eigenständig beigefügt werden – bspw. der Verlust jener, die gehen, allein oder mit der Familie. Vieles bleibt vage, manches wird zwar detailliert geschildert und doch unverständlich, weil eben aus der Perspektive von 13- oder 14jährigen erzählt, denen die Erwachsenen nicht alles mitteilen, da sie die Kinder vor allzu viel Wirklichkeit zu schützen versuchen.

Was in den frühen Jahren, geschildert im ersten Teil, in den Jahren 2000 bis 2004 geschieht, scheint noch hoffnungsvoll: Die Eltern bauen ein Haus, die Freunde der Familie ziehen gleich nebenan ein, der Vater hat Arbeit, es scheint nach den schweren Jahren der direkten Nachwendezeit voran zu gehen. Doch auch hier schleicht sich die Vergangenheit – wenn auch nur in Andeutungen – ein, wenn bspw. Uwe, ein Bekannter von Tobis und Philipps Vater, der beim Hausbau hilft, Selbstmord begeht, vordergründig, weil die Frau weg ist, doch wird immer wieder geraunt, dieser Uwe sei eben auch bei der Stasi gewesen und habe ein Paria-Leben geführt. Berühren tut dies das Leben der Jungs allerdings nur marginal. Im zweiten Teil, der die Jahre 2004 bis 2006 umfasst, werden die Entwicklungen konkreter. Hier, so scheint es, kommt Rietzschel auch zu sich selbst, zum Kern dessen, was er erzählen will, hier wird die Beschreibung pubertärer Entwicklung genauer und treffender. Unsicherheit, Verlustangst, erste Rebellion und Bewunderung jener älteren Jungs, die sich „was trauen“ – das ist schon stimmig und in sich konsequent. Wie es kommen kann, daß man sich plötzlich in Gesellschaft von Leuten wiederfindet, die vielleicht gefährlichen EInfluß auf jugendliche Köpfe haben, wie Parolen genutzt werden, um sich als möglichst hart und abgefeimt zu präsentieren, all das erfasst der Autor treffend. Daß dabei oft nachgeplappert wird, was man am Stammtisch des Vaters oder am Abendbrottisch daheim aufgeschnappt hat, daß Ideologie im engeren Sinne im Grunde (noch) keine Rolle spielt – auch dies wird deutlich. Doch dann macht Rietzschel einen Zeitsprung von nahezu sieben Jahren und fährt im dritten Teil ab dem Jahr 2013 fort. Plötzlich haben sich die Rollen des eher unsicheren Tobi und des sich abgehoben gebenden Philipp nahezu verkehrt. Der jüngere hat die Freunde des älteren übernommen, der ältere hat sich mittlerweile zurückgezogen. Und auf einmal sind die Parolen nicht nur Dahergeredetes, sondern ernst gemeint. Todernst.

Psychologisch nachvollziehbar ist das dann allerdings nicht mehr. Zu plötzlich die Wandlungen der Brüder, zu sehr verlässt sich der Autor scheinbar darauf, daß seine Leser „schon wissen“. Die Lücken, die der Text hier bewußt lässt, sind denn doch zu groß. Wir müssen sie mit unserem Zeitungs- und Magazinwissen füllen, wodurch der Autor die Hoheit über seinen Text nicht nur in gewohntem Maße verliert, sondern ihn geradezu hergibt für Interpretation und Pfropfungen. Aber vielleicht wollte Rietzschel eben auch gar nicht erklären, sondern lediglich aufzeigen. Mag sein. Sein Stil – meist kurze Sätze, wenig Einschübe, deskriptiv und eben distanziert – legt die Annahme nahe. Ob das die Wirkung zeitigt, die möglicherweise erzielt werden sollte, sei einmal dahin gestellt. Allerdings kommen dem Leser die Parolen über Ausländer, linke Zecken und darüber, daß „früher auch nicht alles schlechter war“ dann einerseits so bekannt vor, daß sie keinen literarischen Mehrwert erzeugen, andererseits beschleicht einen aber auch das Gefühl, daß hier letztlich auch nur einer nachplappert. Muß man sich, wie Tobi, zwangsläufig einer Bewegung wie „Pegida“ anschließen? Und bleibt als Alternative wirklich nur die Resignation, der Rückzug in das eigene Innere, wie es bei Philipp eher angedeutet denn auserzählt wird? Findet nicht sogar eine gewisse Apologie statt, wenn der Roman kaum andere Möglichkeiten aufzeigt, allerhöchstens jene des Entkommens, indem man die Gegend verlässt?

Das ist nicht zwingend und erlaubt auch keine Rückschlüsse auf ostdeutsche oder besondere sächsische Befindlichkeiten. Was Rietzschel erzählt, ist eben die Jugend zweier Brüder in Deutschland. Hätte dies nicht genauso auch in Mannheim, Köln, Gelsenkirchen oder Hamburg geschehen können? Doch, hätte es. Vielleicht ist das der eigentliche – ungewollte? – Verdienst des Buches: Aufzuzeigen, daß es, wenn man fünf Jahre nach der Wende geboren wurde, durchaus eine gesamtdeutsche Jugend gegeben haben kann, daß sich Entwicklungen in den ehemals neuen Bundesländern nicht allzu sehr von denen in den ehemals alten Bundesländern unterscheiden müssen. Ehekrach und Auszug eines Elternteils, Verlust des Arbeitsplatzes und die damit einhergehende Unsicherheit, das Andocken an Gruppen, die mit ihrem Auftreten und Gebaren Sicherheit und Stärke versprechen – all diese Merkmale weisen viele Jugenden in den unterschiedlichsten deutschen Gegenden, Städten, Provinzen auf. Sicherlich kommt in Sachsen eine spezifische Vergangenheit hinzu, die zu spezifischen Perspektiven führen kann, aber auch dies ist letztlich exemplarisch, denn ob am Niederrhein, in der bayrischen Provinz oder irgendwo in der Lüneburger Heide wird es ebenfalls eigene, spezifische Bedingungen geben, die zu eigenen, spezifischen Entwicklungen führen.

Lukas Rietzschel hat ein meist kluges Buch über die Pubertät geschrieben, darüber, wie verführbar man ist, wie leicht man falschen Annahmen aufsitzt, wie man sich blenden und einlullen lässt von denen, die großspurig und überzeugt genug auftreten. Er gibt Hinweise darauf, wieso dies in Ostdeutschland unter besonderen Bedingungen zu besonderen Entwicklungen führen kann, doch sollte man in einem Buch wie MIT DER FAUST IN DIE WELT SCHLAGEN keine Antworten auf drängende Fragen der Zeit suchen. Da bleibt ein Werk wie Peter Richters 89/90 immer noch wesentlicher, genauer und auch tiefgreifender. Rietzschel beweist, daß wir mittlerweile auf einer bestimmten Ebene eben doch auch eine gewisse Annäherung vollzogen haben und daß sich einiges mittlerweile auch ähnelt. Im Grunde ist das ein eher beruhigender Befund.
510 reviews16 followers
September 28, 2018
Komplette Entmutigung

Philipp und sein jüngerer Bruder Tobias wachsen in Sachsen auf, in Neschwitz in der Nähe von Dresden. Das Buch begleitet sie vom Vorschulalter bis sie junge Erwachsene sind, von „9/11“ bis zum Einmarsch Russlands auf der Krim.

Das wäre die Inhaltsangabe zum Buch… was der Klappentext auf der linken inneren Klappe verheißt, mag ich nicht wiederfinden, denn nach Dresden geht es nur zu einem völlig friedlichen Fußballspiel. Ja, ohne Zweifel wird hier beschrieben, wie die Jungs sich in ziemlich nationalistischer Gesellschaft bewegen. Es wird aber mir nicht klar, wie es dazu kommt, DAS wäre interessant. Ich vermag nicht zu sagen „sie rutschen dahin ab“, wie könnte ich, wenn sie im Haushalt mit einem Vater aufwachsen, der lamentiert über „Polacken-LKW“, „unsere bescheuerten Straßen“, wenn das Umfeld die Sorben diskriminiert und in der Schule viele meinen, die USA hätten 9/11 verdient. Meine Güte, die Eltern haben Arbeit! Die Jungs haben ihre Ausbildungen!

Zur Verortung, weil ich an der Stelle die Unterstellungen kenne: Ich bin Wessi. Mein Mann ist Ossi. Wir leben „im Westen“ – NEIN, wir leben in Hessen. Leute, das ist wirklich mehr als nur ein paar Jahre her mit dem Ende der DDR und mit einem gemeinsamen Land und ich höre immer noch diesen Müll, von wegen abgehängt. Ich komme ursprünglich aus einer Kleinstadt im (West-)Norden, inzwischen ohne Bahnhof, ohne Kino, 10 km bis zur Autobahn, 35 km bis zur nächsten größeren Stadt, keine Fachärzte, die meisten pendeln, abends ist wenig los, viele Wohnungen stehen leer. „Früher“, in den 80ern, war das auch dort noch anders. Ja, in den 80ern hatten die Menschen, Ost WIE West, Anstellungen meistens auf Lebenszeit und das hat sich geändert, sie lebten mehrheitlich dort, wo sie arbeiteten, die Schulen waren sauberer - alles gut und schön („früher gab's 'nen Kaiser“ sagte dazu meine Oma, früher).

Im Buch bekomme ich die deprimierende Atmosphäre, aber keine Erklärung für die Entwicklung der Protagonisten – zum Phänomen der Hooligans konnte „Hool“ von Winkler mir das noch bieten, für mich völlig überraschend. Hier kann ich einfach nur passiv mit dabei sein, so passiv, wie ich die Brüder empfinde. Es heißt im Klappentext, der eine Bruder kann sich zurückziehen. Welcher das sein wird, scheint fast willkürlich, denn dabei bei den wirren Treffen waren beide irgendwann. Vielleicht ist das der Sinn des Buches: es passiert einfach? Überhaupt, wirre Treffen: rechte oder linke Extremisten als wirre Säufer dazustellen, finde ich reichlich harmlos für eine teils erschreckend gut organisierte Szene.

Das reicht mir nicht. Dazu kommt der Schreibstil, der mit den etwas seltsamen Sätzen, oft ohne Verb, dafür Aufzählungen: „Die Musik wurde lauter mit jedem Schritt, den die Vierergruppe dem Feuer näher kam. Der Platz kreisrund. In der Mitte das Feuer. Der hintere Teil durch Bauzäune abgesperrt, wo der Steinbruch angrenzte.“ S. 70 Dazu gibt es zeitliche Sprünge, auf einer Seite ist jemand noch ein Kumpel, auf der nächsten Meth-süchtig, dem ist oft schwer zu folgen, es wirkt künstlich.

Das Buch ließ sich fix lesen, deprimierte mich aber über alle Maße und strengte mich mit seinem Stil noch dazu an. Es rüttelt nicht auf, es bietet weder Ausblick noch Erklärungen. Es nervt mich einfach. Und das Schlimme: ich kenne ausreichend „Wessis“, für die die beschriebene Einstellung im Buch genau mit ihrem „Ost-Klischee“ zusammenpasst, während sie über die gleichen Dinge jammern. Ja, zur Zeit steht Chemnitz im Fokus. Aber es geht ähnliches um in Kandel und das ist nicht im Osten. DAS sollte noch mehr Angst machen.

2 Sterne.
Profile Image for Erik Jänecke.
18 reviews12 followers
August 13, 2024
Ich schreibe ungern Rezensionen. Zum Einen, weil über viele Bücher alles schon gesagt wurde und vor allem, weil ich mich schriftlich nicht gern ausdrücke. Hier mache ich eine Ausnahme, da ich mich aus eigener Befangenheit heraus fast schon verpflichtet fühle, einen Standpunkt zu diesem Roman einzunehmen.

Autor: Lukas Rietzschel, geboren 1994 und aufgewachsen nach der Wende in der Ostsächsischen Provinz.
Ich - Baujahr 93 in Sachsen-Anhalts Provinz der Nachwendezeit.

Die Chancen standen für mich also gut ,aus diesem Buch emotional etwas mitzunehmen und mich in Rietzschel's Aufarbeitung des eigenen Heranwachsens wiederzuentdecken. Dies gelang leider nur selten.

Zu der Story an sich möchte ich gar keine Wörter verlieren, die ist nämlich fast nicht vorhanden, dafür aber vorhersehbar. Rietzschel nimmt sich mehr Zeit für Beschreibungen von fliegenden Plastetüten und Schotterknirschen als für die tatsächliche Handlung. Sprachlich sehr dürftig, viele Halbsätze und hanebüchene Dialoge.

Die aufgegriffenen Themen wie Perspektivlosigkeit, Wegfall der Industrie, Unsicherheit und Neuerfindung der Eltern, Arbeitslosigkeit und Drogenkonsum werden immer wieder nur kurz angekratzt. Es wird sich kaum Zeit genommen , Gefühlswelten und Lebensrealitäten zu erklären bzw. Einzelschicksale zu erzählen. Ausnahmslos jede Person in dem Roman wirkt abgestumpft, wortkarg und ist allgemein negativ behaftet.
Da wühl ich mich einfach nicht abgeholt, weil ich aus eigener Erfahrung nun einmal besser weiß, dass die Menschen hier so nicht sind und auch nicht waren. Selbst die Nazis, die mein schwarzer Cousin und ich durchaus nah kennenlernen durften, habe ich anders in Erinnerung, aber sicher nicht als willenlose, ziellose Dumpfbacken (Ausnahmen bestätigen die Regel).Hier wird meiner Meinung nach eine Erwartungshaltung bedient, indem man mit der Klischeekeule auf den "Wendeverlierer" drischt. Das ist mir alles zu einfach und einseitig, zu pauschalisierend.
Die Nachwendezeit bot vielen Menschen neuentdeckte Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten. Ich weigere mich zu glauben, dass Sachsen und Sachsen-Anhalts Provinzen sich derart unterscheiden, dass Rietzschel das nicht wahrnehmen konnte und durfte. Natürlich war die Zeit, wie jede Zeit, problembehaftet und die Menschen verunsichert. Aber ihnen in der Gesamtheit Anpassungsschwierigkeiten und Begeisterungsarmut zu unterstellen, finde ich fast schon frech.

Ich bin mir sicher, dass Lukas Rietzschel und ich auf einem Kaltgetränk sehr viele Parallelen in unserem Leben finden würden. Mit dem Buch muss ich aber leider fremdeln.

Profile Image for _Leselust_.
295 reviews38 followers
September 9, 2018
Kurzmeinung:
Gut geschrieben liefert Lukas Rietzschel eine interessante Beschreibung des Lebens in einem sächsischen Dorf. Über das Beschreibende kommt dieser Roman aber leider nicht hinaus und so kann er für mich nicht halten, was der Klappentext verspricht.

Meine Meinung:
Ich hätte dieses Buch so gern mehr gemocht. Der Klappentext klang so vielversprechend, das Thema so interessant. Es hätte das Buch unserer Zeit sein können. Ich habe mir wirklich viel erhofft.
Doch leider hat es für mich nicht das erfüllen können, was ich erwartet habe.

Der Autor beschreibt sehr gut das Leben in einem sächsischen Dorf nach der Wende. Den Alltag einer Familie. Sehr gut werden die Charaktere eingeführt und dargestellt.
Doch dann passiert leider erstmal lange Zeit nichts. Der Roman kommt nicht über das Beschreibende hinaus. Mir fehlte die Handlung, die Spannung, das Analytische.

In der ersten Hälfte des Buches lernt man die Charaktere sehr intensiv kennen und ich habe gehofft, der Autor braucht die Zeit, um komplexe Figuren aufzubauen und dann irgendwann endlich mit dem eigentlichen Plot anzufangen. Aber leider kam da nicht so viel. Irgendwann hat die Handlung dann schon mehr Fahrt aufgenommen, aber mehr als einige gute Szenen gab es nicht. Der Rest verliert sich in Andeutungen. Da hatte ich mir einen differenzierteren, erklärenden Blick erhofft.

Sehr gut zu spüren sind die Tristesse und die Hoffnungslosigkeit, in der die Bewohner des Dorfes stecken. Der Landstrich scheint verloren, vergessen, abgehängt. Schulen werden geschlossen, Jobs gestrichen. Die Perspektivlosigkeit und gerade die Langeweile der Jugend spürt man auf jeder Seite.
Doch der wichtige nächste Schritt kam mir zu Kurz. Der Klappentext spricht von "Bedrohung", von den "Aufmärschen in Dresden" und einer "Eskalation der Situation im Heimatdorf". Erst im dritten Teil des Buches liest man davon überhaupt, und auch dann eher in kurzen Erwähnungen, Andeutungen oder knappen Passagen. Und auch dies wieder eher beschreibend. Kein Blick hinter die Fassaden, keine Verknüpfung der verschiedenen Standpunkte, keine literarische Analyse der Situation.
Vereinzelt tauchen sie aber auf: wirklich starke Sätze, die mich treffen, die mich kalt erwischen. Sie funkeln hervor zwischen den langen Beschreibungen wie Diamanten. Doch von denen habe ich in dem Roman ingesamt leider zu wenig gefunden.

Sehr gut gefallen hat mir die Sprache des Autors. Der Schreibstil ist sehr ruhig, sehr unaufgeregt. Manchmal sehr authentisch und roh, manchmal sehr literarische, fast poetisch.


Fazit:
Ingesamt konnte Mit der Faust in die Welt schlagen von Lukas Rietzschel für mich nicht das halten, was der Klappentext versprochen hat. Aber der Schreibstil des Autors ist toll, die Charaktere werden intensiv dargestellt und um einen Einblick in das Leben in einem Ex-DDR Dorf zu bekommen, ist das Buch ideal. Großer Pluspunkt ist auch die Aktualität der Thematik.
Profile Image for Malte Benkert.
15 reviews
August 21, 2025
Abgeschlossene, runde Erzählung, die ein ganz bestimmtes Gefühl verspricht und vermittelt. Zieht sich aber zwischendurch bisschen
180 reviews10 followers
May 2, 2024
Den Grundgedanken des Buchs fand ich spannend. Wir begleiten zwei Jungen, die in einem Kaff Sachsens aufwachsen, sich unverstanden, abgehängt und orientierungslos fühlen. Zu schnelle Veränderungen, familiäre Situation, Perspektivlosigkeit und das Gefühl des Abgehängtseins führen zur Annäherung rechtspopulistischer Haltungen und Orientierungen. Teilweise schwer auszuhalten, weil man unsere Protagonisten gerne schütteln würde und immer wieder Hoffnung aufkommt, wenn die beiden Jungen ihr Verhalten reflektieren. Die Hoffnung erlischt jedoch immer wieder, wenn der Reflexion keine Veränderung folgt. Es ist ein Auf-und-Ab der Gefühle. Ein Auf-und-Ab ist es auch mit dem Schreibstil. Vielleicht liegt es an der Tatsache, dass es ein Debüt ist, aber der Stil ist ein wildes Gemisch aus halben Sätzen, Aneinanderreihungen und distanzierten Beschreibungen.
Profile Image for Foks.
112 reviews3 followers
October 1, 2023
Mit der Faust in die Welt schlagen wurde 2018 veröffentlicht & könnte genau so jetzt sein oder 1991 um Hoyerswerda spielen.
Gerade auch mit den aktuellen Ereignissen, den ständigen politischen & geschichtlichen Wiederholungen. Erst vorletzte Nacht gab es wieder einen Brandanschlag auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Dresden. Es ist der dritte innerhalb von drei Wochen. Einer von vielen über die medial nicht mehr oder kaum berichtet wird. Über die niemand spricht.

Mit der Faust in die Welt schlagen handelt von zwei Brüdern, die im ländlichen Sachsen aufwachsen. Das Buch ist in 3 große Abschnitte geteilt & handelt insgesamt von 2000-2015. Ein Zeitraum in dem sich viele in der Provinz Sachsens alleingelassen gefühlt haben, seit der Wende.
Zwei Brüder die viele Fragen hatten, an ihre Eltern & Großeltern, über die lieber geschwiegen wurde. Zwei Brüder, die in der Zeit als es in Dresden zu (erneuten) Aufmärchen kommt, sogenannte Wutbürger_innen ihren Aggressionen immer mehr Raum liesen, Pegida entstand & Faschismus weiterhin Salonfähig blieb, jedoch ein anderes wiederkehrendes Level erreichte, lebten.
Es ist ein Portrait Jugendlicher dessen geschichtliche Aufklärung nicht in dem Maße stattgefunden hat, aber vor allem die Auseinandersetzung mit dessen Konsequenzen, wie es hätte sein müssen, verwehrt blieb. Die in einer Zeit erwachsen wurden, in denen viel von Entnazifizierung gesprochen wurde, die jedoch nicht oder kaum im (provinzialischen) Osten stattgefunden hat. Ihr Alltag besteht aus Angst, Unwissenheit & Perspektivenlosigkeit.

Es bleibt die Frage: was hat sich geändert?

Rietschel‘s Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig & auch seine teilweise rassistische Wortwahl gehört hinterfragt, vor allem da es sich nicht um Zitate handelt & es nicht so alt ist
Profile Image for miss.mesmerized mesmerized.
1,405 reviews42 followers
August 26, 2018
Um die Jahrtausendwende sieht die Welt noch rosig aus, auch wenn in Neschwitz bei Dresden die blühenden Landschaften ausgeblieben sind und die Reste der DDR Industrie nach und nach abgerissen werden. Die Eltern bauen ein Haus, die Söhne Philipp und Tobias sind noch klein und haben das Leben vor sich. Dieses Leben folgt jahrein jahraus denselben Bahnen. Angriff auf das World Trade Center, Hochwasser in Dresden – woanders geschieht etwas, nicht aber in Neschwitz. Die Jungs werden älter, Philipp gerät an falsche Freunde, spielt den Halbstarken, Tobias zieht sich immer mehr zurück, bewundert ein Mädchen seiner Klasse, doch nach der Grundschule trennen sich die Wege, für Kinder wie ihn bleibt nur die Hauptschule. Die versprochenen Perspektiven bleiben aus und zunehmend lehnt sich die Jugend auf, erst gegen die Sorben, dann gegen die anderen Ausländer, die den Westen ihrer geliebten Heimat schon erobert haben. Irgendjemand muss doch etwas dagegen tun, das ist doch reine Selbstverteidigung!

Lukas Rietzschels Roman zeichnet eine Welt nach, von der man weiß, dass sie existiert, aber die man eigentlich nicht sehen will, weil man sich schämt, dass es sie gibt, weil man sie verachtet, weil man nicht weiß, was man dagegen tun soll. Aus zwei schüchternen Jungs, wohlerzogen und bescheiden, werden Mitläufer und Täter, Rassisten und gewaltbereite Kriminelle. Hätte es eine Alternative zu dieser Entwicklung geben können? Die Oma wusste schon, dass sie keine Chance bei der Lehrerin haben, die hatte die Mutter schon auf dem Kieker, da kann man sich noch so bemühen, es ist ohnehin umsonst.

„Dieses ganze System ist am Arsch“, sagte Menzel. „Diese Gesellschaft, wo niemand mehr sagen kann, was er will. Wo dir vorgeschrieben wird, was du essen, wie viel du trinken und wie schnell du fahren darfst. Du bist ein Rassist, du bist ein Sexist! Die sollen alle mal die Fresse halten!“
„Weißt du, was ich glaube?“, sagte Tobias.
„Hm?“, fragte Menzel.
„Es braucht mal wieder einen richtigen Krieg.“

Dieser kurze Dialog gegen Ende des Romans fasst zusammen, was die Figuren empfinden: sie sind abgehängt, haben keinen Einfluss, nicht einmal auf die banalsten Dinge des Alltags, keiner versteht sie, sie werden sofort abgestempelt und wissen nicht, wie sie aus der Nummer rauskommen sollen.

Rietzschel weckt kein Mitleid für seine beiden Protagonisten, er verurteilt sie auch nicht, er beschreibt neutral einen Schritt nach dem anderen, der dazu führt, dass sie da enden, wo sie schließlich sind. Eine Geschichte, wie es leider zu viele gibt. Kein schöner Roman, auch „unterhaltsam“ trifft es nicht. Brutal bildet er auf seine Weise die Realität ab und wird so zu einem Zeitzeugnis, einem, das niemand sehen will, das man aber nicht ignorieren sollte.
Profile Image for Robert.
138 reviews4 followers
April 19, 2025
Vor ein paar Tagen habe ich Mit der Faust in die Welt schlagen im Kino gesehen und war begeistert: Kein anderer Film zuvor bringt die offenbar kollektive Erfahrung als ostdeutsches Nachwendekind so auf den Punkt. Der Film kann locker mit anderen zeitgenössischen deutschen Dramen wie Systemsprenger oder Das Lehrerzimmer mithalten. Das Buch hatte ich sowieso schon zu Hause und habe es direkt nach dem Film begonnen.
Auch wenn die Geschichte des Films auch irgendwie im Buch steht, war der Film für mich viel effektiver. Die Motive werden stärker kondensiert, die Bildsprache ist intelligent und die Traurigkeit und Einsamkeit, die sich in Wut äußert, transportiert sich komplett. Dass ich beim Lesen ähnliche Gefühle hatte, lag vor allem daran, dass ich die entsprechenden Filmszenen im Kopf hatte. Mein Problem mit dem Buch war vor allem der Stil: Abgehackte Sätze. Wenig Verben. Orientierungslosigkeit. Wo sind wir eigentlich gerade? Worum geht es? Oh, nächste Szene.
Hätte ich das Buch gelesen, ohne vorher den Film zu kennen, wäre mir vielleicht sogar entgangen, wie viel Tiefe und Potential eigentlich in der Geschichte schlummert. Ich bin froh, dass wir mit der Verfilmung noch eine wesentlich pointiertere und emotionalere Version des Stoffes bekommen haben.
Profile Image for v.erena.
66 reviews8 followers
October 23, 2021
Es geht hier um 2 Brüder die in der sächsischen Provinz nach der Wende aufwachsen. Um Perspektivlosigkeit, Rassismus, Antisemitismus und darum wie einem die Großeltern, Eltern und der Umgang formen. Für mich kaum zu ertragen wie viel Hass und Wut die beiden Brüder in sich tragen. Der Autor schreibt sehr kurze, abgehackte Sätze und kurze Kapitel, ich persönlich bin sehr gut rein gekommen trotz des schnellen Perspektivwechsel. Es wird auch viel offen gelassen, man muss bei dem Buch sich 1 und 1 zusammen zählen, weil vieles einfach unausgesprochen bleibt. Am Anfang dachte man doch das wird schon alles gut werden aber im Laufe des Buches hat man gemerkt, dass die 2 Jungs sich einfach an den komplett falschen Leute orientieren und auch deren Parolen wirklich glauben.
Wie gesagt für mich war das Buch nichts, weils mit zu viel Negativität aufgeladen war, was aber komplette Absicht von dem Autor ist. da er so wie ich das verstehe, möchte dass man darüber nachdenkt, was eben passieren kann wenn man ins falsche Umfeld abrutscht. Trotzdem 3 Sterne.
Profile Image for Andy.
73 reviews16 followers
December 24, 2018
Andeutungsreiche, flüssig erzählte Milieustudie mit Schwächen

Mit der Faust in die Welt schlagen schildert das Aufwachsen zweier Brüder in einer ländlichen und kleinstädtischen Umgebung im Osten von 2000 bis 2015. An den Stil gewöhnt man sich schnell, er ist kurz und knapp und erzeugt einen schönen Lesefluss. Indem der Erzähler häufig intern fokalisiert werden die Eindrücke der Figuren im sozialen Leben, in der Schule oder bei der Familie umittelbar gezeigt, womit sich auch indirekt vieles Weitere über sie offenbart. Das scheint eine generelle Stiltendenz des Romans zu sein, da auf vieles nur angespielt wird, was uns als Leser viele Möglichkeiten bietet, eigene Gedanken anzusetzen und einlädt, sich in diese Lebenswelt einzufühlen. Konflikte und Probleme, die diese Zeit in dieser Gegend zu bestimmen scheinen, wie die zwischen den ethnischen Gruppen (Sorben und Polen), der Brain Drain oder der Selbstentfremdung durch das vorherrschende Männerbild (letzteres natürlich auch andernorts) werden uns auf diese Weise gut sichtbar vor Augen gestellt.
Gleichzeitig führt diese Stiltendez aber zu dem einen Punkt, der mich besonders bei der Lektüre gestört hat. Durch das Überwiegen der Anspielungen und Implikationen bleibt recht dunkel, worin genau die Attraktivität rechtsextremer Positionen, worin die Sogwirkung auf unsere Figuren liegt. Die Figuren selbst äußern darüber nur recht platte Sprüche und Argumente, wie man sie aus dem Milieu schon kennt, aber die dahinterliegende psychologische Motivation, die Beschaffenheit der Gesellschaft, die ihre Mitglieder zu Sympathien drängt, verliert sich in meiner Meinung nach zu voraussetzungsvollen Andeutungen. Es hilft auch nicht, dass der Text zwischen 2006, als der jüngere Bruder Tobi mit dem rechtsextremen Menzel in Kontakt kommt und 2013, als Tobi, Menzel und der restliche Teil der Gruppe mit der Flüchtlingskrise in Kontakt gerät und sich offenbar zunehmend radikalisiert hat, eine Ellipse von 7 nicht erzählten Jahren aufweist. Sicher, sie hat eine interessante Wirkung, indem sie den Leser mit dem Einstieg in medias res 2013 überrascht und den Kontrast des zeitlichen Kontextes zu 2006 verschärft. Nur lässt das uns Leser über die kritischen Vorgänge der letzten Jahre noch mehr im Dunkeln, als es der Stil ohnehin schon tut und auch die eingeschobenen Rückblenden schaffen es kaum noch, mehr Klarheit zu stiften.

Im September 2018 fragt der Spiegel: Hat Lukas Rietzschel mit Mitte 20 das Buch geschrieben, das erklärt, wie junge Sachsen zu rechten Gewalttätern werden?
Jein. Ja, man findet einen Einstieg in diese Lebenswelt und beginnt, sich einzufühlen. Man steigt etwas hinter die Pappfassaden, die in Nachrichtensendungen auf Demos kurz zu Wort kommen. Gleichzeitig spielt der Roman das Spiel der Ambiguität sehr gut, er macht die Täter zu Menschen, ohne apologetisch zu sein. Es gibt auch hier immer eine Wahl, das zeigt der letztliche Unterschied zwischen den Brüdern.
Nein, da noch zu viele Lücken bleiben, die wir Leser füllen müssen und oft wohl nicht können. Von einer wirklichen Erklärung kann man kaum sprechen, dazu geht es zu wenig in die Tiefe der Vorgänge und der Situation. Das ist ein schwieriger Kritikpunkt für einen fiktiven Roman. Zumindest kann man dem Verlag und der Presse vorwerfen, diesen Anspruch viel zu sehr aufgeblasen und heraustrompetet zu haben. Damit muss sich der Text, der sehr wohl spannend und interessant zu lesen ist, mit selbstverschuldeten übertriebenen Maßstäben herumschlagen, die man eigentlich an Sachbücher anlegt. Zumal er so viel mehr ist und bietet, was durch die mediale Reduktion der Erwartung und Aufmerksamkeit der Leser auf diesen Aspekt schlicht versteckt wird und verschütt geht.
Profile Image for monsieur_steini .
235 reviews7 followers
April 23, 2025
In der sächsischen Provinz Neschwitz wachsen die Brüder Philipp und Tobias (Tobi) auf. Die DDR ist längst untergegangen und hinterlässt ihre Spuren im Ort, die große Fabrik steht leer, Ehen, wie die von Uwe, einem Freund des Vaters, gehen in die Brüche, weil viele ihr Glück im Westen suchen. Für die Jugend bietet Neschwitz wenig, man geht im Sommer in den Stauseen des Tagebaus schwimmen oder hängt zuhause rum, Perspektivlosigkeit und eine gewisse Lethargie hängen in der Luft. In dieser Welt zwischen Plattenbauten, Kleinstadt-Tristesse und unaufgearbeiteter Stasi-Vergangenheit werden Philipp und Tobias groß. Man schnappt auf, wie die Erwachsenen über die Ausländer schimpfen, legt sich mit den Sorben an, die im Ort leben und hört Rechtsrock. Philipp gerät irgendwann an eine Gruppe Jugendlicher, die einer türkischen Familie Schlachtabfälle von Schweinen vor die Tür werfen, wird aber bald von seinem kleinen Bruder überholt, weil er sich mehr traut und bei der Jungsgruppe deutlichere Anerkennung findet. Schließlich überkommt Tobi auch die Lust, einmal mit draufzuhauen...


"Mit der Faust in die Welt schlagen" wurde unlängst verfilmt und die Romanvorlage von vielen Seiten hoch gelobt, weil der Roman so aktuell sei, würde er doch die Zerrissenheit des Landes so deutlich abbilden und darauf aufmerksam machen, wie sich die Jugend allmählich radikalisiert. Es gibt bereits eine gekürzte Schulausgabe für die Klassenlektüre -warum man einen Roman dafür kürzen muss, liegt auf einem anderen Blatt. Ich persönlich teile diese Euphorie überhaupt nicht. Wenn ein Roman vor allem davon lebt, Figuren hauptsächlich über Klischeebilder zu produzieren, dann gelingt meiner Meinung nach kein authentisches Bild einer versunkenen Epoche, wie es etwa Jenny Erpenbeck grandios in "Kairos" zeichnet. Am meisten genervt hat mich aber der überwiegend parataktische Sprachduktus, der Hauptsatz an Hauptsatz reiht und damit wohl die Tristesse und Monotonie widerspiegeln möchte, auf Dauer wird es aber nur noch dröge. Das Mitläufertum Philipps und Tobis geschieht nach Schema F, es gibt nirgends eine markant kritische Verhandlung oder hinterfragende Instanz der problematischen Entwicklungen, viele Figuren bleiben so grau, passiv und unnahbar wie die Plattenbauten, in denen sie leben. Mein Fall war dieses Buch nicht.
Profile Image for Martin.
12 reviews
August 20, 2024
Zwei heranwachsende Brüder in einem Dorf im Osten Sachsens, der Oberlausitz. Das Buch spielt zwischen den Jahren 2000 und 2015. Die Baseballschläger aus den 90ern stehen angestaubt aber griffbereit in der Ecke. Die rassistische Gewalt in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen werden im Buch am Rande erwähnt.
Ich selbst bin ein paar Jahre älter als der Autor, habe meine Kindheit und Jugend in einem Dorf in Ostdeutschland verbracht und kann Parallelen im Buch finden.

Ich lese das Buch im August 2024. Ein Freund, der wieder in die Oberlausitz zurückgekehrt ist, hat es mir geschenkt.
August 2024: In Bautzen und Leipzig finden CSD-Demos statt, für die Rechte von queeren Menschen. Anders als in anderen Städten gibt es hier Gegendemonstrationen. Sie sind also aktuell wieder sehr gut sichtbar: Jugendliche und junge Erwachsene, die u.a. angestachelt vom politischen Diskurs, offen auf der Straße ihren Hass zeigen.

Wer sich die Frage stellt, warum vor allem in Ostdeutschland Jugendliche zu Neonazis werden.
Im Buch werden Ansätze skizziert:
Junge Männer die keine Liebe erfahren, weder vom Elternhaus noch vom persönlichen Umfeld. Alltagsrassismus.
Fehlende Fähigkeiten der Kommunikation. Alkoholismus und Trostlosigkeit. „Strebermädchen“ die in den Westen gehen. Die Erwachsenen haben nach der Wende ihre eigenen Probleme.

Mir hat der Schreibstil gut gefallen.
Leider packt einen die Geschichte erst im hinteren Drittel des Buches.

Was bleibt am Ende? Die Radikalisierung schreitet außerhalb des Buches voran, mal wieder. Die Probleme waren nie weg.
Profile Image for Gianni.
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July 19, 2023
Annullati dal collettivismo forzato, con l’improvvisa libertà acquisita dopo lo sgretolamento del Muro i tedeschi orientali non hanno fatto altro che passare da una periferia del mondo a un’altra, messi in competizione con immigrati e rifugiati dalla luccicante macchina dello sfruttamento globale. Lo stesso meccanismo sperimentato e subito da tutte le periferie del mercato, che porta con sé l’illusione individualista del poterla sfangare. Per chi non si integra resta la via dell’emarginazione, dell’alcol, della droga; oppure, alla falsa coscienza si sovrappone il livore nazionalista e razzista, con il suo corredo di rabbiosa violenza.
Battere i pugni sul mondo ripercorre, cronologicamente, gli anni tra il 2000 e il 2015, ”undici anni dopo la Wende”; gli adulti si sono letteralmente dissolti e i ragazzi, che spesso non hanno neppure conosciuto la DDR, si sono persi nel dover crescere da soli. È uno spaccato che ha rappresentato anche Clemens Meyer in Eravamo dei grandissimi e, successivamente, in Caverne, ma che, alla fine, va oltre la narrazione della riunificazione tedesca.
La forma fluida e scorrevole è resa più incisiva con il frequente ricorso a enunciati brevi, che rendono secche e nitide le descrizioni.
Profile Image for Gertrud.
180 reviews7 followers
June 17, 2023
Secondo libro letto della terna di Salerno letteratura. Ritmo un po' lento per tutto il libro. La storia è bella e realistica, fa riflettere. E lascia l'amaro in bocca.
Siamo nella Germania dell'Est, negli anni che seguono la caduta del muro. Gli anziani cercano di dimenticare quello che è successo, i giovani cercano di allontanarsi verso città più appetibili. Chi resta sopravvive, vive di ideali, rimpiange dittature passate. E sfoga la propria frustrazione ribellandosi all'arrivo dei rifugiati, distruggendo tutti i luoghi in cui potrebbero essere accolti.
7 reviews
August 29, 2025
wie das zweite gegen ende richtig stark, in der mitte hängt es.
78 reviews4 followers
November 24, 2018
Im Buch wird das Leben in der sächsischen Provinz zwischen 2000 und 2015 aus der Perspektive der beiden Brüder Tobias und Philipp beschrieben. Zwar wird die Erzählperspektive nicht klar markiert, doch wird die Handlung vor allem aus dem begrenzten Wissen und der subjektiven Perspektive der beiden Brüder geschildert.

Erzählt wird eine Verfall- bzw. eine Zerfallsgeschichte einer Familie vor dem Hintergrund größerer politischer Ereignisse (9/11, Jahrhundertflut, "Flüchtlingskrise"). Ähnlich wie bei den Buddenbrooks markiert der Einzug in ein neues Haus retrospektiv den Höhepunkt familiären Zusammenhalts. Fast alle Figuren des Buchs sind meist vergeblich auf der Suche nach Anerkennung. Erfolglos bleibt die Suche auch deshalb, weil die (männlichen) Protagonisten ihre Bedürfnisse nicht artikulieren können. So vermag es der ältere Bruder Philipp (ca. 9 zu Beginn des Buchs) nicht die Rolle des großen Bruders so auszuspielen, wie er es möchte, da er Tobi (ca. 5 zu Beginn des Romans) nicht mitteilen kann, dass er für ihn da sein wird (S. 39). Am Ende des Buchs ist es Tobi, der Philipp nicht sagen kann, dass er auf dessen Widerspruch wartet.

Die sächsische Provinz ist von Misstrauen geprägt. Finanzielle Erfolge werden argwöhnisch beäugt und Frauen verlassen ihre Männer (und Kinder) für Karrieren im Westen. Fremde sind unbeliebt und die deutsche Geschichte kein Thema. So kennt Philipp das Hakenkreuz nicht, das auf einem Findling im Schulhof wie ein Menetekel für die folgende Radikalisierung der Jungen prangt und den ersten Teil des Buchs beschließt.

Der Roman teilt sich in drei ungefähr gleich große Abschnitte. Während im ersten Teil noch 4 Jahre beschrieben werden (2000-2004), beschränken sich Teil 2 (2004-2006) und Teil 3 (2013-2015) auf jeweils zwei Jahre. So verlangsamt sich die Erzählgeschwindigkeit eigentlich, doch durch den Zeitsprung entsteht auch der Eindruck von Dynamik. Wir erleben dadurch die Brüder zu Beginn ihrer Schulzeit bis zur weiterführenden Schule und springen dann zum Zeitpunkt ihres Erwachsenenlebens (zu Beginn von Teil 3 ist Tobi ca. 18 und Philipp 22 Jahre alt).

Die drei Teile markieren auch unterschiedliche Phase der Radikalisierung, die die Brüder immer zur Fremdenfeindlichkeit treiben. Eine zentrale Figur spielt der Skinhead Menzel dabei, der im zweiten Teil im Leben Philipps auftaucht und im dritten Teil Tobi an sich bindet. Menzels Anziehungskraft besteht in seinem dominanten Auftreten, das den unsicheren Jungen ein männliches Rollenvorbild bietet. Während Menzel Tobis Frustration zu gewalttätigen Ausbrüchen führen kann, gibt er Philipp gewissermaßen frei, weil er ihn für zu weiblich hält.
Profile Image for Fiona.
315 reviews9 followers
November 3, 2018
Tobias und Philipp sind gut zehn Jahre nach mir in meiner ehemaligen Heimat - wenn ich den Osten einmal in seiner Gesamtheit so zusammen fassen darf - groß geworden. Trotzdem war dieser Roman für mich eine intensive Zeitreise, zurück in die alte Welt, die ich hinter mir gelassen habe.
Perspektivenlosigkeit, aberkannte Abschlüsse bei den Eltern, Suicid, Drogen, Kriminalität. Ja, so war es.
Und trotzdem bin ich enttäuscht von diesem Roman. Ich war einer von den Außenseitern, den Opfern. Keine Großeltern, keine Eigentumswohnung, kein eigener Laden. Keine Brüder, kein Vater. Keine Gruppe, nichtmal ein Menzel oder Andreas. Wir (die Versager und dicken Opfer) haben immer den Eindruck gehabt, dass nur die Kinder aus reichem Haus zu Neonazis werden.
Ich hatte mir gewünscht, dass mich das Buch eines besseren belehrt. Schade, dass wir Recht hatten.

Das Bild vom Osten, von diesen Menschen und von den Neonazis, deckt sich mit meiner Erfahrung. Hass und hilflose Wut. Jeder will etwas tun, aber keiner weiß, war er oder sie tun soll. Aber ich habe nicht Deutschland gehasst. Ich habe die Menschen gehasst, die mich, meine Freunde, oder hilflose Fremde ins Krankenhaus bringen. Ich hasse die Menschen, die in ihren Klappstühlen sitzen, Bier trinken, und sich überlegen, wen sie als nächstes beleidigen, was sie als nächstes zerstören.
Statt etwas aufzubauen. Statt etwas anzupacken und zu ändern. Wer keinen Zerstörungsdrang hat verkauft eben sein Hab und Gut, gibt sein Leben auf, leidet still vor sich hin, die Jungen wie die Alten.
Das hasse ich bis heute.

Und ein letztes Wort zu Neo-Nazis:
Ich rede mit allen Menschen, die offen sind. Darum kenne ich auch einige unserer heutigen Nazionalsozialisten. Die sich von den Neonazis abgrenzen. Es gibt 'Rechte' Menschen, die wirklich etwas ändern wollen. Die den Stolz des alten Vaterlandes wieder aufbauen und zurück erkämpfen wollen. Die sich von den randalierenden Zerstörern, die sich Neonazis nennen, fern halten.
Ich habe eine entschieden liberale und wohl stark links tendierende Meinung, was Politik angeht. Aber die Nazinalsozialisten, die ich kennen lernen durfte, waren vernünftige, respektable Menschen. Die mir ihren Standpunkt einleuchtend erklären konnte, so, dass ich ihn auch verstehen und nachvollziehen kann, ohne ihn teilen zu müssen. Mit denen kann man etwas aufbauen und verändern, auch wenn wir unterschiedliche Meinungen haben.
Mit Vandalisten und Alkohlikern kann man nicht wirklich was aufbauen. Will ich auch gar nicht.
Profile Image for Fabian Williges.
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March 8, 2019
Ich habe lange kein so trostloses Buch gelesen. Und das meine ich beim Thema des Romans deutlich positiv. Zum ersten Mal habe ich Mitleid für die Montagsspaziergänger neueren Datums.

Ich denke, wir werden noch mehr von Lukas Rietzschel hören.
Profile Image for Stefan Schmidt.
13 reviews
January 24, 2019
Warum fühlt sich ein großer Teil der Bevölkerung in Deutschland (und auch im Rest der westlichen Welt) abgehangen, unverstanden, wählt Rechtspopulisten und ist scheinbar blind vor Hass und Aggressionen gegenüber Politikern, Ausländern und Medien? Dieses Buch versucht in Romanform Erklärungen zu liefern.
Der Leser begleitet zwei Brüder aus der Unterschicht (Vater Handwerker, Mutter Krankenschwester) aus einer ländlichen Region in Sachsen durch ihre Kindheit und Jugend. Um sie herum verfallen die Häuser, Fabriken werden geschlossen, Menschen ziehen weg, Familien werden zerrissen. Der Ton im Elternhaus und in der Schule ist rau, fremdenfeindlich, antiamerikanisch und allgemein ziemlich anti. Gesellschaftliche und politische Probleme werden nie richtig diskutiert. Sie werden erwähnt oder verschwiegen. Über Gefühle wird nicht gesprochen. Da Schulen geschlossen werden, müssen die intelligenteren Schüler schnell weit weg in die Schule gehen. Zurück bleibt von Anfang an die „bildungsferne“ Schicht - und schwimmt fortan in ihrer eigenen Suppe.
Im Jugendalter wird diese Generation damit konfrontiert, dass die eigene Regierung und die eigene Bevölkerung anderen Völkern hilft (Griechenland, Flüchtlinge), jedoch nichts gegen den Verfall der eigenen Heimat tut und die gebrochenen Lebensläufe der Menschen tut. Hemmschwellen sinken zuerst sprachlich und später auch physisch (Schweinereste vor den Häusern von Muslimen, Schlägereien, brennendes Flüchtlingsheim).
Da ich in einer ähnlichen Region in einem ähnlichen Umfeld zu fast derselben Zeit aufgewachsen bin (Ost-Thüringen, nicht Sachsen, Ende der 80er geboren, nicht Mitte der 90er), habe ich die Schilderungen des Autors an vielen Stellen nachvollziehen können. Der raue Ton, die Fremdenfeindlichkeit/der Alltagsrassismus, der Brain Drain - alles bekannte Probleme. Meine Freunde von daheim - klassische AFD Wählerschaft. Insofern halte ich dieses Buch für einen sehr gutes Zeitzeugnis, das das Verhalten dieser Menschen mit ihrer Sozialisierung und ihren Lebensumständen erklärt.
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6 reviews5 followers
October 27, 2025
An sich ein sehr wichtiges Thema, leider habe ich überhaupt keine Verbindung zu den Charakteren gespürt und obwohl ich selber Ostdeutsch sozialisiert bin, habe ich für die Lebenssituationen der jungen Männer keine Empathie entwickelt. Es ist am Ende für mich eher eine triste Geschichte über das Patriarchat, als Ostdeutschland.
Profile Image for Angela.
55 reviews
November 11, 2023
Sono arrivata a circa 1/4 di libro e non ho capito dove si va a parare. Non c'è un singolo motivo che mi spinge a continuare. Le frasi sono tutte così corte che sembra di leggere un telegramma. Un telegramma di 300 pagine. Il primo libro della casa Keller che mi delude così.
Profile Image for Astrid.
197 reviews91 followers
September 10, 2018
Mit der Faust in die Welt schlagen ist ein Roman, der thematisch nicht treffender in das aktuelle Zeitgeschehen passen könnte. Die Nachrichten, die Gespräche – sie werden beherrscht durch Themen wie Rassismus, Demonstrationen, Ausschreitungen – zu Recht wird darüber geredet. Auch Bücher widmen sich dem Thema, so wie Lukas Rietzschels Debütroman.
Doch Mit der Faust in die Welt schlagen ist etwas anders. Literarisch ein wunderbar geschrieben Roman und zeitgleich politisch relevant. Er handelt von Tobias und Philipp, zwei Brüder, die in der ostsächsischen Provinz aufwachsen. Und Rietzschel macht aus ihnen eine Antwort, die gerade die Tage nach Chemnitz in vielen Köpfen rumschwirrt. Wie entsteht Rassismus? Wie wird man fremdenfeindlich? Warum entwickelt man solche Ansichten? Mit der Faust in die Welt schlagen versucht darauf eine mögliche Antwort zu geben, in dem Es um zwei Brüder geht, die in drei Abschnitten geteilt durch die Jahre 2000 bis 2015 begleitet werden. Vom 9/11 bis zum Dresdener Hochwasser zur Flüchtlingskrise – all dies erleben die Beiden mit, lässt sie zweifeln, formt sie zu dem was sie am Ende werden.
Hier gibt es natürlich keine Universalantwort. Aber die nüchterne und schonungslose Schilderung des Lebens in dem sächsischen Dorf gibt jedoch Aufschluss. Es wird nichts beschönigt, kein Verständnis erzeugt, sondern ohne viel Gefühl geschildert. Die beiden Jungs haben eine triste Kindheit, vorgezeichnete Wege durch Lehrer, die schon ihren Eltern nichts zu trauten. Über viele Enttäuschungen, viel Wandel im Dorf – die einzige Schule wird geschlossen, die Firmen machen dicht, die Zukunft ist beängstigend. Zeitgleich kommen immer mehr Flüchtlinge in die Gegend – Meinungen werden gebildet, Ahnung hat gefühlt keiner, doch sich zusammenzuscharren gibt Hoffnung. Gemeinsam gegen etwas sein.
Wie gesagt – eine Antwort ist es nicht, aber so wie Rietzschel es schildert – auf seine nüchterne, neutrale Art –, wirkt es logisch. Schonungslos logisch und traurig. Jede Entwicklung des Romans wirkt erschreckend folgerichtig, auch, dass die beiden Brüder bei den örtlichen Nazis landen, weil es dort eine Art „Zusammenhalt“ gibt und eben auch Bier. Und was noch als Dummheit beginnt, wird schnell ernster, gefährlicher und radikaler. Ehe sich einer versieht, ist zumindest einer der Brüder tiefer in der Szene als er es selber sieht. Denn es ist doch „nur Spaß“ und „man muss doch was tun“.
Die Figuren sind gut konstruiert und die Geschichte stimmig. Wenn das Buch mal beendet ist, lässt es einen noch lange über die einzelnen Handlungsstränge und Geschehnisse nachdenken und immer noch, während ich hier noch schreibe, fällt mir eine Kleinigkeit neu auf, die dramaturgisch wahnsinnig gut platziert wurde.
Gerade in Anbetracht des aktuellen Bezug kann ich das Buch nur händeringend empfehlen.
118 reviews4 followers
September 29, 2018
Äußerst aktuell, aber etwas fehlt. Lukas Rietzschel hat seinen Debütroman in kurzen, knackigen Sätzen und einem nüchternen Stil geschrieben. Mit vielen Ellipsen. So vermittelt er bereits über die Sprache ein deutliches Gefühl von Trostlosigkeit. Dies setzt sich fort in der Beschreibung der Nachwendezeit in einer ländlichen Region in Sachsen: Unternehmen gehen pleite, Läden und Schulen werden geschlossen, viele Menschen ziehen in die Städte, ein Stasiverdacht wird verstohlen ausgesprochen, Freizeitangebote fehlen. Dazu kommen gescheiterte Ehen und andere ganz alltägliche Dramen, die so überall passieren. Die beiden Brüder Tobias und Philipp werden erst kurz nach der Wende geboren, erleben die Auswirkungen der Wiedervereinigung aber selbst. Auch die Opfer-Mentalität der älteren Generation („Es war nicht deine Schuld.“) übernehmen sie gleich mit.

In diesem tristen Umfeld wachsen die beiden Protagonisten nun auf. Sie erleben trotz der Umbrüche eigentlich eine ziemlich durchschnittliche Kindheit und Jugend. Beide Eltern haben einen Job und bauen ein Haus. Die Jungs gehen zur Realschule und fangen anschließend eine Ausbildung an. Trotzdem werden beide Teil der Neonazi-Szene. Sie rutschen ab in dieses Milieu, wie man so sagt. Genau so fühlt es sich in dem Roman an: Tobi und Philipp werden nach und nach zu Nazis, als wenn das unter diesen Umständen halt normal wäre. Anfangs verstehen die Jungs Symbole und Gesten gar nicht, sondern ahmen sie nur nach, weil es die vermeintlich coolen älteren Jugendlichen tun und weil es die Erwachsenen ärgert. Mögliche Gründe für die Radikalisierung werden wie nebenbei erwähnt. Sie liegen irgendwo zwischen Langeweile, dem Wunsch nach Zugehörigkeit, dem Bedürfnis Grenzen zu testen und einer diffusen, unbegründeten Wut, die sich mal gegen Sorben und mal gegen Ausländer richtet.

Dem Autor gelingt ein sensibles Portrait der leisen Töne, allerdings ist die Geschichte mehr Beschreibung als tiefgehende Analyse. Einige der Beschreibungen fallen zudem etwas langatmig aus. Genau hier liegt auch mein Problem. Am Ende plappert der eine Bruder die typisch rechten Plattitüden fanatisch nach, während sich der andere apathisch von der Szene zu distanzieren versucht, dabei aber nervig passiv bleibt. Es gibt keinen Widerspruch, die hasserfüllten Aussagen bleiben einfach so stehen und führen zu sinnloser Gewalt. Die Entwicklung der beiden Brüder wirkt einfach banal. Vielleicht ist genau das die Aussage des Romans, dass es für diese Radikalisierung eigentlich keinen triftigen Grund gibt. Nein, ich habe nicht erwartet, dass die Brüder am Ende bekehrt werden und mit ihren neuen Nachbarn aus Syrien Ringelpiez mit Anfassen tanzen. Aber das offene Ende hat mich ziemlich frustriert zurückgelassen. Zum Nachdenken regt der Roman aber allemal an.
Profile Image for Svenja.
50 reviews9 followers
August 11, 2021
3.5 Sterne

Ich bin zufällig über das Buch gestolpert und habe es mit dem Anspruch gekauft, "von Ostdeutschen über Ostdeutschland" zu lesen. Von daher war meine Erwartungshaltung wahrscheinlich gar nicht so weit von derer derjenigen hier entfernt, die vom Roman mehr "Erklärung" erwartet hätten. Wie rutschen Jugendliche in den Rechtsradikalismus ab? Welche Rolle spielt dabei Strukturschwäche? Kann ein funktionierendes soziales Netzwerk das verhindern, bis zu welchem Punkt? Kurzum: Gibt es etwas genuin ostdeutsches am Phänomen des neuen Rechtsradikalismus und wenn ja, was ist das?

Ich stimme anderen Rezensent*innen insoweit zu, als dass der Roman die gewünschte Erklärung nicht liefert. In der Tat kommen viele der geschilderten Entwicklungen (Zusammenlegung von Gemeinden, Schließung von Grundschulen, Brain Drain) wohl auch genügend Leuten aus der westdeutschen Provinz (inkl. mi) ausreichend bekannt vor. Zerrüttete Familienverhältnisse sind wohl auch kein exklusives Phänomen der neuen Bundesländer.

Wer also eine solche Erklärung sucht, wird enttäuscht werden. Ich persönlich bin im Nachhinein tatsächlich fast froh darüber, dass dieser Erklärungsversuch so nicht unternommen wird. Der Roman wirft Fragen auf, die Biographien der Protagonisten legen verschiedene Erklärungsansätze nahe - alles andere würde der Komplexität des Problems vermutlich auch nicht gerecht werden. So unbefriedigend wie es ist muss man sich vermutlich damit abfinden, dass es DIE Erklärung für ein Abdriften nach rechts nicht gibt. Grade weil sowohl Protagonisten als auch Lukas Rietzschel selbst nach dem Mauerfall geboren sind, hätten mich die typischen Erklärungsversuche a la "gebrochene Biographien" auch nicht zufriedengestellt. Kurzum: Der Roman lässt einen etwas ratlos zurück, begeht dafür aber nicht den Fehler, eine einfache Erklärung anbieten zu wollen, wo es keine gibt.

Meine größte Kritik an dem Roman ist die fehlende Ambivalenz. Die Beschreibung der Szenerie ist Tristesse pur, alle Menschen, alle menschlichen Beziehungen sind auf ihre Art zerrüttet. Es gibt nichts und niemanden, der aus dieser Perspektivlosigkeit ausbricht - und wenn, dann geschieht dies durch den Umzug in den Westen. Ich bin mir sicher diese Darstellung war eine bewusste Entscheidung des Autors und hat ihre Berechtigung, ich persönlich hätte mir aber (grade weil ich den Anspruch des Buches so verstehe *nicht* zu simplifizieren) ein nuancierteres Bild gewünscht.
422 reviews4 followers
October 12, 2018
Deutschland hat so einige Probleme und eines davon ist die aufkeimende und sich bereitmachender Rechtsradikalität. Die aggressive Feindlichkeit macht mich sprachlos die Menschen entgegengebracht wird, die im Grunde ihre Heimat und ihr Leben verloren haben und wieder von neuem beginnen müssen. Ich wollte versuchen zu verstehen wie es dazu kam und Ursachenforschung zu betreiben mit der Lektüre des Romans „Mit der Faust in die Welt schlagen“ von Lukas Rietzschel.
Der Roman beleuchtet die Kindheit und Jugend zweiter Brüder, die in Ost-Sachsen auf dem Land aufwachsen. Mit dem Roman begleiten wir die beiden, werden episodenweise mitgenommen und lernen sie über aneinander gereihte Szenen kennen.
Lukas Rietzschel trifft den Ton der Trostlosigkeit und des Verfalls gnadenlos. Perspektivlos und desillusioniert wird hier die Lage der Erwachsenen portraitiert. Und mittendrin die nächste Generation, die Unterstützung und Bestärkung bräuchte um ihren Weg zu gehen stattdessen werden sie täglich mit den Verlierern der Gesellschaft konfrontiert und glauben, dass dies die einzige mögliche Realität sei. Alleine gelassen werden die Kinder mit einem verwirrenden Schweigen der Erwachsenen anstatt aufgeklärt und gebildet zu werden!
Das Buch stimmt mich traurig, zu wissen, dass Kinder und Jugendliche in dieser Trostlosigkeit heranwachsen und dann den ersehnten Halt bei Rechtsradikalen finden, die ihnen eine Gemeinschaft und eine vermeintliche Zukunftsperspektive bieten. Fatal.
Der Roman liefert keine Antworten, analysiert nicht, es gibt keine Metaebene. Was er macht ist Einblick gewähren in eine Welt, die Vielen unbekannt ist. Eine Momentaufnahme, wie ein großes Bild aus dem der Leser sich mit dem eigenen Wissensdepot eine Idee vom der Lebenswirklichkeit machen kann. Mehr (leider) auch nicht. Ich fand das Buch der aktuellen Situation geschuldet, passend und wichtig.
Auch ist die (bisher kurze) Lebensgeschichte des Autors beeindruckend, der genau weiß wovon er schreibt, da er in Ost-Sachen groß geworden ist und dem Sumpf entkam. Auch ist die Medienresonanz dieses Romans beeindruckend.
Trotz allem wurde ich über die 300 Seiten nicht mit dem Schreibstil des Autors warm. Mir hat es streckenweise nicht gefallen wie die Sprache recht hochgestochen war und zugleich abgehackt.

Fazit: Brandaktuell, ein erschreckender Einblick in eine unschöne Parallelwelt!
Profile Image for auserlesenes.
364 reviews16 followers
September 19, 2018
Der Ort Neschwitz in Ostsachsen mehrere Jahre nach dem Mauerfall: Philipp und Tobias Zschornack wachsen als Söhne eines Elektrikers und einer Krankenschwester auf. Der Hausbau der Eltern soll der Aufbruch in ein neues Leben sein. Doch dort gibt es auch die Verlierer der Wende. Man fühlt sich vergessen, der Alltag ist geprägt von Gleichförmigkeit und der Angst vor dem Verlust der Heimat. Diese Perspektivlosigkeit wird für Philipp und Tobias immer bedrohlicher. Als der Heimatort Flüchtlinge aufnehmen soll, eskaliert die Situation...

„Mit der Faust in die Welt schlagen" ist der Debütroman von Lukas Rietzschel.

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus drei Teilen, die wiederum in mehrere kurze Kapitel untergliedert sind. Die Geschichte spielt zwischen 2000 und 2004, 2004 und 2006 sowie 2013 bis 2015. Erzählt wird vorwiegend, aber nicht nur aus der Sicht von Philipp und Tobias. Dieser Aufbau funktioniert recht gut.

Der Schreibstil ist ziemlich kühl und nüchtern. Die Sätze sind meist knapp und schnörkellos. Auch wird auf viele Details verzichtet, was wohl daran liegt, dass der Autor vermutlich eine möglichst allgemeingültige Situation beschreiben wollte. Beim Lesen wird einiges an Aufmerksamkeit gefordert.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die Hauptprotagonisten Tobias und Philipp, die ich als realitätsnah empfunden habe. Blass sind die Nebenfiguren wie beispielsweise die namenlosen Charaktere von Vater und Mutter.

Ein großer Pluspunkt des Romans ist seine Aktualität angesichts des Erstarkens des Rechtsextremismus. Die politische Problematik und die Chronik der gesellschaftlichen Entwicklungen machen für mich den Reiz der Geschichte aus. In dieser Hinsicht regt das Buch zum Nachdenken an. Allerdings bleibt der Roman für meinen Geschmack noch etwas zu sehr an der Oberfläche.

Das Cover erweckt Aufmerksamkeit und passt inhaltlich gut. Auch der Titel ist treffend gewählt.

Mein Fazit:
„Mit der Faust in die Welt schlagen" von Lukas Rietzschel ist keine gefällige, sondern eine unbequeme Lektüre über ein wichtiges und brandaktuelles Thema. Ein Roman, der erklärt, aufrüttelt und betroffen macht.
Profile Image for Andrea Muraro.
754 reviews8 followers
February 25, 2024
"A volte [...] avrei voglia di gridare in faccia alle persone e di scuoterle, perché mi dà sui nervi quando nessuno dice o fa niente. [...] E poi voglio spaccare tutto, giù di pugni, finché non sanguina tutto."

Quella Germania orientale, profondamente orientale, quasi ai confini con Polonia e Repubblica Ceca; quella Germania orientale dimenticata da Bonn prima e da Berlino ora; quella Germania orientale che da occidente del Patto di Varsavia si è trovata di colpo anticamera dell'Europa povera. Quella è la Germania raccontata da Lukas Rietzschel nel romanzo "Battere i pugni sul mondo".
Il titolo suggerisce un romanzo di lotta, di protesta, anche di violenza. C'è tutto questo, sì, ma molto edulcorato. Alla fine tutto si traduce nella storia, poco approfondita nella relazione, di due fratelli, Philipp e Tobias, dalla loro fanciullezza fino alle soglie dell'età adulta. Potrebbe quindi trattarsi, questo romanzo, di un romanzo di formazione? Non lo credo: mancano infatti l'avventura traumatica, il senso dell'errore, il tormento interiore. Più che altro "Battere i pugni sul mondo" appare come una narrazione cronologica di come si diventa grandi in un posto che fa schifo e dove stanno germinando i semi del neonazismo.
E così la ex DDR rimane sullo sfondo, solo con rovine di fabbriche e vecchie cave abbandonate. Ma lo spirito che anima i giovani fino a farli diventare razzisti e violenti, quello no, non è esaminato. Per questo ritengo che il romanzo sia riuscito a quasi metà. Dico 'quasi' perché mi ha convinto poco anche lo stile: perché rompere la narrazione con frasi brevissime, spesso anche nominali, quando non sta accadendo nulla? Capisco la volontà di darsi questa sintassi se si è in una fase concitata, se è necessario raccontare gli scatti della mente... ma quando il contenuto è di per sè lento, per non dire immobile, o quando si è una fase di transizione del romanzo, che senso ha continuare con quello stile? Manca, quindi, un serio lavoro di editing.
Spiace perché per me la Germania orientale, proprio per la sua storia, è sempre affascinante. Ma Rietzschel qui non mi ha dato nulla di nuovo.
Profile Image for Maria.
630 reviews14 followers
October 7, 2018
Philipp und Tobias wachsen in der Provinz Sachsens auf. Im Sommer flirrt hier die Luft über den Betonplatten, im Winter bricht der Frost die Straßen auf. Der Hausbau der Eltern scheint der Aufbruch in ein neues Leben zu sein. Doch hinter den Bäumen liegen vergessen die industriellen Hinterlassenschaften der DDR, schimmert die Oberfläche der Tagebauseen, hinter der Gleichförmigkeit des Alltags schwelt die Angst vor dem Verlust der Heimat. Die Perspektivlosigkeit wird für Philipp und Tobias immer bedrohlicher. Als es zu Aufmärschen in Dresden kommt und auch ihr Heimatort Flüchtlinge aufnehmen soll, eskaliert die Situation. Während sich der eine Bruder in sich selbst zurückzieht, sucht der andere ein Ventil für seine Wut. Und findet es.

Sprachlich konnte mich dieser Roman gleich von der ersten Seite ab begeistern. Der Schreibstil ist eindringlich und direkt, konnte mich trotz seiner Knappheit gut in das Geschehen hineinversetzen.
Die beiden Brüder waren durch den Erzählstil gleichzeitig nah und doch seltsam distanziert, was gerade beim Fortschreiten der Handlung Spannung aufbauen konnte.
Zum Inhalt bin ich eher zwiegespalten, ich habe wahrscheinlich mehr erhofft. Ich empfinde die Perspektive als sehr nüchtern, was der Story einen extrem interessanten Standpunkt verschafft. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass einige Zusammenhänge, und v.a. die Radikalisierung (bzw. die Schritte dazu) in zu weiten Sprüngen erzählt wurden. So habe ich für mich den fortschreitenden Prozess gar nicht richtig wahrnehmen können,sondern habe mich am Ende des Buches gefragt, warum genau es denn nun dazu kam...
Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen, ich fand es eindringlich und packend. Dennoch konnte es dem Hype in meinen Augen nicht gerecht werden.
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