Dieses Buch handelt von Scarlett, die von ihrem alten Leben als Influencerin flieht und bei ihrem Bruder und seinen Freunden eine Bleibe sucht. Dort trifft sie auf Zac, den besten Freund ihres Bruders, der sie nicht gerade Willkommen heißt, aber eine Anziehung auf Scarlett hat.
Eigentlich bin ich ein großer Fan von Büchern, in denen eine neue Familie unter Freunden gefunden wird („found family“), aber in diesem Buch fand ich einige Verhaltensweisen der neuen Freunde grenzwertig und bevormundend, besonders der männliche Anteil des Freundeskreises. Scarlett ist ein paar Jahre jünger als die restlichen Personen im Freundeskreis und ist zu Anfang auch davon abhängig, dass sie ihr Wohnraum, Schutz und einen Job zur Verfügung stellen. Durch den (geringen) Altersunterschied und diese Abhängigkeit, denken die anderen Personen, dass sie reifer als Scarlett sind und über ihr Verhalten urteilen können. Tatsächlich ist das Verhalten der anderen Personen aber oft sehr unreif und unüberlegt. Diese meines Erachtens toxische Dynamik hat mir überhaupt nicht gefallen, vor allem in Anbetracht dessen, dass Scarlett im Begriff ist von ihrer vorherigen toxischen Familiendynamik zu fliehen.
Gleich zu Anfang der Geschichte zwingen sie beispielsweise Scarlett in einen Club zu gehen, obwohl diese eigentlich gar nicht möchte. Dann wird sie auch dazu gebracht Alkohol zu trinken, wobei ihr immer wieder gesagt wird, dass sie eigentlich noch zu jung dafür ist.
Ethan, Scarletts Bruder, und Zac, verhalten sich Scarlett gegenüber leider zum größten Teil des Buches wie bevormundende Machos, die ihr Revier markieren möchten und ihren Besitztum (die Frau) über ihren Willen hinaus beschützen müssen. Vor allem bei Ethan hat mich dieses Verhalten gestört, da es für einen Bruder doch eher seltsam ist, seine Schwester so zu markieren und vor potenziellen Sexualpartnern zu „beschützen“. Ethan möchte beispielsweise bestimmen, was Scarlett trägt. Als sie etwas anhat, das ihm zu kurz erscheint, nennt er sie auch „billiges Flittchen“. Außerdem möchte er alle umbringen, die sie anfassen. Ich habe dieses klischeehafte Verhalten bisher nur in Büchern oder Filmen gesehen.
Und auch an Scarletts Geburtstag, möchte der gesamte Freundeskreis, dass sich Scarlett bei ihrem Bruder entschuldigt, als ein Streit entsteht, weil Ethan ihr erneut sagen möchte, was sie anziehen kann. Meines Erachtens war Ethan in diesem Streit ganz klar im Unrecht, weshalb ich nicht nachvollziehen kann, wieso sich alle auf seine Seite stellen. Dieses Verhalten ist nicht nur sexistisch, sondern auch höchst manipulativ, da die Freunde nur mit ihr Zeit verbringen, wenn sie sich entschuldigt und es so da stehen lassen, als ob Scarlett eine unreife Person wäre, während sie, da sie ja älter sind, ihr kindisches Verhalten als erwachsen ansehen und sich deshalb so verhalten können, wie sie wollen. Durch dieses bevormunde verhalten wird dann ihr gesamter Geburtstag ruiniert.
Darüber hinaus sexualisieren die männlichen Freunde im Freundeskreis auch die weiblichen Personen dieses Freundeskreises zum Beispiel bei einer klischeehaften Modenschau in einem Second-Hand-Laden und unterhalten sich regelmäßig darüber, wen sie wie scharf finden. Ich fand diese Situation extrem unangenehm und denke nicht, dass es zu einer gesunden Dynamik in einem Freundeskreis gehört, die Freunde, mit denen man täglich Zeit verbringt, so zu sexualisieren.
Zac ist ein Frauenheld und sein Umgang mit Frauen und wie er über sie spricht, hat ihn leider schon zu Anfang der Geschichte viele Sympathien bei mir gekostet. Er „reißt“ zum Beispiel im Club eine Frau auf, um sich von Scarlett abzulenken, die sich aber dann nicht mit einer Nacht zufriedengeben will. Deswegen hat Zac am nächsten Morgen dann laut ihm „zwei Furien“ / ‚wildgewordene Bestien‘ (das One-Night-Stand und ihre Mitbewohnerin) auf der Pelle, die ihn aus der Wohnung geschmissen haben. Auch als die Geschichte weiter vorangeschritten ist, ist Zac weiterhin bemüht sich eine Ablenkung von Scarlett zu suchen.
Scarlett war vor ihrer Flucht zu ihrem Bruder eine Internetpersönlichkeit. Als sie aber vor ihrem alten Leben flieht, gibt sie alle Accounts auf. Zac urteilt grundlos über Scarlett und ihr Leben und argumentiert, dass er das darf, da das unbekannte Personen im Internet ja auch machen. Ich finde diese Einstellung ziemlich eindimensional, sie zeigt Zac’s Unreife und ein fehlendes Empathievermögen.
Ein Thema in diesem Buch ist häusliche Gewalt und die (finanzielle) Anhängigkeit von einem Partner. Zac hilft Scarlett teilweise, mit ihrer Vergangenheit umzugehen und schützt sie auch gegen Ende des Buches. Allerdings hat mir hier eine schnellere Reaktion, nicht nur von Zac, sondern auch vom Rest des Freundeskreises gefehlt, da sehr schnell offensichtlich ist, dass etwas in Scarletts vorherigem Leben nicht gestimmt hat. Stattdessen ignorieren die Freunde eher alle Anzeichen oder setzten Scarlett unter Druck. Als Scarletts Ex-Freund beispielsweise an die Uni kommt und Scarlett sucht, versteckt Zac sieht, bedrängt sie aber dann ihm Rede und Antwort zu stehen, auch vor anderen Leuten. Er konzentriert sich dabei primär darauf, dass Scarletts Ex offensichtlich der Ansicht ist, dass die beiden noch zusammen sind und wirf Scarlett vor nicht zu wissen, wie man richtig Schluss macht. Dabei ist hier sehr offensichtlich, dass Scarlett sich nicht wohlfühlt und wenn jemand vor seinem Freund oder Ex-Freund flieht, hat das sicher einen Grund, der nicht unbedingt Außenstehende etwas angeht.
Generell finde ich den Umgang mit dem Thema häusliche Gewalt in diesem Buch etwas misslungen und trivial. Als Scarlett Zac das erste Mal davon erzählt, was ihr passiert ist, versucht sie beispielsweise nur wenige Minuten zuvor ihm eine Ohrfeige zu geben. Dies vermittelt den Eindruck, als wäre diese Form von Gewalt von einer Frau an einem Mann vollkommen unproblematisch. Wobei die versuchte Gewalt hier auch vollkommen unbegründet ist und unpassend zum Verlauf der Geschichte ist. Die häusliche Gewalt wird hier auch von Scarlett heruntergespielt, da sie ja „nur“ einmal geschlagen wurde. Dabei wird wenig Bezug auf die psychische Gewalt (z. B. Nötigung, Gaslighting und kontinuierliche Abwertung) und das manipulative Umfeld, das Scarlett erfahren hat, genommen.
Scarletts psychisches Wohlbefinden wird auch karikaturhaft dargestellt, indem ihr, wenn etwas Unangenehmes passiert oder sie ein Flashback hat, vermehrt schwindelig wird und sie den Fokus auf ihr Umfeld verliert. Das Ganze wird ungefähr so formuliert: „Ich konnte (..) nicht mehr wahrnehmen (..) dringt durch“. Irgendwer oder irgendwas bekommt dann wieder ihren Fokus, und sie erwacht.
Das gesamte Buch spielt in San Diego und teilweise in L.A., davon bekommt der Leser aber außer den Ortsnamen nicht viel mit. Das Buch hat mir keine „Amerikanische“ oder „Kalifornische“ Atmosphäre oder Kultur vermittelt und bis auf die Ortsnamen hatte ich eher den Eindruck, dass die Geschichte in irgendeiner Stadt in Deutschland spielt. Die Orte hatten auch keinen weiteren Bezug zu der Geschichte oder ihrer Handlung, deshalb stellt sich mir die Frage, wieso spielt dieses Buch (einer deutschen Schriftstellerin, das auf Deutsch verfasst wurde) überhaupt in San Diego?
Zulezt möchte ich noch bemerken, dass die Rolle der Dekanin und welche Rolle sie in Scarletts Neufindung spielt als äußerst unrealistisch empfunden habe.
Trotz meiner Kritikpunkte fand ich die Liebesgeschichte zwischen Scarlett und Zac relativ überzeugend und Zac konnte sich durch seine Gesten in meinen Augen noch etwas von seinen verlorenen Sympathiepunkten zurückholen.
Ich habe dieses Buch als Hörbuch gehört und kann dies jedem empfehlen, der sich für das Buch interessiert. Mein einziger Kritikpunkt ist, dass die Sprechgeschwindigkeit der Erzähler leider nicht durchgehend gleichmäßig ist, weshalb ich öfter die Geschwindigkeit manuell ändern musste.
Vielen Dank an NetGalley und den Zeilenfluss Verlag, die mir diese ALC des Hörbuchs zur Rezension geschenkt haben.