In der Carlsen-Reihe „Die Unheimlichen“ interpretieren namhafte deutsche Zeichner*innen klassische und moderne Schauergeschichten neu – ein faszinierendes Projekt.
Hier hat ein talentierter junger deutscher Comickünstler einen Text des berühmten Schauerromanautors Edgar Allan Poe wiederentdeckt und auf seine eigene, sehr freie Art gedeutet und ausgearbeitet.
Dabei fällt auf, dass seine Art des Zeichnens einerseits sehr exakt und detailreich, andererseits stark vom Manga beeinflusst ist. Jüligers Ansatz ist also sehr modern, was sich auch inhaltlich niederschlägt, da es in diesem Büchlein ziemlich unverhohlen um Sex, teils auch um Pornographie, geht, wobei die eigentliche Handlung ausgespart bleibt und durch die Phantasie der Leser*innen ergänzt wird.
Trotzdem sind die Parallelen zu Poes Werk unübersehbar: Wie in der „Berenice“-Erzählung des Horroraltmeisters sind die behandelten Themen Sexualität, Obsession, Wahn und Tod, und genau wie bei ihm wird die, in mehrfacher Hinsicht, extrem düstere Geschichte von einem unzuverlässigen Ich-Erzähler wiedergegeben, so dass nicht hundertprozentig klar ist, was hier eigentlich im Einzelnen passiert. Aber insbesondere diese Wissenslücken lassen genügend Raum für die grauenhaftesten möglichen Erklärungen und machen die Story so verstörend.
Bei mir hat sie jedenfalls noch lange nachgewirkt.
4,5 Sterne.