Ach nöö, muss jetzt so dringend nicht sein. Oppliger Limmattaler Monolog eines vielleicht nicht ganz vertrauenswürdigen Selbstdarstellers, der sich gern als unverdient Pech habender Frauenverehrer, etwas tollpatschigen Unerwachsenen gibt, kommt einem auf Anhieb wie die Nähkästchenplauderei des Ex-Junkies in Pedro Lenz' „Der Goalie bin ig“ (2010) vor. Oder auch wie dieses Auftrumpfen gegen Alltagswidrigkeiten in der Nord-Zürcher Vorstadt bei Stefanie Grobs „Inslä vom Glück“ (2014). Beide durchaus nicht uninteressant und relativ erfolgreich in der Schweizer Dialekt-Texte-Reihe „spoken script“. Beide aber halt auch schon vor Oppligers Buch fertig, von Autoren, die älter sind und mehr Erfahrung hatten, als der 1983 geborene vormalige Sozialarbeiter, Gärtner und Musiker. (2024 sollte er den Schweizer Literaturpreis für „Giftland“ bekommen.)
Zum Musiker passt, dass der Klappentext die Aneinanderreihung von so was wie Loser-Anekdoten zum „Blues“ ernennt, dazu im Nachwort wie auch hier bei den Kolleginnen Rezensenten darauf abgehoben wird, das Züritütsch Oppligers wäre dermaßen far out, dass man sogar als Einheimischer nicht alles mitkriege. Nun ja, als Südbadener ging es bei mir dann wieder. Nee, nee, er schreibt auch nicht näher am „Gschnorr“ als die Bühnenkomikerin Grob oder der schwule Romancier Martin Frank vor ihm schon taten, aber er glaubt, über die Fähigkeit zu gebieten, aus flüssig dahin fließendem Geschwalle herauszuhören, wo zwei Wörter halbwegs voneinander abgesetzt bzw. wo sie zum Schallbrei vermischt werden. Will sagen, es stehen ständig zwei, drei, vier Wörter wie ein einziges beieinander, sodass man sich, da man beim Hören sonst kaum Buchstaben sieht, schon auch fragen muss, wo hier ein Wort aufhört und noch eines beginnt.
Man sieht das im Titel: „schtumpfo“ meint „Stunden von“; und es stimmt ja, so spricht man in Zürich. Aber ob es wirklich so was Authentisches einbringt, wenn man „untahani“ liest statt „un da han i“ oder „filichzexja en militanteneffkakahasser xi“ statt „viellich sei's ja en militante FKK-Hasser gsi“, das weiß ich nun nicht.
Im Nachwort wird die Frage erwogen, wie weit man mit acht Stunden Zugfahren von Zürich wegkommt. Denn die Ausgangssituation, die wir uns denken sollen, ist, dass wir einen leicht derangierten Mann mit einer Reisetasche am Bahnhofplatz in einer ausländischen Stadt auf einem Betonblock sitzen und auf eine Frau warten sehen, der uns mit allerlei kuriosen Abenteuern zutextet, die er, behauptet er, obwohl sie so wirklich glaubhaft oft nicht klingen, in letzter Zeit „z züri“ überstanden habe.
Das ist zwischen heiter und ernst, nichts davon weltbewegend und, dieses meine große Kritik, einen roten Faden oder Zusammenhang findet man nicht. Da war doch bei Pedro Lenz dieser Loser gewesen, der viel Pech und die falschen Freunde gehabt hat, der jetzt mit der Frau zusammenbleiben und vom Stoff freikommen will. Und dann erkennt der Leser nach und nach, dass der ein ziemlicher Schwaller ist, der auch mal selbst schuld war, aber nach wie vor nichts ändern will. Das ist eine innere Geschichte.
Und die hat man hier nicht. Da gibt es einen bekannten Schriftsteller im Haus überm Hinterhof, den man kennen lernt, weil man – möglicherweise – seiner kleinen Tochter das Leben rettet, als sie übers Fensterbrett krabbelt, indem man einen Avocadokern mit so viel Wums ins Nebenzimmer schleudert, dass die Mutter aufmerkt. Oder die Kupferkabel, die man von einer Baustelle klaut, um sie für ein paar Hundert Franken zu verticken. (Und Oppliger will am Ende nicht, dass wir dem Erzähler misstrauen, wie wir es bei dem von Lenz taten.) Dann die gequält amüsante Geschichte von der Frau, an die man nicht rangekommen ist, weil man ihr zuliebe zu lange in einem toilettenlosen Kulturkeller ausharrte, dann beim Lauf aufs Klo sich in die Hose gemacht hat, die Scharte per Wechsel der Hose gegen eine schnell vom benachbarten FKK-Strand stibitzte auswetzte.
Besagte lila Hose ist unser Reisebegleiter von einer Episode zur anderen. Am Ende befindet sie sich „acht stumpfo züri empfernt“. Vorher war sie vorübergehend im Besitz eines jungen Marokkaners, den man zurück in seine Heimat „ausgeschafft“ hat.
Und ich schieße meine kritische Frage ab: „Ja, was soll's denn überhaupt?“ In-bitwieni irgendwie.