7. November 2013: 40. Todestag von Ingeborg Bachmann
Vor einem New Yorker Gericht wird ein Mörder verhört, zu dessen Opfern Jennifer gehört. Der Täter, der sich selber ‹Der gute Gott von Manhattan› nennt, erzählt nun die Geschichte von Jan und Jennifer, die beinahe das Glück einer vollkommenen Liebe erfahren hätten. Ein Zustand, der das Liebespaar aus der Welt katapultiert und zugleich zu einer Bedrohung für den normalen Lauf der Dinge gemacht hätte. Grund genug für den Angeklagten, die Liebenden in die Luft zu sprengen. Jan entgeht allerdings dem Anschlag, da er sich für einen Augenblick der Beziehung entzogen, alleine einen Drink genommen und Zeitung gelesen hat.
Helfershelfer des ‹guten Gottes› sind die Eichhörnchen Billy und Frankie. Sie werden als falsche Liebesboten benutzt und bereiten die Vernichtung der Liebenden vor.
Ingeborg Bachmanns grosses Thema – die Schuld der Männer am Tod der sie liebenden Frauen – klingt hier zum ersten Mal an.
“What actually is possible, however, is transformation. And the transformative effect that emanates from new works leads us to new perception, to a new feeling, new consciousness.” This sentence from Ingeborg Bachmann’s Frankfurt Lectures on Poetics (1959-60) can also be applied to her own self-consciousness as an author, and to the history of her reception. Whether in the form of lyric poetry, short prose, radio plays, libretti, lectures and essays or longer fiction, Bachmann’s œuvre had as its goal and effect “to draw people into the experiences of the writers,” into “new experiences of suffering.” (GuI 139-140). But it was especially her penetrating and artistically original representation of female subjectivity within male-dominated society that unleashed a new wave in the reception of her works.
Although Bachmann’s spectacular early fame derived from her lyric poetry (she received the prestigious Prize of the Gruppe 47 in 1954), she turned more and more towards prose during the 1950’s, having experienced severe doubts about the validity of poetic language. The stories in the collection Das dreißigste Jahr (The Thirtieth Year; 1961) typically present a sudden insight into the inadequacy of the world and its “orders” (e.g. of language, law, politics, or gender roles) and reveal a utopian longing for and effort to imagine a new and truer order. The two stories told from an explicitly female perspective, “Ein Schritt nach Gomorrha” (“A Step towards Gomorrah”) and “Undine geht” (“Undine Goes/Leaves”), are among the earliest feminist texts in postwar German-language literature. Undine accuses male humanity of having ruined not only her life as a woman but the world in general: “You monsters named Hans!” In her later prose (Malina 1971; Simultan 1972; and the posthumously published Der Fall Franza und Requiem für Fanny Goldmann) Bachmann was again ahead of her time, often employing experimental forms to portray women as they are damaged or even destroyed by patriarchal society, in this case modern Vienna. Here one sees how intertwined Bachmann’s preoccupation with female identity and patriarchy is with her diagnosis of the sickness of our age: “I’ve reflected about this question already: where does fascism begin? It doesn’t begin with the first bombs that were dropped…. It begins in relationships between people. Fascism lies at the root of the relationship between a man and a woman….”(GuI 144)
As the daughter of a teacher and a mother who hadn’t been allowed to go to university, Bachmann enjoyed the support and encouragement of both parents; after the war she studied philosophy, German literature and psychology in Innsbruck, Graz and Vienna. She wrote her doctoral dissertation (1950) on the critical reception of Heidegger, whose ideas she condemned as “a seduction … to German irrationality of thought” (GuI 137). From 1957 to 1963, the time of her troubled relationship with Swiss author Max Frisch, Bachmann alternated between Zurich and Rome. She rejected marriage as “an impossible institution. Impossible for a woman who works and thinks and wants something herself” (GuI 144).
From the end of 1965 on Bachmann resided in Rome. Despite her precarious health—she was addicted to pills for years following a faulty medical procedure—she traveled to Poland in 1973. She was just planning a move to Vienna when she died of complications following an accidental fire.
Das berühmte Hörspiel von Ingeborg Bachmann wurde 1958 zum ersten Mal am Radio ausgestrahlt. Kernthema ist der Unterschied gelebter Liebe - ist sie angepasster bürgerlicher Natur oder verliert sie in der romantischen Leidenschaft jegliche Bodenhaftung? Bachmann schreibt spielerisch, aber auch schnörkellos, übt Sozialkritik und zeigt vor allem ihre begnadete Fähigkeit, Emotionen in Sprachbilder zu übersetzen. Interessant für mich ist, dass genau dieses Hörspiel den Nährboden bildete für die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch. In den Briefen, die sich die beiden schrieben, ist viel von Jan und Jennifer, den beiden Protagonisten des Hörspiels, wieder zu entdecken. Dies macht die Lektüre sowohl der Briefe als auch des Hörspiels doppelt spannend und genussvoll.
Disclaimer: Es ist ein unglaublich verwirrendes Hörspiel, wenn man es sich zum ersten Mal anhört, aber nach Beschäftigung und doppeltem Anhören bin ich sehr überzeugt davon. Die Geschichte spielt sich ab in Manhatten, einem Ort der wohl als Herz des Kapitalismus gelten kann. Die Protagonisten erleben eine tragische und utopische Liebesgeschichte, die verdammt ist unterzugehen und nie eine Chance haben kann, da sie sich in einem schnelllebigen Übergangsraum befindet und Machtdynamiken ausgesetzt ist, der sie als Einzelelement nicht standhalten kann.
Der gute Gott als Metapher für die Ordnung der Welt, einer kapitalistischen und patriarchalen Welt, welche ihre eigene gnadenlosen Ordnung voraussetzt. Diese Ordnung hat ganz eigene Logiken, die die Bewohner dieser Welt akzeptieren und als normal ansehen. Die Eichhörnchen sind ein Symbol für diese eigenen normalisierten Logiken, die man ohne Hinterfragung hinnimmt bzw sogar nach ihnen richtet.
Ich fande die Eichhörnchen auch noch so super spannend, da sie märchenhafte Details in diesem Hörspiel darstellen und als Handlanger des « Bösen » gelesen werden können, der aber durch den im Titel beschriebenen « guten » Gott zumindest sprachlich kontrastiert wird. Diese Liebesgeschichte ist tragisch und zum Scheitern verurteilt und teilweise auch hart zu rezipieren, weil der männliche Hauptprotagonist sich unheimlich unsympathisch verhält und die typischen Geschlechterstereotypen teils sehr anstrengend sind. Ich habe gelesen, dass Bachmann selbst viele eher tragische und zerfallende Liebesgeschichten erlebt hat, unter anderem mit Paul Celan und Max Frisch und fande das Hörbuch in autobiografischer Leseart auch interessant.
Analogien kann man zudem zu Brechts « Der gute Mensch von Sezuan » machen, bei dem ähnliche Machtlogiken des Kapitalismus durchgespielt werden, welche das Individuum deterministisch zum scheitern verurteilt. Auch das Ende kann als gelungen betrachtet werden, da der gute Gott überraschenderweise frei gelassen wurde. Dies spiegelt die Unterstützung und Verteidigung des Systems und der Ordnung einer kapitalistischen und patriarchalen Welt wider.
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Hingerissen werfe ich mich dieser Lektüre zu Füßen! Bachmann trifft den Nerv der Zeit: eingebettet in die Kulisse Manhattens beschreibt sie das Paradoxon moderner Beziehungen und Gesellschaften. Ein Kapitalismus der uns scheinbar alles ermöglicht und doch ein Gefängnis des Gefühls ist. Eine Welt der Ökonomisierung, heute umso mehr vorhanden, lässt das wahrhaftige Lieben zweier Menschen nicht zu. Bachmann zeigt auf, dass große Liebe, wahre Liebe im Grunde ein Widerstand gegen die Konformitätsgesellschaft ist! In der zärtlich kleinen Intimität (hoch in einem Hotelzimmer über der Stadt, weg von der Welt!) artikuliert sich die Sehnsucht nach Freiheit, nach Verwirklichung des eigenen Selbst. Aber dafür gibt es keinen Platz. Der passende Film dazu ist wohl „Lost in translation“, der mir umso lieber wird.
Gibt deutlich schlimmere Deutsch Lektüren (*hust* Woyzeck *hust*).
Ich weiß ehrlich nicht, wie ich das Buch bewerten soll, aber mich hat die Geschichte echt interessiert. Gerade die Raumsymbolik ist wirklich eine Analyse wert! Jan und Jennifer sind zwar die Definition von toxischer Abhängigkeit in einer romantischen Beziehung, aber NAJAAAAAAA…
Obwohl ich mich erstmal nach Interpretationen umschauen musste, um das Ganze besser zu verstehen, finde ich es insgesamt sehr interessant und zum Nachdenken anregend. Jul hat eine gute Bewertung geschrieben, die das wichtigste widerspiegelt.
Wow, was für ein starkes, rätselhaftes, kleines Stück, gespickt mit Anspielungen, Zitaten aus anderen Werken und Aussagen, die man auf den ersten Blick gar nicht zu verstehen vermag. Ich denke, ich muss mir erst einmal so eine Interpretationshilfe für Schüler besorgen und dann noch einmal oder mehrmals das Stück durcharbeiten.
Auf Bolschewikipedia kann man sich wie üblich nicht verlassen, die reden von Kapitalismuskritik, Kaltem Krieg und so. Immerhin haben sie diesmal das Bombenattentat nicht in eine Geschlechtsumwandlung umgedichtet.
Nur kurz, worum es geht: der Europäer Jan kommt nach New York und trifft die Amerikanerin Jennifer. Die beiden verlieben sich umgehend und ihr Liebe ist ungewöhnlich intensiv. Doch schon nach kurzer Zeit ist alles vorbei, weil Jennifer einem Bombenattentat zum Opfer fällt.
Zum Wie, Warum und Wer lasse ich mich nicht aus, nur dass das Stück nicht melodramatisch ist und keinerlei Schmalz aufweist. Alles ganz knapp gehalten und wie gesagt ganz rätselhaft.
Für mich der erste Kontakt mit Ingeborg Bachmann, über die ich heute etwas recherchiert habe nach der Lektüre von Max Frischs "Montauk". Ich fand auch heraus, dass ich IB in meinen Erinnerungen mit IvB, Ingrid van Bergen, vermischt hatte, obwohl die beiden nun echt nicht viel gemeinsam hatten.
Für Schüler halte ich das Stück nicht ganz so einfach. Für gemeinhin haben die ja von Liebe noch nicht so viel Ahnung, nur von Sex. Aber dann denke ich wieder, dass sie durch die Beschäftigung mit so einem Stück über die Sprengkraft der Liebe etwas lernen können und das wäre ja potenziell nicht so schlecht. Es bräuchte dann natürlich einen Lehrer wie in Dead Poets Society und nicht so eine verkniffene Nullnummer wie ich damals hatte.
Ein wirklich schönes und anspruchsvolles Büchlein bzw. Hörspiel. Am besten sollte genug Zeit mitgebracht werden, um es gleich dreimal zu hören, wie die Jury des Bachmann verliehenen Kriegsblindenpreises in ihrer Begründung selbst vorschlägt. Ich habe es zumindest auf zwei Durchgänge gebracht, und es ist wahr, dass mir im ersten Durchgang eher Jans egozentrische und Jennifers allozentrische Vorstellung der Liebe auffielen (frohen feministischen Kampftag!), und die Kritik an bürgerlicher Liebe und Kapitalismus erst später (danke, Agi!). Doch wenn man erst einmal diese fiesen Eichhörnchen Eichhörnchen sein lässt, und begonnen hat sich auf die überbordende Symbolik einzulassen, mit den Liebenden Etage um Etage in die Höhe steigt und Stunde um Stunde in die dunkler werdende Nacht verschwindet, kann man selig werden, auch wenn ein Mörder auf freiem Fuß bleibt, und man weiß, dass er ein ums andere Mal töten wird, ja es hunderttausendfach getan hat, seit dieses Werk 1958 erschienen ist.
Besser als seine Bewertung. Für mich sind es gute 3,5 Sterne. Es ist eben ein schmales Hörspiel, aber sprachlich interessant. Was mir nicht gefallen hat: Es variiert stark in seiner Abstraktion, darin, wie konkret und direkt ein Gedanke ausgedrückt wird. Das Ende fand ich zum Beispiel überraschend deutlich ausgeplaudert, zumindest im Verhältnis zu den Dialogen des Paares (das war mir manchmal zu sehr neben der Spur. Die Message insgesamt ist angekommen, aber ich habe nicht jeden Satz verstanden, was sich eben nur manchmal cool, notwendig, anfühlt). MaW: Ich hätte mir etwas mehr Klarheit in der Mitte gewünscht, dann hätte es sie zum Ende nicht so dick aufgetragen gebraucht.
Das im Jahre 1958 urausgestrahlte Hörspiel „Der Gute Gott von Manhattan“ stellt ein Schlüsselwerk in der Frauenliteratur des 20 Jahrhunderts dar. Im Werk beschreibt Bachmann unter Zuhilfenahme einer wirklich eminent bildlichen und metaphorischen Sprache die herrschenden Bedingungen der kapitalistischen Gesellschaft. Der Status quo wird durch die Liebesbeziehung zwischen den Hauptfiguren Jan und Jennifer infrage gestellt, jedoch ist diese Liebe zum Scheitern verurteilt. Besonders gelungen ist bei alledem der Umstand, dass beide trotz zunehmender Entgrenzung aus der Gesellschaft patriarchales Gedankengut bewahren. Selbst im hohen Stock des Hotels gelingt es Ihnen nicht, sich von den internalisierten Denkweisen des Patriarchats loszulösen. Des Weiteren ist die Entfernung von der alltäglichen Ordnung auch aus finanziellen Gründen auf lange Sicht unrealistisch, weshalb der Gute Gott sporadisch nachvollziehbar wirken kann. Diese Auseinandersetzung der Beziehung zwischen Gesellschaft und Individuum ist Bachmann im Werk also sehr gelungen. Gleichwohl wirkt die Sprache an mancher Stelle willkürlich und unverständlich; überdies verwirrt der Sprung zwischen den verschiedenen Zeitebenen. Ebenso muss beachtet werden, dass jegliche Sozialkritik eher nebensächlich behandelt wird. Der Autorin gelingt es nämlich nicht, die Konsequenzen des Ausbruchs aus geltenden Normen auf sozialer Ebene darzustellen. Vor allem in der Urausstrahlung wird dieser Punkt deutlich, da dort manche Szenen entfernt wurden und somit nur die Folgen des Liebesabsolutismus deutlich werden. Dadurch gestaltet sich - jedenfalls aus meiner Sicht - der Konsum des Werkes trotz interessanter thematischer Aspekte als nur bedingt genussvoll.
Ist ok, war einfach zu lesen und hat mich maximal 1,5h oder so gekostet. Heute Abend gehen wir ins Theater, mal schauen wies wird… Ich fand die Anspielungen auf andere Liebesgeschichten durch Franky und Billy ganz nett und auch, dass die beiden mehrfach (ich glaube 2mal) Anspielungen auf Rumpelstilzchen gemacht haben (Ach wie gut, dass niemand weiß…) fand ich ganz schön. Overall rating: Meh. Muss nicht.
Herr Ewinger meinte neulich auch, dass er sehr froh sei es noch nicht gelesen zu haben. Man verpasst da auch einfach nichts.
ok update: ich fand das Theaterstück eig. ganz witzig, hat sich nur bisschen gezogen (3/5)
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