Werner Spies’ Buch zu Max Ernst ist auf jeden Fall ein gutes und in vieler Hinsicht sehr faszinierendes Buch. Ich mochte es allerdings deutlich weniger als La Belle Jardinière. Beim Lesen wird wieder unglaublich viel wilde, hochinteressante Information gedroppt, und gerade die persönliche Nähe sowie die echte Freundschaft zwischen Spies und Ernst schaffen eine besondere Intimität, die in der neueren Max-Ernst-Literatur ziemlich einzigartig ist. Das macht das Buch oft extrem spannend.
Gleichzeitig habe ich aber große Probleme mit Spies’ Argumentationsführung. Vieles wird kaum oder gar nicht belegt; seine Interpretationen wirken oft nach dem Prinzip: *trust me, I’m the authority*. Er zieht teils sehr gewagte und letztlich nicht nachweisbare Verbindungen, präsentiert sie aber mit großer Sicherheit. Genau das gibt dem Ganzen für mich stellenweise einen etwas ominösen, wenig wissenschaftlichen Beigeschmack.
Wichtig ist dabei auch, dass Spies von einer grundsätzlichen Nicht-Interpretierbarkeit von Ernsts Hauptwerk ausgeht. Diese Linie wird zwar nicht völlig konsequent durchgehalten, gerade im Frühwerk, aber auch generell, gibt es natürlich Werke, die nicht völlig frei von Bedeutung sind und in denen durchaus politische oder andere Aussagen hervortreten. Dennoch folgt Spies bei vielen surrealistischen Arbeiten im Grunde jener Logik, die Ernst selbst dem Betrachter nahelegt: Das Bild ist nicht eindeutig interpretierbar, es ist keine klar entschlüsselbare Aussage intendiert.
Statt klassischer Deutung rekonstruiert Spies deshalb vor allem die Entstehungszusammenhänge der Werke: Einflüsse, Ursprünge, kulturelle Bezugssysteme und die verarbeiteten Elemente, aus denen sich ein Bild herausgebildet haben könnte. Diese Methode finde ich grundsätzlich hochspannend und oft auch produktiver als eine zu direkte Interpretation, gerade weil dabei so viele Verbindungen, Querverweise und kulturelle Netzwerke sichtbar werden. Besonders im Frühwerk, bei den Collage-Einflüssen und im weiteren kulturellen Umfeld Ernsts, ist das Buch deshalb extrem stark.
Was mir jedoch fehlt, ist eine reflektierte Auseinandersetzung mit der Spekulativität dieser Vorgehensweise. Immer wieder kommt es zu sehr unoffensichtlichen, hochspezifischen Herleitungen, etwa zu einem bestimmten Satz irgendwo im Gesamtwerk Nietzsches, zu einem obskuren italienischen Künstler oder zu anderen sehr speziellen Referenzen, bei denen Spies im Grunde sagt: Max Ernst sei offensichtlich davon beeinflusst, auch wenn es dafür keinen Beleg gibt und ein eindeutiger Nachweis kaum möglich wäre. Problematisch ist weniger, dass er solche Hypothesen aufstellt, sondern dass er sie oft mit einer Selbstverständlichkeit präsentiert, die wenig Raum für Zweifel lässt.
Insgesamt fand ich das Buch trotzdem sehr spannend und oft mitreißend. Gerade die Darstellung des Frühwerks, der Collage-Bezüge und des kulturellen Netzwerks um Ernst herum hat mir sehr gefallen. Ich habe es wirklich gern gelesen. Aber methodisch und argumentativ bleibt bei mir ein deutlicher Vorbehalt: unglaublich anregend, oft brillant, aber an vielen Stellen eben auch spekulativ, autoritativ und nicht immer überzeugend abgesichert.