Keine Jahreszeit ist mir unerträglicher als der Fasching. Nicht nur dass er kalendarisch in die zweite und besonders lästige Hälfte des Winters fällt, ich muss auch, zumindest hier in der Provinz, immer damit rechnen, von lustigen, meistens betrunkenen Zeitgenossen aufs Aufdringlichste belästigt zu werden. Man darf ja im Fasching, versteckt hinter der Maske, die dunklen Seiten seines Wesens öffentlich ausleben.
Der Roman spielt in Kärnten, dem österreichischen Bundesland, in dem der Fasching mehr der rheinischen als der alpinen Tradition nahesteht und in Kombination mit der österreichischen Volksdümmlichkeit eine besonders peinliche Ausprägung angenommen hat (ob er gerade deswegen im öffentlich rechtlichen Rundfunk "leif" übertragen werden muss, entzieht sich meiner Kenntnis).
Die Handlung beginnt mit dem Ende des 2.Weltkriegs und beschreibt, pointiert ausgedrückt, den fließenden Übergang vom Faschismus in den Fasching. Der Deserteur Felix Golub ("Wir sind deutsch", sagt seine Tante, "auch wenn wir Golub heissen, das sagt nichts") wird von der Generalswitwe und selbsternannten Baronin Vittoria Pisani (vorm. Pisanič) zuerst versteckt, dann als Hausmädchen verkleidet und entgeht so seiner Hinrichtung. Als Gegenleistung muss er der resoluten Dame im Haushalt und auch sexuell zu Diensten stehen.
Felix rettet den Ort vor der Zerstörung, indem er den Ortskommandanten der Wehrmacht, Lubits, der sich fatalerweise von dem vermeintlichen Hausmädchen erotisch angezogen fühlt, während seiner Annäherungen überrumpelt und mit vorgehaltenem Maschinengewehr zwingt, seinen aussichtslosen Widerstand gegen die russische Übermacht aufzugeben und zu kapitulieren. Die Gemeinde jedoch dankt es ihm nicht, er wird denunziert und geht in russische Gefangenschaft.
Als er nach zwölf Jahren ausgerechnet zu den Faschingsvorbereitungen zurückkehrt, sieht für Felix alles nach Versöhnung aus. Er biedert sich den Kriegsgewinnlern an und versucht sich in Anpassung und Gefügigkeit. Aber der Schein trügt, die bürgerliche Gesellschaft kann es nicht ertragen, dass sie in der Schuld eines als Frau verkleideten Deserteurs steht. Beim Faschingsball lacht Felix bis zum Schluss über den ihm entgegengebrachten Hohn und merkt erst viel zu spät, wie die Situation kippt und in offenen Hass und Gewalt umschlägt.
"Wo kämen wir denn hin, wenn sich plötzlich eine als Mann entpuppt, oder einer gesteht, er ist eine Frau, jeder desertieren kann, wie er will? Das geht höchstens im Fasching […]"
Fritschs Roman ist keine leichte Lektüre. Form und Sprache verlangen vom Leser hohe Aufmerksamkeit. Die Szenen springen zwischen den Zeitebenen vom Ende des Kriegs und Felix Rückkehr hin und her, immer wieder unterbrochen von gedankenstromartigen Erinnerungen und Impressionen. Sprachlich entfernt sich Fritsch deutlich von einer klassischen Erzählweise, er klingt sehr modern, bisweilen fast experimentell. Es wirkt jedoch nie gezwungen, die Sprache verstärkt vielmehr die eindrückliche Wirkung auf den Leser.
Der Inhalt verstört und macht betroffen. Da ist die schlichte Tatsache, dass mit dem Ende des Nationalsozialismus zwar Masken und Kostüme gewechselt wurden, der böse Geist jedoch bis heute nachweht und sogar wieder zunimmt. Ganz deutlich zeigt sich die verhehrende Wirkung des Mitläufertums, der sogenannten schweigenden Mehrheit, der Pflichterfüller und Opportunisten. Ein Deserteur blieb auch nach dem Krieg ein Verräter, ein Feigling. Die Pflichterfüllung dagegen galt als heldenhaft und zählt heute noch als Rechtfertigung. Man bedenke: erst 2009(!) rehabilitierte der österr. Nationalrat (gegen die Stimmen einer heutigen Regierungspartei!) die Opfer der Verfolgung durch die Wehrmachtsgerichte und erkannte "insbesondere Desertion als bewusste Nichtteilname am Krieg an der Seite des nationalsozialistischen Unrechtsregimes als Akt des Widerstands an".
Wie Robert Menasse in seinem Nachwort richtig bemerkt, wird der Leser hautnah mit der Frage konfrontiert, wie er selbst sich in einer Situation verhalten würde, in der er unter dem Druck der Allgemeinheit zuerst vielleicht mitlacht, kein Spassverderber sein will und am Ende zwar nicht mitmacht, aber schweigend zuschaut, wie ein anderer gedemütigt, gequält oder womöglich gelyncht wird. Es sind Szenen, die jeder von uns aus dem Alltag kennt, wenn Spass ganz plötzlich umkippt und grausam wird.
In meinem Bemühen mehr oder weniger vergessene aber herausragende Werke der österreichischen Nachkriegsliteratur zu lesen, ist mir hier etwas ganz Ausserordentliches in die Hände geraten. Dieses Buch gehört eindeutig zu den Höhepunkten dieses Genres.
Der 1967 erschienene Roman wurde damals von Öffentlichkeit und Kritik massiv zurückgewiesen. Man fühlte sich düpiert und gekränkt, dem Autor wurde Einseitigkeit, Übertreibung und Schwarzmalerei vorgeworfen. So ein Bild der Nachkriegsgesellschaft war zu diesem Zeitpunkt völlig unzumutbar. Erst 1995 wurde der Roman auf Initiative Robert Menasses neu aufgelegt und vor einigen Jahren am Burgtheater szenisch umgesetzt. Trotzdem ist Gerhard Fritsch selbst in Österreich nur mehr einem ausgesuchten Publikum bekannt.