Die Bewertung bei dem vorliegenden Buch fällt mir sehr schwer. Voller Spannung stürzte ich mich auf Mascha Kalékos Gedichte aus "Das lyrische Stenogrammheft" und war zunächst ganz begeistert von ihrem Stil, der mich prompt an Erich Kästner erinnerte. Allerdings ähnelte ihr "Geburtstag" zu sehr seinem "Die Existenz im Wiederholungsfalle", als dass ich es noch als originell empfinden konnte.
Insgesamt jedoch bereiteten mir ihre Verse große Freude und häufig ertappte ich mich sogar dabei, dass ich mich beim Lesen dieser gar nicht Ende der 1920er/Anfang der 1930er wähnte, weil ihre dargelegten und Gefühle so zeitlos wirken. Viele von ihnen führen den Leser durch das damalige Berlin und kreisen thematisch stets um Liebe, zwischenmenschliche Beziehungen und das Leben im allgemeinen. - Ja, die Themen wiederholten sich und wirkten mit jeder weiteren Seite melancholischer. Sie sind gefühlvoll, ohne emotional überladen zu sein. Kaléko beobachtet sich und ihre Mitmenschen, den Rhythmus Berlins und des Lebens dort.
Diese Themen sind auch im zweiten Teil des Buches allgegenwärtig, der als "Kleines Lesebuch für Große" ein Jahr nach dem lyrischen Stenogrammheft (1933) veröffentlicht wurde. Allerdings mit zwei auffallenden Unterschieden: Kurzgeschichten verdrängen leider die Gedichte, die ich persönlich als stärker empfand UND es regnet permanent in Zeilen und Versen. Melancholie, Regenfäden, Traurigkeit, Abschiede und schwermütige Gedanken nehmen zu, als wenn Kaléko sie an einem kalten Novembertag, mit Hunger im Bauch und Sehnsucht im Herzen verfasst hätte. - Dieser zweite Teil sprach mich weniger an, weil ich mich einfach nicht auf ihre Kurzgeschichten einlassen wollte. Ich ertappte mich beim Querlesen, als ich entdeckte, dass sie immer wieder von einer ähnlichen Ich-Erzählerin vorgetragen wurden und sie mir Dinge beschrieb, die mich im Moment einfach nicht erreichen.
Die Ausnahme bildet "Regenabend zu Zweien", dass so wunderbar beginnt mit den einleitenden Sätzen: "Damals hatten wir gar kein Geld mehr. Aber auch nicht einen Pfennig." Schwups befinden wir uns in den frühen 30er Jahren, zu Besuch bei einem jungen Paar, das sehen muss, wie es jeden Tag zu einer Mahlzeit gelangt und dennoch lebensfroh den Alltag bestreitet, weil es liebt und das Wenige gemeinsam zu schätzen weiß.
Mascha Kaléko - eine Schriftstellerin, die mich anspricht, berührt und neugierig auf mehr ihrer kleinen Kunstwerke macht.