tragische aber doch unterhaltsame Geschichte einer jungen Frau, die durch die Liebe ihren Antrieb, ihre Klarheit und Perspektive verliert/aufgibt und immer mehr lebt, wie es ihr eigentlich nicht gefällt und zuwider ist, der Liebe zuliebe. mit letzter Kraft schafft sie es, sich endlich von Martin zu lösen, und es bleibt offen, ob es ihr gelingen wird, sich und ihr Kind alleine zu versorgen. Gilgi ist eine komplexe Figur, die ich sehr lieb gewonnen habe, eine moderne Frau, die selbstbestimmt und unabhängig sein will, die fleißig und sozial intelligent ist, sich aber zugleich von Martin ausbremsen lässt und ihn so liebt und geliebt werden will, dass sie sich ihm anpasst und sich selbst und ihre Ideale und Lebensweise vernachlässigt. so, wie Martin beschrieben wird, ist mir überhaupt nicht klar geworden, was sie an ihm findet, er ist 21 Jahre älter, „es macht ihm Spaß, mit ihr zu hantieren wie mit einer Puppe”, ist faul, macht ständig Schulden usw ..
Der Stil, der zwischen auktorialem und personalem Erzählen changiert und teilweise Richtung Bewusstseinsstrom geht, macht die Erzählung sehr unterhaltsam und schnelllebig, man bekommt meist sehr gute Einblicke in Gilgis vielschichtige Gefühlswelt, teils aber auch in die anderer Figuren.
Zitate:
„Hübsch ist das, so still nebeneinander zu liegen. Man denkt und spricht sich nicht auseinander, man atmet sich zusammen.” (79)
„Vielleicht will man zuviel. Man will sein ganzes bisheriges Leben behalten, mit seiner Freude am Weiterkommen, seiner gut geölten Arbeitsmethode, mit seiner harten Zeiteinteilung, seinem prachtvoll funktionierenden System. Und man will noch ein anderes Leben dazu, ein Leben mit Martin, ein weiches, zerflossenes, bedenkenloses Leben. Und das erste Leben will man nicht, das zweite kann man nicht aufgeben.“ (81)
„Gilgi kriecht immer tiefer in ihre Ecke.
Sie ist todunglücklich, aber es gefällt ihr, daß er so wütend ist. Noch tausendmal lieber hat sie ihn jetzt, vorausgesetzt, daß das überhaupt möglich war.
‚Na, nun heul nicht.’ Schon besänftigt kommt Martin näher. Wundert sich selbst, daß er das drollige, dumme kleine Ding so ernst nimmt. Er hebt sie aufs Fensterbret, es macht ihm Spaß, mit ihr zu hantieren wie mit einer Puppe. Sie zieht sich eine breite Haarwelle übers Gesicht.” (85 f.)
„Und Gilgi schwimmt im Strom der überflüssigen Gefühle. Überflüssig? War's einmal, schien's einmal. Ist sie nicht glücklich? Doch. Oft. Aber die glücklichen Stunden sind teuer. Prompt wird die Rechnung präsentiert. Bezahlen! Womit? Mit Angst und kleinen Schmerzen. Nein, der Preis ist mir nicht zu hoch, find' nur die Münze merkwürdig. Angst - Schmerz! Wem zahl' ich? Wer gewinnt durch diese komische Münze? Gilgi fühlt das Unpersönliche in Martins Liebe. Gewiß - er hat sie lieb, nimmt sie sogar ernst - auf seine Art. Aber es fehlt was, es fehlt die Gemeinsamkeit inneren und äußeren Lebens. Gilgi grübelt, denkt nach - eine schwere und ungewohnte Arbeit.” (86)
„was ist denn mit mir? Warum habe ich keine Worte - für Martin - und für mich auch nicht? - Da sind zwei Schichten in mir - und die obere, die diktiert - alltägliche Worte, alltägliche Handlung - kleines Mädchen, kleines Maschinenmädchen, kleines Uhrwerkmädchen - drunter die untere Schicht - immer ein Wollen, immer ein Suchen, immer Sehnsucht und Dunkel und Nichtwissen - kein Wissen um Wohin - kein Wissen um Woher. Ein Denken ohne Worte, ein Wissen hinter den Worten - ein Wachsein im Schlaf - hinter Lachen ein Weinen - - - die undurchschnittene Nabelschnur - Band an die dunkle Welt. Und die graue Welt und die helle Welt kennt man und weiß man - und die dunkle Welt wollte man nicht wahrhaben und versucht, sie immer noch fortzulügen. Aber sie ist da - für jede - jeden. Und einer sagt Leid und einer sagt Schmerz und einer Verbrechen - Schmutz - oder Gott - kein Wort trifft zutiefst hinein.
Was - bin - ich - denn - nur? Alles Böse und alles Gute - das ist ein Mensch - und Himmel und Hölle - das ist ein Mensch - das Traurigste und Lächerlichste - ein Mensch. Das Verschlossenste und Bereiteste - ein Mensch. Und Krieg und Frieden - das ist ein Mensch - und Mordbegier und Mariawunsch, zu gebären - ein Mensch. Fremdestes senkt sich in dich hinein, läßt Eigenstes aufstehn - in dir, in dir - alles in dir - alles, alles, alles in dir. Und was dein Gedanke will, liebt dein Körper - und was dein Körper liebt, will dein Gedanke. Ist eine steile Flamme, das blasse Mädchen - hat Augen, die sprechen, Augen, die schreien - ist eine wie alle - weiß viel von sich, weiß nichts von sich.” (141)