Einer der bekanntesten Costa-Ricanischen Schriftsteller erscheint – nicht völlig überraschend – hierzulande nur in einem Kleinverlag. Dabei spricht das für die gründliche Auswahl des Buches und sicherlich nicht gegen die Qualität.
„Los peor“ („das Schlimmste“) ist der Originaltitel des Romans – gleichzeitig der Familienname des Mönches Jeronimo Peor und seiner Schwester, der durch die Abänderung und die Fokussierung auf die offensichtliche Handlungsebene um den Mönch, der nicht mehr Mönch ist und gewissermaßen in eine mythische-lateinische Welt entfloh, und das von ihm erzogene einäugige Kind, das auf seine Initiative hin odysseischen Namen Polyphem erhält, durchaus den starken gesellschaftlichen Bezug vernachlässigt.
Die Welt erscheint als eine doppelte: die magisch-mythische, historisch-idyllische des Mönches Jeronimo. Die Geburt des Kindes erscheint als Wunderwerk, die Wiederkehr der mythischen Gestalten ihm als angemessen und im Rahmen der normalen magischen Dimension der Welt. Eine solche nimmt auch die Stadt ein, die er nicht nur geschmacklich erfährt indem er den Gehweg da und dort ableckt, sondern die auch in ihrer historischen Dimension, mit alten Bahnen, Plätzen und entschleunigtem Leben ohne Automobilität in den nicht-sehenden Augen seines blinden Freundes lebendig sind – und so wird auch Jeronimo, dessen Erzählungen lauschend, auf den gemeinsamen Spaziergängen blind und sieht das San José vergangener Zeiten.
Dem mythischen Bild entgegen steht ein technischer Realismus entgegen, der das fehlende Auge im Sinne bspw. der Contergan-Kinder als Fehlbildung aufgrund des massiven Kontaktes zu Pflanzengiften in Beziehung setzt. Der Realismus, der von Seiten des das Kind betreuenden Arztes vertreten wird, der den Fall ob seiner Originalität faszinierend findet, aber doch auch die Reaktion der Umwelt und seiner möglichen Kollegen als entmenschlichend, diskriminierend und zu objektifizierend charakterisieren würde. Aber „unten“ und jenseits der bürgerlichen Normalität, inmitten des Bordells in dem der kleine Polyphem aufwächst, ist er akzeptiert oder schlicht kein Raum mehr, sich über die Welt in herablassender Art zu wundern.
Selbst im jungen Tod Polyphems, nach vorsichtigem Kontakt mit der Umwelt und dem Nicht-Wundern der anderen Straßenkinder über sein eines Auges – und doch dem Zweifel Jeronimos an das Gelingen der Erziehungen im magischen, bleibt die Welt in den Augen Jeronimos die mythische und scheitert doch für die anderen Protagonisten des Romanes. Für den Mönch verwandelt sich das Kind in einen Limonenbaum, für die anderen ist es tot. Das letzte ist die eigene Wandlung in einen Baum:
„Und Jerónimo begann zu fühlen, wie seine Glieder starr wurden, wie seine Haut hart wurde, und seine Füße wuchsen und tiefer in die Erde eindrangen. Bevor er gänzlich erstarrte, schaffte es Jerónimo noch, seine Handflächen zu Schalen zu formen, in Gedanken an die Nester der Vögel, die er beherbergen würde, und er fühlte, wie sich sein Blut in Saft verwandelte, wie in einem wundersamen Erguß der ursprünglichen Wasser, aus denen die Welt erstanden war. Die Vereinigung mit der Erde entrückte ihn mehr und mehr von der Natur der Menschen, und Gott war da in Ihrer ganzen Pracht…“
Als die Verwandlung schließlich bricht, bricht auch der letzte Moment der Hoffnung auf den Sieg der magischen, idyllischen Welt. Und so bricht Jerónimo als letzter Hoffender und stirbt. Der Realismus kommt schließlich zurück und lässt die Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen bis zum Ende bestehen. Besonders begeisternd an diesem Buch sind die Übergänge und die Koexistenz der magischen und der realistischen Welt. Daneben es ein zärtlich geschriebener Großstadtroman mit beeindruckenden Figuren.