Jean-Paul Sartre ist einer der wichtigsten und einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Durch seine Schriften wurde die Philosophie des Existentialismus auf der ganzen Welt bekannt und seine öffentlichen Skandale und zahlreichen Liebesaffären machten aus ihm schon zu Lebzeiten eine Legende.Der Philosoph und Autor Gary Cox lässt Sartre in seiner Biographie lebendig werden und folgt seinem Lebensweg von den ersten Jahren als altkluges Kind, das nicht aus der Bibliothek seines Großvaters gelockt werden konnte, über seine Zeit als Kriegsgefangener und Résistancekämpfer im Zweiten Weltkrieg bis hin zu seinem politischen Engagement nach dem Krieg.Gespickt mit allerhand humorvollen, aber auch tragischen Anekdoten aus dem Leben dieses Ausnahmedenkers gibt Gary Cox einen umfassenden und packenden Einblick in das Leben und Werk des bedeutenden Philosophen.
Gary Cox is a British philosopher and biographer and the author of several books on Jean-Paul Sartre, existentialism, general philosophy, ethics and philosophy of sport.
Es war schön, mal wieder über Sartre zu lesen. Getrübt wurde das Vergnügen allerdings von einer Art der Behandlung des biografischen Themas, die vielleicht der (?) Jugend zu-, mir aber nichts sagt. Was soll z.B. notwendig sein, um die "volle Mannesreife" und mithin "einen Zustand unvermeidbarer Verantwortung zu erreichen"? Krieg natürlich! "Der Wahnsinn des Krieges hatte ihn endlich erreicht." Endlich? Nun ja, der Autor lässt seine Leser/innen dann wissen, dass das Großgenie mit "seinen primitiven Kameraden nicht viel anzufangen" wusste. Trotzdem, oder gerade deswegen ist das vielleicht so einschränkend formuliert, hatte er "genau wie Marx diesen naiven Glauben" (S. 81) an das Proletariat. Und Proleten sind dann halt im Gefangenenlager auch ganz anders als Genies: Während die "einfachen Menschen ihre Exkremente fraßen, tat er das, was jeder gesunde Mensch mit ein wenig Intellekt... tun würde: Er tauchte in die ewigen, abstrakten und erbaulichen Wahrheiten der Philosophie ein." (S. 83) Wenn mich etwas anwidert, dann ein solcher Gestus der Überlegenheit eines "Geistesmenschen" über exkrementefressende Normalos! Ich kann nicht aufhören, solche mich als Leser verstörende Textstellen anzuführen, die bisweilen auch noch grotesk naiv daher kommen: "Zugleich war Sartre selbstverständlich niemand, der sich mit seiner Situation als Gefangener länger abfand als nötig - vor allem, da es dort keine Frauen gab." (S.85) Was müssen das für Idioten sein, die sich länger als nötig nach Gefangenschaft sehnen? Etwa solche, die nicht auf Frauen stehen? Die müssen dann natürlich auch nicht warten, bis diese "launisch(en), flatterhaft(en) und kapriziös(en)" Wesen ihnen "ihre Jungfräulichkeit schenken" (S. 72). Wenigstens aber kann man so einem Großgenie wie Sartre, ach nein, so einem "Rockstar", keinen Vorwurf daraus machen, auf diesen Verlust gedrungen zu haben: "Wie alle Rockstars hatte auch er willige Groupies." (S. 167). Um das veraltete Frauenbild evtl. früherer Biografien zu korrigieren, konnte diese (überflüssige) Biografie jedenfalls nicht geschrieben worden sein! Angesichts der immer wieder durchscheinenden Verachtung Cox' dem Marxismus, den einfachen Leuten und den kommunistischen Attitüden Sartres gegenüber, hätte mich sein Kommentar zur "Theorie der gesellschaftlichen Praxis" interessiert. Zwar attestiert er dem misslungenen Werk eine anhaltende Wirkung auf Erneuerungsbestrebungen des westlichen Marxismus, schließt dann aber mit einer grotesken Fehleinschätzung aller Intentionen von Marx/ Sartre: "Als Marxist identifiziert Sartre den Kapitalismus als das fundamental Böse." (S. 171) Nein, so blöd war Sartre nicht, dass er die Lobeshymnen hätte übersehen können, die Marx und Engels der umwälzenden, alles Alte unter sich begrabenden Dynamik des nach Fortschritt strebenden Kapitalismus widmeten! Freilich sahen die beiden die Schattenseiten in diesem Prozess ganz deutlich, aber indem sie "Kapital" als ein "sachliches", ein "gesellschaftliches Verhältnis" fassten, enthielten sie sich jeder Moralisiererei. "Das Böse" kommt aus Hollywood und Cox wollte wohl dafür ein Script liefern! Im Falle eines Hollywood- Films über Sartre könnte man verstehen, dass der sich als "Rockstar" besser verkaufen ließe. Dann würden auch solche Sätze (man sieht die Szenen vor sich!) passen: "Sartre mag Ende der Fünfzigerjahre die meiste Zeit vollkommen zugedröhnt gewesen sein, aber es half ihm nicht dabei, auf künstlerischer Ebene lockerer zu werden." (S.171) Man versteht: Die Lektüre dicker Bücher ermüdet und so kommt man leicht drüber weg, sich mit dunkler Philosophie nicht weiter auseinandersetzen zu müssen. Das würde jugendliches Publikum langweilen, denn so was wie "Das Sein und das Nichts" war schon "damals wie heute mehr oder weniger unlesbar." (S. 97) Gut, dass der Großdenker und Popbiograf Cox seinem Publikum auch keine unnützen historischen Differenzierungen zumutet. Russen waren Russen, sind heute wieder "die Russen", und am Ende hat es auch keine böse Sowjetunion gegeben; es reicht, wenn der (westliche?) Leser - wie früher ja auch - weiß, dass es sich um "Russland" handelte, das verlorene Gebiete zurückeroberte und das Sartre später immer wieder einer Liebschaft wegen bereiste. Chrustschow war übrigens Ukrainer, aber was stört das den Cox? Ob Stalin auch Russe war, habe ich gerade vergessen. Jedenfalls war Sartres Haltung zum kommunistischen Russland wie zum Kommunismus überhaupt "verwerflich und nur durch ihre [Merleau- Ponty ist mit gemeint- F.S.] unfassbare Naivität zu entschuldigen." (S. 135) Da muss man sich als Leser/in nun glücklich schätzen, dass der Biograf so ganz und gar nicht "naiv" daher kommt, sondern alles weiß, was der dumme Sartre als Zeitgenosse erst langsam mitbekommen musste. Man sieht förmlich, wie sich Cox auf die Schultern klopft. Toll, wie du es als Professor so schön weit gebracht hast! Nein, jetzt habe ich keine Lust mehr fortzusetzen. Es dürfte deutlich geworden sein, was ich meine. Gibt es gar nichts Gutes? Naja, doch, vielleicht erreicht diese Art Schreibe junge Leute, die ein bisschen mehr als den Inhalt eines Wikipedia- Artikels über Sartre wissen wollen, sich vor allem für Frauen- Geschichten interessieren und ansonsten nicht willens oder in der Lage sind, z.B. die dicke und unübertroffene Biografie von Annie Cohen- Solal zu lesen und sich damit auseinanderzusetzen. Dafür, als Appetit- Happen für junge Leute, die hoffentlich später klug genug werden, sich eigene Urteile zu bilden, oder aber für diejenigen, die sonst nie was über Sartre erfahren würden, ist das Buch geeignet. Es liest sich so weg und nervt nicht mit unverständlichen Sätzen oder schwer verständlichen Zusammenhängen. Also: Sportliche Note irgendwo bei 2,5, künstlerische bei 10,0 - wenn man sich an der kitschigen Kürmusik nicht stört.