Das Sachbuch des renommierten Verhaltensbiologen Norbert Sachser ist ein kurzer und leicht verständlicher Abriss des aktuellen Stands der Verhaltensbiologie, welche in jüngerer Zeit einen bemerkenswerten Wandel durchlaufen hat. In acht Kapiteln, die unabhängig voneinander zu lesen sind, werden die wichtigsten Themen behandelt. Dabei wird die Theorie immer sehr anschaulich mit Berichten aus der Praxis unterlegt, es geht um unsere Freunde und Verwandten - Meerschweinchen, Affen, Ratten, Krähen, Finken, Käfer, Hirsche - die uns alle viel näher stehen, als man lange glauben wollte.
Einige Themen fand ich speziell interessant, zum Beispiel, wie die alte Kontroverse Vererbung versus Umwelteinfluss in Auflösung begriffen ist, wie altruistisches Verhalten genauso wie Aggression im Sinne der evolutionären Selektion funktionieren kann, oder wie die Erzählung von der Erhaltung der Art durch eine neue Sicht von der Erhaltung des Individuums abgelöst wird. Dass tierisches Verhalten nicht nur instinktgesteuert ist und dass Tiere je nach Art auch hochentwickelte kognitive Fähigkeiten, ein Bewusstsein und komplexe Emotionen haben können, ist für Tierfreunde nichts Neues. Klar, subjektive Erfahrung ist nicht wissenschaftlich, trotzdem sehe ich eine gewisse anthropozentrische Arroganz darin, dass Wissenschaft diese Beobachtungen so lange ignoriert, ja bestritten hat und erst in den letzten Jahrzehnten begonnen hat, sich dafür zu interessieren.
Dazu passend ist mir auch wieder aufgefallen, wie Wissenschaft trotz ihres Objektivitätsanspruchs immer auch von Zeitgeist und gerade aktuellen Narrativen beeinflusst wird. Bis vor kurzem nahm man an, dass es nur die Männchen sind, die sich aktiv um die Weitergabe ihrer Gene bemühen und die Weibchen sich dabei passiv verhalten, neuerdings zeigt die Soziobiologie (eine relativ junge Sparte der Biologie), dass die Weibchen sich dabei genauso aktiv verhalten - so what!
Die Lektüre provoziert mich aber auch zur Frage, ob die Erkenntnisse der Verhaltensbiologie auch in Bezug auf das Säugetier Mensch in gebührender Weise überprüft und angewandt werden. Beispielsweise wird sehr detailliert erforscht, wie Umweltstress bei Ratten oder Meerschweinchen die Ausschüttung von Cortisol dauerhaft erhöht, wodurch das Immunsystem ernsthaft geschädigt wird. Wie ist das bei der Haltung des Homo Sapiens in Großraumbüros oder Logistikzentren?
Die einzelnen Kapitel werden für jede Leserin, jeden Leser je nach Interessenslage und Wissensstand recht unterschiedlich ergiebig sein - für mich brachte etwa das Kapitel über Kognition und Intelligenz nichts wirklich Neues. Der Zweck des Buches ist es aber, einen allgemeinen Überblick über das weite Feld der Verhaltensbiologie zu bieten und neue Entwicklungen aufzuzeigen, mit dem Resümee, dass die Kluft zwischen Tier und Mensch in unserem Verständnis immer kleiner wird. Das wurde jedenfalls ausgezeichnet umgesetzt, ich fand das Buch spannend und es hat mich zu neuen Gedanken und weiterführenden Recherchen angeregt.