Die erste zeithistorische Untersuchung zur Treuhandanstalt, ihrem Personal und ihrem so vielschichtigen wie widersprüchlichen Arbeitsauftrag. Die Treuhandanstalt war eine der umstrittensten Organisationen in der deutschen Geschichte. Als »größtes Unternehmen der Welt« führte sie einen Vermögensumbau von bisher unbekanntem Ausmaß durch. Zwischen kollabierendem Realsozialismus und sich globalisierendem Kapitalismus überführte ihr Personal die »volkseigenen« Betriebe der DDR vom Plan zum Markt. Verkäufe an zumeist westdeutsche Investoren, Branchenabwicklungen und Massenentlassungen prägten ihre krisengeschüttelte Geschäftspraxis nicht weniger als wütende Proteste, politische Kontroversen und öffentliche Skandale. Jenseits zeitgenössischer Bewertungen als alternativlosem »Erfolg« oder neoliberale »Abwicklung« wirft Marcus Böick erstmals einen zeithistorischen Blick auf den widersprüchlichen Auftrag des Wirtschaftsumbaus und rückt dessen Personal in den Fokus. An der Schnittstelle von Wirtschafts- und Kulturgeschichte zeichnet der Autor mit präzisem Blick die zugrundeliegenden Ideen, den dynamischen Organisationsalltag und die facettenreichen Erfahrungen der Mitarbeiter nach, die die Transformation so maßgeblich wie unvorbereitet mitgestaltet haben.
Die Thematik Treuhand ist selbst 25 Jahre nach ihrer offiziellen Auflösung immer noch ein heißes Eisen ob ihrer Rolle während der Vereinigung Deutschlands. Meist wurde die eigene Position zur Rolle der Treuhand aus verkürzten / kurzen und tendenziösen Quellen übernommen und wird seitdem verteidigt und beibehalten. Alles was die einst übernommene Position bestätigt ist wahr und alles was sie gefährden könnte eine Lüge. Das Buch "Die Treuhand - Idee - Praxis - Erfahrung" geht erfreulich untendenziös an die Thematik heran und erlaubt dem geneigten Leser zu verstehen, dass komplizierte und komplexe Thematiken und Ereignisse nicht per se gut oder schlecht sind, sondern eben gute und schlechte Seiten haben.
Das knapp 800 Seiten umfassende Buch ist in drei Themengebiete untergliedert: "Ideen- und Konzeptgeschichte. Wege und Alternativen zum deutsch-deutschen Treuhand-Modell", "Organisations- und Praxisgeschichte. Die Treuhandanstalt im Alltag des Wirtschaftsumbaus" und "Sozial- und Erfahrungsgeschichte. Typologien und Erzählungen einer Übergangsgesellschaft". Eine Einleitung beschäftigt sich mit dem Umgang der Treuhand im wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Umfeld und erläutert die eigene Herangehensweise an die Thematik. An die drei Kapitel schließt sich ein kurzes Fazit, eine Danksagung, ein Quellen- und Literaturverzeichnis und ein Personenregister an.
Das Buch hat sehr viele Anmerkungen, die dankenswerterweise als Fußnoten und nicht als Endnoten umgesetzt sind, sodass man sie gleich im Zugriff hat, ohne dass sie den Textfluss stören. Wo in anderen Büchern die Anmerkungen als Endnoten versteckt sind und erst lästig zu suchen sind, hat dieses Buch meine Vorliebe zu Fußnoten geweckt.
Dem Autor gelingt es zu zeigen, dass die Treuhand nicht einfach "gut" oder "böse" ist. Die Treuhand hatte eine riesige Aufgabe zu bewältigen und war im Umfeld der Politik, der ausführenden Personen, der Verantwortung für Land und Menschen und der geschichtlichen Bedeutung immer gewissen Begrenzungen und großer Freiheit ausgesetzt, die selbstverständlich in jede Richtung hin genutzt wurde.
Wer sich ernsthaft mit der Treuhand beschäftigt oder diskutieren will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Wer sich aus wenigen Seiten langen Artikeln oder kurzen Dokumentationsfilmchen seine Meinung gebildet hat, hat nur in Ausschnitten die unglaubliche Komplexität der Thematik gesehen und sollte in Diskussionen sehr sehr vorsichtig vorgehen. Erst mit diesem Buch, das die Entwicklung der Treuhand aufzeigt, das Umfeld in Betracht zieht, die beteiligten Personen zu Wort kommen lässt, erst mit diesem Buch ist ist eine Diskussion auf gehobenem Niveau möglich.