+++Vorab+++
Ich wollte dieses Buch wirklich mögen!
"Roma Nova" von Judith C. Vogt vereint alles, was man sich nur wünschen kann, ein spannendes Settig auf einem Planeten, der dem alten Rom nachempfunden ist, eine Aufstand von Sklaven und Gladiatoren, eine Seherin, die nach Rache dürstet. Das Ganze geschrieben von einer weibliche SF-Autorin mit frischem Wind in den Segeln, die einen über 600 Seiten starken Roman abliefert.
Da sind viele gute Voraussetzungen dabei, viel Stoff für eine spannende Geschichte. Aber was gut anfängt, entwickelt sich schnell zu einem eher seichtem Intrigenspiel mit viel zu vielen Figuren. Aber erst mal alles auf Anfang.
VORSICHT SPOILER!!!
+++Der Anfang+++
Zu Beginn der Geschichte sind wir auf einem Vergnügunsraumschiff. Die reiche Oberschicht des Planeten Rom frönt ihren Ausschweifungen. Wir lernen viele Figuren kennen, von mindestens einer erfahren wir die komplette Lebensgeschichte, aber einige Seiten später ist das alles egal, denn bis auf drei Leute überlebt keiner diese illustre Fahrt. Das Schiff wird angegriffen von dämonenhaften Wesen aus dem Hades und die drei Überlebenden flüchten zurück auf den Planeten Rom.
Dieser Anfang ist (bis auf die eine oder andere Lebensgeschichte) wirklich gelungen. Ich war sofort in der Geschichte drin und begeistert von der Stimmung die aufkam. Auch der Überlebenskampf und die anschließende Flucht wurde sehr gut beschriebe. Leider kann diese Euphorie danach nicht mehr gehalten werden.
+++Wordbuilding+++
Die Beschreibung der Welt Rom ist das Glanzstück der Autorin. Der Planet, der nahezu komplett von einer riesigen Stadt eingenommen ist (bis auf ein paar Flecken Meer), wir hervorragend beschrieben. In der Oberstadt leben die reichen Leute Roms. In der Mittelstadt bieten Händler und Künstler ihre Waren feil. Und in der Unterstadt herrscht Armut und Verbrechen.
Weiterhin gibt es Tempel für die verschiedenen Götter, manche sogar an Stellen, die man nicht erwarten würde. Aufzüge, die zwischen den Ebenen hin- und herfahren, Züge und Baren, mit denen man sich fortbewegen kann, werden sehr gut beschreiben. Man merkt, dass sich hier viele Gedanken gemacht wurden. Der Schreibstil der Autorin malt einem die Stadt mit aller Schönheit und Hässlichkeit direkt in den Kopf.
+++Figuren+++
Leider dehnt sich der Schreibstil nicht auf die emotionale Ebene der Figuren aus und bleibt eher kühl beschreibend. Egal ob die Personen ängstlich, freudig, wütend oder traurig sind, Emotionen werden immer nur gesagt, nie wirklich gezeigt. So bleiben für mich wirklich alle Figuren einfach nur leere Hüllen, die da sind, um die Handlung voranzutreiben. Oft habe ich zwischen drin auch manche Figuren total vergessen oder konnte sie nicht mehr zuordnen, weil sie so blass sind, dass sie keinen Eindruck hinterlassen und man sie gleich wieder vergisst.
Die enorme Fülle an Figuren ist dabei nicht hilfreich. Ich hatte das Gefühl geradezu von Figuren ihren Namen, Titeln, Rängen, Bezeichnungen usw. überrannt zu werden. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sich sechs Personen in einem Raum aufhalten, aber am Ende waren es nur drei, und jeder spricht den anderen anders an. Die übergeordnete Erzählerperspektive macht es in dem Fall noch komplizierter, denn manchmal war mir nicht klar aus welcher Perspektive die Geschichte nun berichtet wird.
Anfangs dachte ich, dass ich die Geschichte aus der Sicht, der drei Überlebenden erleben würde. Da haben wir zum einen den reichen Geschäftsmann Lucius Marinus, der auf der Vergnügungsfahrt seinen Sohn und ein Haufen Geld verloren hat. Seine Tochter Constantia, die um ihren Bruder und diverse Freunde trauert. Und Ianos, der Sklave der Familie. Tatsächlich gibt es einige Kapitel, die aus der Sicht, dieser drei geschrieben sind, doch schnell kommen andere Figuren hinzu und bei manchen war ich mir in keiner Weise sicher, wozu sie eigentlich da sind, andere wurden angeteasert und ich hatte das Gefühl, sie würden noch irgendwie wichtig werden, aber sie waren nur Plotdevices.
Da haben wir zum Beispiel "Den Faber", der Masken herstellt, die den Träger aussehen lassen wie eine andere Person. Es wird oft gerätselt, wo er lebt, wo seine Werkstatt ist, wer er ist. Aber er erscheint nie. Schade.
Oder die Gesetzlose Bakka, die angekündigt wird und auch erscheint, ein paar verheißungsvolle Szenen hat und am Ende nur dazu da ist, ein paar Daten von A nach B zu übertragen.
Vielleicht wäre es an dieser Stelle ratsam gewesen eher weniger Figuren in die Welt zu werfen und sich mehr auf die zu konzentrieren, die für die Handlung wichtig sind?
+++Lose Handlungsstränge+++
Bei einer solchen Fülle an Figuren, die alle auch mehr oder weniger einen eigenen Handlungsstrang haben, kann man den Überblick verlieren. So verliefen manche manche davon im Nichts oder wurden nur geringfügig beendet (wobei ich einräumen möchte, dass ich möglicherweise selbst den Überblick verloren hab).
Beispielsweise gibt es den Handlungsstrang, dass Constatias anderer Bruder (der noch lebt) will, dass sie einen der Geschäftspartner ihres Vaters heiratet, damit dessen Sohn zur Hochzeit nach Rom kommt. Aber WARUM besagter Sohn da sein soll, wird irgendwie nicht klar.
+++Schreibstil+++
Wie bereits erwähnt hat Judith C. Vogt ein besonderes Talent dafür Welten zu bauen und zu beschrieben. Die meiste Zeit schreibt sie flüssig und die Actionszene zu Beginn, in der Arena und beim Endkampf sind gut dargestellt. Jedoch verliert sie sich manchmal in Schachtelsätzen, die sehr konstruiert wirken.
+++Das Ende+++
Ich wiederhole SPOILER, SPOILER, SPOILER!!!
Das Ende der Geschichte lies mich geradezu wütend zurück. Ich habe kein Happy End erwartet, aber das war wirklich hart. Nach allem, was die Figuren erleben mussten, nach dem Aufstand, der Schlacht, nach großen Opfern, ändert sich einfach GAR NICHTS! Rom ist noch immer der gleiche Planet wie vorher. Vielleicht sollte das die Aussage sein? Egal, was du tust, es ändert sich nichts?
Mit dieser Frage beendete ich das Buch und blieb ratlos und wütend zurück.
Es gibt noch ein paar Sachen, die ich gerne angesprochen hätte, aber die Rezension ist so schon ziemlich lang, also erzähle ich noch was zur Gestaltung.
+++Gestaltung des Buches+++
Die Cover-Illustration ist von Arnd Drechler und zeigt den Planeten Rom, die reiche Oberstadt und eine Frau. Gestaltet wurde das Cover von Guter Punkt, die Schrift und Bild gut zu einem ganzen vereint haben.
Für den Buchsatz ist hanseatenSatz-bremen verantwortlich und die haben leider keine so gute Arbeit geleistet. Aber Buchsatz-Fehler fallen den meisten Lesern eher weniger auf (es sei denn, sie sind so designverliebt wie ich).
+++Fazit+++
Weniger Figuren und weniger verwirrende Handlungsstränge hätten der Geschichte gutgetan und Platz gegeben für die Entfaltung von Emotionen (egal welcher Art), die den Figuren mehr Tiefe verliehen hätte. So bleibt zwar eine an sich spannende Geschichte, die jedoch im Wirrwarr der Nebenstränge untergeht.